147

aufte<I)t erhalte und die hierzu nötigen Dienste lerste." Tie Kvmpeteiiz der neu gebildeten Bürgergarde scheinen die aussichtführcnden Organe weiter aufgefaßt zu haben. In der Sprechhalle für zeitgemäße Mitteilungen" verwahrt sich ein Ein­sender dagegen, daß die Bürgergarde zu dein eines Btirgers unwürdigen Polizeidienst herabgewürdigt werbe. Ihre Aufgabe könne nicht fein, lärmende und betrunkene Personen zu ver­haften. . Das fei Sache der Polizei. Ihre Aufgabe sei viel- mehr, ihre Waffen zu gebrauchen imheiligen Kampfe für Freiheit und Recht". Nur bei wirklicher Gefahr werde die Bürger- garde bereit sein, die persönliche Sicherheit und das Eigentum« der Bürger zn schützen. Nimmermehr solle die Bürgergarde eine Polizeigardc fein. Ein weiteres Eingesandt vom 25. März imAnzeigenteil für die Stadt Gießen" beschäftigt fich mit der­selben Frage. Jetzt, wo Ruhe und Ordnung zurückgekehrt feie», wäre die Bürgergarde nicht mehr zum Polizeidienst zu vei> wenden; man solle geeignete Leute als Polizeidiener anstelle». In einer Stadt, iuo bekannt ist, daß zwischen jedem Haus ein Abtritt schivebt, «velche überall Miststätten und unreine Straßen hat, kann sich die Bürgergarde nicht nur die Gesund­heitspflege kümmern; sie kann auch «licht dafür sorgen, daß die Leute das richtige Gewicht an Brot erhalten." Gegen das Eingesandt Verwahrte fich der Kreisrat Prinz. Tie Bürger­garde sei 'von der Behörde bezüglich ihrer Lokaltätigkeit auf­gefaßt worden als ein Organ zur Aufrechterhaltung öffentlicher Ruhe und Ordnung, wenn dieselbe eine Störung erleide. Ihre Dienstleistung nur die öffentliche und Privatsicherheit, zu wel- cher sich übrigens bei nächtlicher Patrouille gar oft Gelegen­heit darböte, fei stets nur als eine freiwillige, höchst dankens- wcrte angesehen worden. Jeder, der den Pvlizeidienst kenne, werde zugeben müssen, daß mit vier Polizeidienern nach ,er- müdendem Tagesdienst eine geordnete nächtliche Patrouille unb Aufsicht _in einer ausgedehnten Stadt unmöglich zu führeir sei. Ohne die Stadt mit neue» drückenden Ausgaben zu belasten, sei es nicht möglich, zahlreiche und wirksamere Organe für beit Polizeidienst zu schaffen.

Tie Tätigkeit der Bürgergarde wurde beständig der öffent­lichen Kritik unterzogen. Tas Publikum rügte, sie sei oft nachts nicht da, wo sie sei» solle. So habe sie, tote ei» Kritiker in der Tageszeitung bemängelt, i» der Rächt vom 21./22. Juni einer Gesellschaft junger Leute (Handwerker) vor beni Hanse des Herrn Kaufmann Böhl» und des Herrn Uhrmachers Schmitt den Vortrag einesrecht schönen Männergesanges" (Ständchen) Verwiesen, während eine Viertelstunde später keine Bürgergarde zur Stelle gewesen wäre, um das wüste Geschrei verschiedener junger Leute, die sogar am Rathause, an der Hauptwache, vor- beigezogen wären, zu verhindern.Jedenfalls wäre zu wünschen, wenn künftig ein besseres Billigkeitsgefühl die bewaffnete Pa­trouille bei Aufrechterhaltung der nächtlichen Ruhe leite."

Tie oberste Leitung der Bürgergarde übernahm der Ge­nera trat. Derselbe setzte sich zusammen aus dem Obersten der Garde, dein Bürgermeister und acht aus dem Korps ge­wühlten Mitgliedern. Die Wahl geschah durch Abstimmung mettelst Stimmzettels seitens aller Bürgergardisten. Präsident des Generalrats war anfangs Oberst, Professor Karl AÄgt, später Gymnasialprofessor Tr. Sotdan. .Es walteten innerhalb der BArgergarde Meinungsverschiedenheiten, ob ein Oberst nötig sei oder nicht, eilte Frage, die nach dem Ausscheiden des Obersten Wogt, der sich politisch mehr beteiligte, akut geworden war. Auf einen Antrag der Kvmpagnie Bardeleben hin. war allen Hauptleuten die Frage vorgelegt worden, ob die Wahl eines Obersten ferner ausgesetzt bleiben, und das Provisorium von dem Oberstleutnant, Büchsenmacher Großmann, weitergeführt wer­den solle. Nach mehrmonatlichem Provisorium einigte man fich und wählte zum Obersten der Bürgergarde den P o st m e i st e r Schön.

