Ausgabe 
5.10.1908
 
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Herr Lecoq.

Ksriminal-Roman von E. Gaborkaü.

Nachdnick verboten.

(Fortsetzung.)

Donnerwetter, murmelte der Unteroffizier, der hat ja überallher einen Fetzen. Merkwürdig ist das jedenfalls.

Aufgefordert, seine Aussagen sich gewissenhaft zu überlegen, verdoppelte der wackere Soldat seine Aufmerksamkeit. Schließ­lich sagte er:

Meiner Seel, ich möchte meine Tressen wetten, daß er nie» Wals Soldat gewesen ist. Es muß ein Zivilist sein, der sich zur Feier des Faschingssonntags aus Ulk so verkleidet hat.

Woran sehen Sie das?

Hm, ich habe das mehr so im Gefühl, als daß ich es erklären könnte. Ich erkenne es an seinen Haaren, seinen Nägeln, seinem ganzen Aeußern, an einem gewissenIch weiß nicht was", kurz, an allem und an nichts. Doch halt! Der arme Teufel wußte ja nicht einmal mit seiner Fußbekleidung Bescheid, er hat die Gamaschen auf der verkehrten Seite zugeschnürt.

Nach diesem Zeugnis, das Lecoqs erste Beobachtung bestätigte, war kein Zweifel mehr möglich.

Indessen, fragte der Kommissar hartnäckig weiter, wenn dieses Individuum ein Zivilist ist, wie hat er sich dann die Sachen beschafft? Kann er sie sich von Leuten Ihrer Kompagnie ge­liehen haben?

Zur Not ja! man kann sich das aber schwer vorstellen.

Ist es zum wenigsten möglich, sich darüber' Gewißheit zu verschaffen?

Oh, sehr leicht! Ich brauche nur nach der Kaserne zu laufen und einen Kleiderappell anzusetzen.

Schön! Das Mittel ist gut.

Aber Lecoq hakte sich ein ebenso gutes und schneller anzu­wendendes ausgedacht.

Ein Wort, Feldwebel! sagte er. Werden nicht von Zeit zu Zeit die außer Gebrauch gesetzten Sachen von Regimentswegen öffentlich versteigert?

Gewiß, jedes Jahr mindestens einmal nach der großen Musterung.

lind versieht man nicht die auf diese Weise zum Verkauf gebrachten Kleider mit einem bestimmten Zeichen?

Aber natürlich!

Also, sehen Sie doch, bitte, nach, ob sich nicht in der Uniform des Unglücklichen diese Zeichen nachweisen lassen.

Ter Untcrofsizier schlug .den Mantelkragen um, untersuchte den Hosenbund und sagte:

Sie haben recht, es sind abgesetzte Sachen.

Das Auge des jungen Polizisten glänzte, aber es war nur ein flüchtiger Blitz.

So muß also, bemerkte er, der arme Teufel sein Kostüm gekauft haben. Wo? Unbedingt im Temple, bei einem jener reichen Kaufleute, die einen großen Handel mit Militäreffekten betreiben. Es gibt deren pur fünf oder sechs: ich werde von einem, zum

anderen gehen, und der, bei dem die Uniform gekauft ist, wich ganz gewiß seine Ware an irgend einem Zeichen erkennen.

Und damit haben ivir auch was rechtes! brummte Gövrol.

Ter Zwischenfall war erledigt. Der Feldwebel empfing M seiner großen Befriedigung die Ermächtigung, sich zurückzuziehech wobei ihm jedoch gesagt wurde, daß höchstwahrscheinlich der Unter-« suchungsrichter seines Zeugnisses bedürfen würde.

Mau mußte nunmehr den falschen Soldaten durchsuchen. Der Kommissar übernahm dieses Geschäft in eigner Person; er hoffte stark, es würde dabei die Identität des Unbekannten auf irgend eine Weise zutage treten.

Er suchte und diktierte zugleich einem' Beamten das Protokoll, d. h. die bis ins kleinste genaue Beschreibung jedes von ihm gefundenen Gegenstandes.

Jil der rechten Hosentasche fand er: Rauchtabak, eine Holz» pfeife und Zündhölzer.

In der linken Tasche: ein sehr abgegriffenes ledernes Geld» täschchen, mit sieben Franken und sechzig Centimes, und eilt ziemlich sauberes leinenes Taschentuch, jedoch ohne Zeichen.

Und sonst nichts.

Der Kommissar war unangenehm' enttäuscht; als er jedoch das Geldtäschchen hin» und herdrehte, entdeckte er eine Abteilung desselben, die ihm entgangen war, weil eine lederne Doppelfalte sie verbarg. In diesem Behältnis befand sich ein sorgfältig zu» sammcngeknifftes Papier. Er entfaltete es und las laut das folgende Briefchen:

Mein lieber Gustave!

Morgen, Sonntag abend, vergiß nicht, unseren Verabredungen gemäß, auf den Ball imRegenbogen" zu gehen. Wenn Du kein Geld mehr hast, sprich bei mir vor; ich hinterlasse welches bei meinem Hausmann, der es Dir zustellen wird.

Sei um acht Uhr dort draußen. Sollte ich .noch nicht da feilt, so werde ich doch sehr bald erscheinen.

Alles geht gut Lacheneur.

Ach, wie wenig enthielt dieser Brief! Also der Tote hieß Gustave, er stand in Beziehungen zu Lacheneur, der ihm für eine gewisse Angelegenheit Geld vorstreckte. Außerdem hätten sie sich einige Stunden vor dem Morde imRegenbogen" getroffen.

Tas war wenig, sehr wenig. Immerhin war es doch etwas; es war ein Indizium, und in undurchdringlicher Finsternis ge­nügt zuweilen als Leitsignal ein ganz schwacher Lichtschimmer

Lacheneur! brummte Gsvrol. Diesen Namen sprach der arme Teufel in seinem Todeskampf aus!

Ganz richtig! bekräftigte der alte Absinth. Er wollte sich sogar au ihm rächen. Er beschuldigte ihn, er hätte ihn in eilte Schlinge gelockt. Unglücklicherweise schnitt der letzte Seufzer ihm das Wort ab.

Lecoq schwieg. Der Polizeikommissar hatte ihm den Brief hin­gereicht, und er studierte denselben mit eindringlichster Aufmerk­samkeit.

Das Papier war ordinär, die Tinte blau. In einer der Ecken war ein halbverwischter Stempel, von welchem man nur noch das WortBeaumarchais" erkennen konnten. Für Lecoq war das genug.