759

So stand es in Indien bis vor ungefähr, 20 Zähren. Heute ist dieser Vulgärhindnismus untergraben, und das indische Volksleben ist in Fl ins gekommen- Man kann von einer uatioMlen Bewegung in Indien reden; im wirt­schaftlichen Leben sucht man neue Wege zu gehen, und vor allem: ein neues sittliches Gewissen ist erwacht. Man schämt sich des alten Aberglaubens und sucht ihn durch symbolische Umdeutung abzuschwächen. Die Kritik ist er­wacht; mau gibt alte Ideale preis und nimmt neue Ideale an. (Selbstverständlich ist das cum grano salis zu verstehen. Die alten Anschauungen bestehen noch rieben den modernen I..een weiter. Wir stehen eben erst in dem Anfang dieser Entwicklung.)

Die. Ursache dieser neuen Bewegung ist das Ein- dringen der abendländisch-christlichen Kultur nach Indien. ES ist etwas in die indische Geschichte eingetreten: derge­bildete Hindu", und der ist der Träger der. modernen ir­dischen Bewegung.

Das ist ja nun etwas Erfreuliches; zugleich liegen aber auch hier die Ursachen der unerfreulichen Begleiterschei­nungen eben dieser Bewegung, der revolutionären Ten­denzen des modernen Hinduismus. England hat die abend­ländische Bildung und Kultur nach Indien , getragen. Der gebildete Hindu" hat sich diese angeeignet, möchte aber auch zugleich seinen .Hinduismus retten. Das führt zu inneren Widersprüchen; denn Hinduismus und abend­ländische Kultur sind unvereinbare Gegensätze, Ivie wir noch genauer sehen werden. Man hat aus englischer Seite den Fehler begangen, indem man den Intellekt gebildet hat, nicht aber den Charakter. Der Hindu hat sich, im Innersten doch unverstandene Schlagworte der abendlän- disthen Bildung angeeignet, die eine große Konfusion in seinem Denken anrichten. Ein Beispiel: Bis vor unge­fähr 20 Jahren hat das einzelne Individuum überhaupt keine Bedeutung gehabt. Der Einzelne kam nur in Be­tracht als Glied einer Kaste. Nun hört dergebildete Hindu" von der großen Schätzung der einzelnen Persönlichkeit, wie sie in der demokratisch-liberalen Regierungsform in Eng­land zum Ausdruck kommt, und er fordert eine gleiche Regierungssorm für sich; das ist für einen Kenner der in­dischen Verhältnisse barer Unsinn. Da nun England diese unsinnigen Forderungen nicht erfüllen kann, so werben die Antragsteller zu Agitatoren, die durch heimliche Wühler­arbeit und durch offene Anfrage Englands Stellung in Indien zu erschüttern suchen. Eins ist nun sehr in­teressant, und für die irdischen Verhältnisse zugleich äußerst charakteristisch. Die Leiter der englandfeindlicheu Bttve- wegung sind die Brohmanen, die Mitglieder der obersten Kaste, der Priester-Kaste. Brohmanentum und demo­kratisch-liberale Regierungsform sind nun im Prinzip die denkbar größten Gegensätze; denn das Brohmanentum hat seither seine Aufgabe darin gesehen, jede freiheitliche Be­wegung zu unterdrücken und hat in feiner Abgeschlossenheit die' übrigen Kasten geknechtet, wo und wie es nur konnte. Diese Abgeschlossenheit den übrigen Kasten gegenüber ivill das Brohmanentum nun auf keinen Fall aufgeben, und deshalb die Feindschaft gegen England, d. h. gegen die abendländische Kultur. Denn das Brohmmrentum hat mit seinem Spürsinn herausgemerkt, daß ihm mit dem Ein­dringen der abendländischen Kultur ein Totfeind erwachsen ist, daß nämlich diese auf christlichem Boden erwachsene Kultur untrennbar verbunden ist mit dein Christentum, und es kann keinen größeren Vorwurf gegen das Christen- tum erheben als den:Ihr wollt alles gleich machen". Eben das christliche Prinzip der freien Persönlichkeit paßt ihm ganz und gar nicht. Es ivill nicht die Gleichheit, es ivill 'seinen Nimbus, den es bei den übrigen Kasten hat, nicht verlieren. Ans Haß gegen das Christentum treiot das Brohmanentuin dieses falsche. Spiel, redet es m der Oeffentlichkeit voil einem demokratis ch - liberalen Regi­ment, fordert es zum Aufruhr gegen Englano aus, um England ans Indien zu vertreiben. Die Folgen wurden sein: Unterdrückung jeden Funkens von Kerheit, Vermch- tung der modernen Kasten unter die Priestertaste., ist der Äauptgrustd der revolutionären, englandsemdlrchen Stimmung in Indien. Ein Nebengrund, der aber dem gegenüber kaum, in Betracht kommt,'ist der Gl.geilstitz zwischen dem englischen , und indischen Volkscharatter Der Hiiidn hat ebensowenig Verständnis für daS^ cnwgtsche, tat­kräftige und zielbewusste Wesen des Engländern, w,e dieser «t« das Weichliche und Träumerische des irdischen woirs-