Ter Eintritt in die Bürgergarde war ein freiwilliger; doch wird in beit verschiedenen Aufforderungen und Bekannt- machungen betont, daß es Ehrenpflicht eines jeden Bürgers fei, sich zu beteiligen. Immerhin gab es manchen, der fick) aus Bequemlichkeit dieser Pflicht entzog und lieber die Mühe des Wachens und des Dienstes auf die Schultern anderer wälzte. Freilich zog er sich dadurch die Mißbilligung der öffentlichen Meinung zu. Ter Eintritt in die Bürgergarde stand jedem nn- hescholtenen Gießener Einwohner nach zurückgelegtem 17. bis 50. Lebensjahre zu. Später konnte- der Eintritt erst nach zurückgelegtem 21. Lebensjahre erfolgen. Tie Mannschaften wa­ren eingeteilt in Kompagnien, diese wieder in Rotten. Tie Korps zählten anfangs 9, später 10 Kompagnien in einer Stärke von, 8001000 Man». Die Führung der Kvmvaanie übernahm ein Hauptmann, dem einige Leutnants untergeordnet waren. Jeder Hauptmann hatte in seiner Kompagnie die näm- rlche» Befugnisse, wie der Oberst im Korps. Jeder Offizier trug einen Dchleppsäbel, die Unteroffiziere kurze Seitengewehre. Unteroffiziere und Gardisten sollten französische Musketen tra­gen. Sammelplätze der einzelnen Kompagnien waren am W a l l - tor, vor der -rabakfabrik von G. Noll, in der Neustadt nm Prontenadenhaus, am Selters weg vor der Klinik, am Ü,ß?ttenweg am Bufch'schen Garten. Tie Schießübungen sollten wocheutuch zweimal aus dem Hardthvfe stattfinden; die Exer- Zierübungen wurden ans benii Trieb vvrgenommeu. Die Gar­

disten trugen eilte weiß-rote Armbinde, die Rottenführer eine Armbinde mit Rosette, die Leutnants eine einfache Armbinde uitö eilte Schärpe um den Leib, die Hauptleute nur eine Schrrpe. Tie Uniform bestand aus einem grünen Kittel und einer Mütze mit Kokarde. Dem Korps waren außerdem zwei Abteilungen Reiterei zugeteilt.

Bei dem in Aussicht gestellten Besuch des Erbgroßherzogs wollte Hw Bürgergarde eine Ehrenwache stellen, und wurden deshalb die Gardisten,welche schon mit der Handhabung des Gewehrs vertraut sind", zu einer llebung aus Mittwoch, den 29. März, nachmittags 4 Uhr, im Kascrneühos eingeladen. Tis Ausrüstung mit Gewehre» scheint sehr laiigsam vv» statten ge- gangen zn fein; den» aM 17. August macht der Bürgermeister Reiber bekannt, daß dieStadtkasse die Kosten der Anschaffung der Gewehre einstweilen vorlegen wolle. Um ans Beschleunigung der nötig befundenen Bewaffnung der Bürgergarde hinzuwirken, seien 600 Gewehre bestellt worden. Sollte der Empfänger den Kostenbetrag nicht auf einmal entrichten Wunen, so sei bei Uebergabe des Gewehres eine Anzahlung von 1 ft zu leisten, der Rest in monat- ltchen Abzahlungen von je 30 Kreuzern zu entrichten. Zur An­schaltung von Gewehren für unbemittelte Bürger seien die dafür gesammelten freiwilligen Gahxn bestimmt. Auf die ergangene Aufforderung waren zu diesem Zwecke bis zum 18. August: 803 ft, 5914 Kr. eingegange».

