Wontag den 6. Ianua
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Kelmuiv von Lov'en.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.»
Aber !vas kann das alles helfen? — Während er noch darüber nachdachte, hatte er idjctt Hut und Ueberziehcr angelegt und ging die Treppe herunter. Ein Taxameter brachte ihn schnell an Ort und Stelle. Bor den mit unzähligen Glühlichtlämpchen erhellten Schaufenstern des Magazins Fuchs und Gansel stieg er aus, bezahlte den Kutscher und stand dann, noch unschlüssig, die Hände in den Taschen, v r den Spiegelglasscheiben, hinter denen sich die bcwustte kopflose Gesellschaft eleganter Kostüme befand. Einige rotierten, durch einen Mechanismus bewegt, langsam um ihre Achse. Der Anblick rief ihm ein Gefühl körperlichen Unbehagens hervor.
Tie großen Glastüren klappten auf und zu, denn Käufer kamen und gingen. $8<e sah denn eigentlich das hier verkehrende Publikum aus? Er begann, es forschend zu betrachten, nm Rückschlüsse auf die Güte der Ware ziehen zu können.
Während er so verweilte, huschte eine weibliche Gestalt an an ihm vorüber. Sie kam im Schwarm einer aus dem Geschäft tretenden Gesellschaft, von dieser ganz unbemerkt, und eilte hart an Loyscn vorüber. Er erkannte sie gleich Es war die kleine Prvbiermamsell. Ties elende Geschöpf hätte er unter Hunderten wiedeverkannt am starren Blick der stumpfschwarzen Augen. Wie sie auf dem nassen Trottoir hinhuschle, glitt sie aus und wäre fast gefallen, aber sie raffte sich auf und hastete weiter, sich achtlos an Entgegenkommenden vrrüberdrängend —- ein flatternder schwarzer Schatten.
Ihr Anblick hatte Loyscn förmlich einen Ruck gegeben. Das kreideweiße, verstörte Gesicht glich mehr denn je dem Antlitz einer Wahnsinnigen. In ihren Bewegungen lag etwas verstohlen Flüchtendes. Wie ein Blitz kam ihm die Ueberzcugung, daß die Person den Tod fache, und im selben Augenblick war er auch schon hinter ihr her. Er tat dies ganz unbewußt, es war selbstverständlich.
In ihrer viel zu dünnen Kleidung, leicht beschuht, ein schwarzes Tuch um die Schultern geworfen, rannte sie dahin, als habe sie einen Raub in Sicherheit zu bringen oder flüchte sich vor nahendem Verderben — und doch wußte er, daß sie nicht die Verfolgte, sondern die Verfolgende war.
Der Abend war rauh und naß. Ein eisiger Ost blies durch die Straßen, und der ins Gesicht peitschende Sprühregen hatte etwas vom Prickeln und Stechen winterlicher Eisstäubchen. Unter den Wagenrädern spritzte das schmutzige Wasser auf und das Pflaster war schlüpfrig zum Ausgleiten. Angenehm war es nicht, unter diesen Umständen einer Wahnsinnigen folgen— aber er tat es unentwegt.
Nachdem das Mädchen einigemal sinnlos an Entgegenkommende angeprallt und ovn ihnen angeschrien worden war, schien es ihr klar zu werden, daß sie ohne polizeiliche Einmischung zu gewar- tigen, so nicht weitereilen könne. Sie blieb stehen, zog ein k.eincs Geldtäschchen hervor, blickte geistesabwesend hinein und ging
dann langsamer quer über die Straße nach der nächsten Haltestelle der Straßenbahn. Zwei Wageir ließ sie vorübergehen, in den dritten sprang sie.
Schon wollte sich Loysen, der ihr bis hierher gefolgt war, beruhigt abwenden, als er das Schild des Wagens ansah, wieder stutzig wurde und im nächsten Augenblick aufstieg. Er stand . hinten, das Mädchen vorn neben dem Führer. Wenn er sich etwa zur Seite bog, sah er die flatternden Enden ihres Wollspitzem tuches.
Tie Fahrt ging über hellerleuchtete, daun durch dunklere Straßen, über Plätze hin und inner Viadukten durch. Der Wind strich hart um die Ecken. Um die Straßenlaternen wirbelte der Sprühregen in wildem Tanz, gleich einem Heer winziger grauer Schnaken. Fetzt gings durch eine fast menschenleere, öde Gegend, über eine Brücke; Wasser blenkte in der Tiefe und spiegelte einzelne Laternenlichter wieder, das Klingelzeichen schrillte, der Wagen hielt auf eine Sekunde.
Ja, gerade hier, wo er es erwartet hatte, sprang die schattenhafte Gestalt vorn ab und tauchte ins Dunkel wie ein ver- flatternder Schemen. Doch nicht schnell genug, daß er ihr nicht hätte folgen können.
In ihm war alles angespannte, wachsame Besonnenheit und dabei quälte ihn ein sonderbarer Gedanke, so einer, wie sie ihm manchmal kamen: Hättest du das jetzt auch in Uniform getan? Nein, dann doch wohl nicht. Vom Zufall, daß du Zivil trägst, hängt also vielleicht ein Menschenleben ab. So bist du also. Dabei hielt er sich immer in gleicher Entfernung von der Laufenden.
Sie huschte am Quai hin, In der nassen, trüben Luft flackerten dunstige Laternen; braun und dunkel, sich langsam hinschiebcnd, glitt das Wasser der Spree vorüber. Trüben schien sich der Raum ins Unendliche zu dehnen, im Dämmern unterschied man nur undeutlich die schwarzen Umrisse einzelner Häuser-- kolosse.
Das Mädchen ging jetzt langsamer. Sie sah sich nicht einmal um, auch nicht nach rechts oder links. Der Wind zerrte an ihrem dünnen Rock und an dem schwarzen Tuch, daß tue Enden wie zwei Flügel emporstanden. Einmal trat sie dicht an die steinerne Rampe und blickte hinab ins Wasser, aber das Rollen einer Droschke ließ sie zusammensahren und sie ging unauffällig weiter.
Jetzt hielt er es für angebracht, sich ihr so weit wie möglich zu nähern. Es war die höchste Zeit, denn wie ein zum Sprunge bereites Tier, weit übergeueigt, den leblosen Blick in die Tief« gerichtet, stand sie da, dicht über dem Wasser, als eine Stimme sie zurückfahren ließ. Sich hastig umwendend, sah sie nun erst einen Menschen dicht neben sich.
„Was wollen Sie tun?" rief er herrisch. „Kommen Sie vom Wasser fort!"
Ihr Schreck verwandelte sich in besinnungslose Entschlossenheit — im nächsten Augenblick schnellte der schmächtige Körper seinem dunklen Ziel entgegen und wäre in der Flut verschwunden, hätte Loysen ihn nicht im Sprunge zu erfassen vermocht und zurückgerissen.


