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immer baff, Wenn mal was Vernünftiges passiert. Und man weiß dort gar nicht, weshalb es auf einmal so kam. Die Guckkästen, die sich Tageszeitungen nennen, geben ganz falsche Bilder von der Geschichte. Sie dürfen oft gar nicht die Wahrheit erzählen, weil sie politische Verwickelungen fürchten. Die Zeitung aber, die sich „Guckkasten" nennt, sagt die Wahrheit, und wenn darob die Welt unterginge oder der „Verantwortliche" fünf Mark Strafe zahlen müßte.
Also!!! Es war am 15. des Monat Ramasan, da saß der Sultan auf feinem Diwan und seufzte. Ein Druck auf einen Knopf rief den Großwesir herbei. Der seufzte auch, neigte die Stirn bis zum Fußboden und sprach: „Allah! il Allah! Der Liebling des Propheten und Beherrscher aller Gläubigen macht ja ein so langes Gesicht!"
„Ja, tote kann man es kürzer machet:, ivenn man kein Geld hat!" sagte der Sultan bekümmert. „Und kein Deibel pumpt mehr, und nun geht in der Wirtschaft alles drunter und drüber. Mein Ditoan braucht einen neuen Bezug uub müßte auch aufgepolstert werden. Seit Wochen kommt niemand im Palast zu einem ruhigen Nachtschlaf, weil der Hofkammerjägermeister streikt; er will erst sein rückständiges Gehalt oder wenigstens täglich die horrenden -Auslagen ersetzt haben. Und die Weiber, die Weiber! Die sanfte Zgina will sich töten, wenn ich ihr nicht ein Grammophon kaufe, die feurige Suleika will mir die Augen aus- kratzen, wenn sie kein Automobil bekommt, die märchen- kundige Scheheresade erzählt mir immerfort, sie hätte nichts Gescheites anzuziehen, und so geht das die ganze Reihe durch. . . . Und weißt du auch, daß die Russen, Engländer und Italiener Vorhaben, mir alle Gelder zu kündigen, mein Land zu parzellieren und meinen Freund Wilhelm mit der letzten Hypothek ausfallen zu lassen? Schufti Pascha, du mußt Rat schaffen!"
Schufti Pascha kraute sich den Bart: „Die Schatzkammern sind leer, die Steuern den Giaurs verpfändet. Mer man könttte mal an Rothschild telegraphieren."
„Das habe ich bereits getan," sprach der Sultan dumpf, „und ihm eingehend meine Not geschildert. Und weißt du, was der Hebräer geantwortet hat?" Er reichte dem Großwesir ein Telegramm; darin stand nur das eine Wort: „Nebbich!"
„Da müssen !vir nach dem Rat des „Kalauer Anzeigers" wieder mal das Goldene Horn versilbern", meinte der Großwesir.
„Das gehört jetzt den Engländern!" erwiderte der Sultan verlegen. „Ich tat's, während du aus Urlaub warst."
Abermals kraute Schufti Pascha sich den Bart. „Vielleicht kommen wir aus der Patsche, o Sonne des Weltalls, wenn wir Konkurs ansagen und fünf Prozent bieten?"
„Dein Rat wäre gut," lächelte der Sultan ironisch, >,toenn ich nur wüßte, wer mir die fünf Prozent borgt!"
Nun war Schufti Pascha mit seiner Weisheit zu Ende. -,,O Herr" bat er, „laß mir eine Frist von zwei Tagen. -Ich will zu Allah beten, daß er mich erleuchte."
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Strahlenden Antlitzes erschien der Großwesir zwei Tage später zum Vortrag beim Sirltau. „Großmächtiger Herrscher," begann er, .Mlahu ekber! Allah hat uns einen Weg gewiesen. Ich chatte mir den Kops darüber zerbrochen, weshalb wir so kreditlos sind, während die anderen Länder, die auch bloß Schulden haben, lustig weiterpumpen können. Es kam mir der Gedanke, es zu machen wie die listigen fränkischen Kaufleute, die in Fällen, wenn ihnen die Pleite droht, zu erforschen suchen, was die geheime öffentliche Meinung über sie sagt, d. h. die Auskunfteien zu befragen. Ich ließ also durch einen Vertrauten, Jussus beit Kukuruz, über dich, o Herrscher, eine telegraphische Auskunft eiu- holen bei der größten Auskunftei der Welt — hier ist sie!"