Bei Errichtung der Bürgergarde lvar vorgesehen, daß jede! Kompagnie eine Fahne mit den hessischen Farben (rot-weiß) erhalte» solle. Sie Fahnen sollten die Nummern der Kompagnie, umgeben von einem Eichenkranz, trage». Außerdem war be- absichtigt die Anschaffung einer Gesamts ahne: schwarz, rot, gold, die in der rechten Ecke das hessische Wappen mit einem G führen sollte. Tie Beschaffung der Gesamtfahne verzögerte sich bis zum 17. September. Tiefe Fahne mußte gestickt werde» und erforderte die tätige Mitwirkung der Gießener Tarnen. Mit der Stickarbeit sollte gleich nach Pfingsten, am 16. Juni, begonnen, werden. Zu reger Beteiligung wurde durch einen besonderen Aufruf aufgesordert, der von 20 Tarnen unterzeichnet war. Zn näherer Auskunft erklärte» sich in de» einzelnen Bezirken bereit: am Walltor: Marie Faber, Christiane Grieb, Philippine Habe-? nicht, Antoinette Knorr, Marie Rühl; auf dem Selters Wege: Julie Balser, Elise Georg, Katharine Pimber, Auguste Rumpf, Cawliue Silbereise»; ans demi Neuenweg: Susanne Busch, Josephine von Grolmann, Marie Herbert, Pauline Münch, Minna Welcker; in der Neustadt: Marie Ferber, Minna Gail, Christine Loos, Luise Mittler, Marie Pistor. Die Ab­rechnung über die eingegangenen Gaben . zur Gesamt-, sahne ergab eine Einnahme von 536 fl. 50 KL., der eilte Ausgabe von 494 ft 19 Kr. gegenüberstand. Ter llebcrfchutz von 42 fl. 31 Kr. wurde dem Obersten der Wirgergarde, Post- meister Schön,zum Zweck nützlicher Verwendung für das In-, ftitut der Bürgergarde" übergeben. ,

Tie Uebergabe und Einweihung der Fahne fand Sonntag den 17. September statt. Tas Hrogramnt sah Folgendes vor: Morgens 5 Uhr große Tag-Reveille. 10 Uhr Generalmarsch IO1/2 Uhr Appell sämtlicher Kompagnien und Aufstellung in Parade vor der Aula. Uebergabe der Fahne. Empfangnahme derselben unter dem Geläute aller Glocken, Festlied, vorgetragen von dem Sängerbund. Große Parade und Defilieren mit der Fahne vor den Stinten. Festzug durch die Hauptstraße». Ablieferung der Fahne in der Wohnung des Kommandanten. Nachmittags 3 Uhr allgemeines Volksfest. Böllerschüsse. Für Frauen und Jung-, frauen, die sich durch Beiträge oder Arbeiten an der Bürger- gardenfahne beteiligt hatten, wurde Sonntag, den 22. Oktober, 8 Uhr abends, im Saale des Bufch'schen Garten ein Ball ge­geben.

Tie Bürgergarde war ins Leben gerufen worden in der politisch-unruhigen Zeit desKrawalliahres", um Eigentum und Personen vor Gewalttätigkeiten zu schützen. Ihr gehörten alle Bürger an ohne Unterschied der politischen Richtung, darunter auch viele Studenten und Gymnasiasten. Tie Bürgergarde war nicht intimer ihrer Aufgabe gewachsen, namentlich bei den Rnhe- störungen anfangs Juli, und so konnte sich in der Stadt das Gerücht verbreiten, als schwebte» Verhandlungen über Heran­ziehung von Militär von außen, um die hiesige Militärmacht zu verstärken. Der Großherzogliche Kreisrat erklärte in einer Bekanntnvachiiug am 6. Juli an den Stadtvorstand, daß ihm von einer derartigen Absicht der höchsten Staatsbehörde nichts bekannt sei. Trotzdem: lege tr dem Stadtvorstand die Not­wendigkeit dar, daß die Bürgerschaft sich kräftig der Handhabung! der Ruhe und Ordnung annehme. Ter Kreisrat wagte offen zu erklären:daß die Bürgergarde, ob aus Gründen mangel­hafter Organisation und Disziplin oder aus anderen, ist mir unbekanitt. keinen genügenden Schutz zu gewähren vermag. Da­von liefern die letzten Ereignisse am 2. ds. Mts. einen nicht rrfreulichett Beweis: denn wenn die stattgefundenen Ruhestörungen und Eigentumsbeschädigungen von abends 9 Uhr bis weit nach. Mitternacht fortdauern könne», ohne daß eine wirksame Ein- idjrcitung erfolgt, dann mag wohl mit vollem Grunde behaup- ;ct werden, daß jenes Institut in der Art, wie es jetzt tat- ächlich besteht, nicht ausreiche, turn die Ruhe zu sichern und Schutz für Person und Eigentum zu verleihen". Aber auch ohne diesen öffentlichen Tadel war die Bürgergarde seitens!