charäkters. Aber das ist, tote schon gesagt, bei weitem nicht von der Bedeutung, tote die v rher angegebenen Ursachen für die englandfeindliche, d. h. christentumöfeindliche Stim- mung der tiidischeil Agitatoren. Das tont schon deshalb gar nicht so hoch eingeschätzt werden, weil die englische Regierung in Indien sich die größte Mühe gibt, deut indischen Volke gerecht zu werden. Die in der deutschen öffentlichen Mei­nung' erhobenen Vorwürfe, daß England das indische Volk Ausbeute' und aussauge, bestehen nicht zu Recht. Das ist nicht der Fall. Eitgland bringt für Indien Opfer über Opfer, und Indien sollte England ewig dankbar fein. Aber statt dessen treibt es dieses falsche Spiel, und giebt es sich der Hoffnung hin, England aus Indien vertreiben zu könnest; denn die anfänglichen Mißerfolge der englischen Waffen im Burenkrieg haben den Respekt vor der englischen militärischen Macht erschüttert, und der Sieg der Japaner, die man als rasse- unb wesensverwaudt glaubt, über die Russen hat falsche Hoffnungen unter bett Hinbus erweckt, und man glaubt, gleiche Erfolge erringen zu können, wie die tatkräftigen Japaner. So folgen Unruhen auf Unruhen. Was wird der Ausgang sein? Ein Hindu hat vor kurzer Zeit geschrieben:Wenn die Briten Indien verlassen, datm wird das Ende Anarchie sein, dann ist unfer Land ruiniert." Und er dürfte Recht haben. Die alten Zustände würden lviederkehren, und auch das neu erwachte geistige Leben würde spurlos im Sande verlaufen. Man würde denselben Weg gehen, den man in der indischen Geschichte schon so oft gegangen ist, daß matt die neuen Jaeen in den Brahmanis­mus ausnehmen mürbe, ohne daß der dadurch stark ver­ändert würde. Auch die christlichen Ideen würben so mit dem Brahmanismus verschmolzen und dantik ihres Ein­flusses beraubt. Soll es in Indien wirklich zu einer Nen- gestaltung der sozialen Verhältnisse kommen, tmd soll ivirk- lich eine nationale Einheit zustande gebracht werben,, daun kann das nur so geschehen, daß zuvor der Brahmanismus übertvunden Mrd durch das Christentum, wenn an Stelle der Kaste die Genteinschaft freier Persönlichkeiten getreten ist. Und diese Arbeit zu leisten, das ist die sittliche Aufgabe Englands Indien gegenüber, und es gelten für England die'Worte des edlen Sir Herbert Edwards:Solange das Christentum noch nicht die Herrschaft in Indien angetreten hat, 'solange dürfen wir Indien nicht verlassen."

Sattste in.

Die ZMtteMMg ür der Schule.

Von einem außerordentlich interessanten pädagogischen Versuche, der in der Polytechnischen Schule in Los Angelos tu Kalifornien mit dem glücklichsten Erfolge angestellt wurde und sofort bei einer Reihe amerikanischer Lehranstalten praktische Nachahmung gefunden hat, berichtet Bertha H Smith im letzten Heft des Atlantic Momrtyly. Es handelt sich darum, Ordnung, Betragen und Disziplin der Schuler dem Urteil und gewissermaßen der Oberaufsicht der gesamten Schülerschaft zu unterstellen, um damit ihren Stolz uitb schon in früher Zeit ihr eigenes Verantwortlccyken.sgefuhl 'n wecken und zu stärken. Ein Sck)uljuugenstreich war _ber Ausgangspunkt des interessanten Resormversuches. Mr Hof der Polytechnischen Schule von ros Angelos liegt aus einer Anhöhe, an bereut Fuße ein kleiner Mckchhof sich beftndet. In der Pause belustigten sich einige Knaben bannt, vom Hofe aus große Steine den Hügel hinabzuwersen, wobei das Dach des unten liegenden kleinen Baulverkes zerstört wurde. Der Eigentümer, ein armer Bauer, beschwerte ft et), bei d nn Direktor, der nun die Schüler versammelte unb ihnen vorschlug, eilte KomwUsion aus ihrer Mitte zu wählen, die darüber beschließen sollle, in welcher Weise der schaben geteilt unb die Schuldigen bestraft Werden sollten. Der Gedanke des Schulleiters wurde mir Euchustasntw.' ansgc nommen, jede. Klasse ioählle ztvei Vertreter, die dann zu- sammentrateu und beschlossen, eine Sammlung zu veran­staltet!, um dein Bauer den Schaden zu ersetzen uno um die Schuldigen mit dem zeitweiligen Ausschluß von den allaemeiuen Sportsspielen zu bestrafen. Der günstige Erfolg dieses ersten Versuches veranlaßte den Direktor, die Wahl eines ständigen Anssichtskvmitees anzuregen, dessem. Urtett alle Schüler anheimgegeben wurden, die üege.n die Schuldis­ziplin verstoßen ober sonst durch ihr Betragen Tadel verdient hatten Damit fiel die Uebenvachung der Schüler wahrend der Pansen und Erholungssttmden fort, denn dasKmintee übernahm die Aufsicht uno die Bestrafung all Mer ^ >1« Ausschreitungen, die ut einer Schule, in der tute gifutibe