Der Sultan las: „Jussus ben Kukuruz, Galata. Angefragter gilt als kranker Mann, jedenfalls von sehr ungewisser Konstitution, daher Regierungsdauer zweifelhaft.
Kreditgewährung unratsam. Ohne Obligo. Schimmel- pseng."
„So eine Gemeinheit!" sagte der Sultan. „Aber was mache ich damit?"
„O Herrscher, du mußt dir eben eine bessere undi festere Konstitution beilegen, am besten nach europäischem Muster." "
„Konstitution? Was ist das?^
„Das ist ein Haufen Leute, die mit dem Kopfe nicken, wenn der Sultan Geld verlangt! Dann hat sozusagen das gesamte Land ja gesagt, und das stärkt den Kredit des Herrschers."
„Wenn sie aber nicht mit dem Kopfe nicken?" fragte zweifelnd der Sultan.
),O Liebling des Propheten, sei unbesorgt! Soweit Hai Allah die Regierenden noch immer erleuchtet, daß sie wenigstens Geld kriegen, soviel sie wollen."-
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Am anderen Tage war die Verfassung publiziert. Ein Freudentaumel herrschte im ganzen osmanischen Reiche, am meisten bei uns in Stambul. Die Studenten brachten dem Sultan einen Fackelzug und sangen „Heil dir im Siegerkranz" auf türkisch. Die Staatsrente stieg im Handumdrehen um 73/4 Prozent, und Rothschild annonciert egal weg in allen türkischen Blättern: „Streng reell und diskret Geld für Kavaliere." Der Sultan verlieh dem .Großwesir den Medschidje-Orden erster Klasse mit dem Roßschweif und schenkte ihm eine seiner Odalisken, die lauge strohblonde Zoraide, die er wegen ihres furchtbaren Mundwerks nicht ausstehen konnte. Schufti Pascha betrachtet? diese Blume des Harems und schenkte in einem Großmutsanfall der Holden die Freiheit, und sie ging in ihre frühere Stellung zurück, nämlich als Schenkmädchen in die Bolssche Likörstube zu Pera, wo ich allabendlich nach den Geboten des Koran einen Dattelschnaps trinke. Dort hat sie mir vertraulich und wahrheitsgetreu erzählt, was zwischen dem Sultan und dem Großwesir vorgegangen war, und ich habe es gewissenhaft für den „Guckkasten" niedergeschrieben.
Gaues Es feudi.
Neunzig Tage Einzelhaft.
(Erlebnisse eines Mitgliedes der ersten Duma.) Das Schicksal der ersten Duma ist bekannt. Ein großer Teil der Parlamentarier zog sich nach deren Auflösung in die Hauptstadt des finnischen Gouvernements Wiborg zurück und erließ am 23. Juli 1906 von dort aus das historische Manifest an die russische Nation. Bald daraus wurde gegen die Unterzeichner des Wiborger Aufrufes Anklage erhoben und die „Besten Rußlands", die kurz zuvor von der Presse, der Gesellschaft und auch dem Zaren begrüßt worden waren, Professoren, Advokaten, Aerzte, Gutsbesitzer, wanderten auf drei Monate in das Gefängnis. Diese ©träfe ist nunmehr verbüßt. In der Wochenschrift „Allgemeine Zeitung" (München) schildert einer dieser Wiborger, Alexander N. von Nutzen, seine Erlebnisse int Gefängnis. Wir entnehmen dem schon wegen seines politischen Hintergrundes' interessanten Bericht folgende bezeichnende Einzelheiten:
Nach dem Reglement erwacht das Gefängnis um 53/4 Uhr morgens, aber in Rußland ist die Wirklichkeit immer ein wenig milder als das Gesetz, so daß wir uns täglich um etwa 20 Minuten verspäteten. Nach dem Glockenzeichen öffnet sich die Tür, und ein Sträfling erscheint, um die notwendigste Hilfe beim Aufräumen der Zellen zu leisten. Darauf fege ich den Boden rein, zu welchem Zweck mir eine kleine Bürste zur Verfügung steht, die großen Bürsten waren den Arrestanten abgenommen worden, weil man sich mit ihrer Hilfe verschiedene Gegenstände durch die Fenster hinüberreichen konnte. Auf diese Weise war man gezwungen, die Diele auf den Knien liegend zu säubern Das Fenster der Zelle blieb den ganzen Tag, d. h. von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, geöffnet. Um diese Zeit erschien der Aufseher und verschloß es mit einem Schlüssel, In der Folge erhielt ich die Erlaubnis, das Fenster Tag


