DonneMag dm 3. Dezember
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Herr Lscoq.
Kriminal-Roman von E. Gabor! an, Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Am Abend jenes Tages sitze ich in der Wachtstube der Zitadelle auf fixer Pritsche, da kommt mit einemmal ein Offizier auf mich zu und sagt:
Zwrporal Bavois, Sie werden heute nacht die Wache, im Gefängnis des Herrn d'Escorval übernehmen und ihn keinen Augenblick aus dem Auge verlieren. Verstanden?
Zu Befehl! sage ich ziemlich brummig, denn ich wußte, daß der Boron «in Freund „des Andern" war, und deshalb machte der Befehl mir natürlich nicht viel Vergnügen. Aber plötzlich setzte der Offizier leise hinzu:
Sie werden ihm helfen, daß er aus dem Loch herauskommt.
Es ist für di« Sache des Kaisers. Wir könne» uns doch auf Sie verlassen?
Selbstverständlich! sage ich sofort.
Also gut, gehen Sie auf Ihren Posten. Sie haben eine harte Arbeit vor sich: alles Nötige finden Sie schon dort.
Ohne weiter ein Wort zu sagen, gehe ich mit dem Offizier in den Turm. Der Baron hatte schon zwei Feilen erhalten, die Marquis Martial ihm durch das Guckfenster der Tür hineinge- tvorfen. In einem anstoßenden Raum lagen die Stricke, die lvir nötig hatten: die Enden waren unter der Verbindungstür durch- geschoben, so daß wir sie mit leichter Mühe zu uns hereinziehen Sonnten. Leider unterließen wir es, dies gleich zu tun, aus Furcht, «s könnte noch eine Untersuchung des Zimmers stattfinden. Aber es kam niemand: nur einmal glaubten wir, im Nebenraum ein Geräusch zu Höven; wir dachten es sei eine Ratte und beruhigten uns dabei. , , , „
In eilt paar Stunden hatte ich das Doppelgrtter durchgefetlh und nun begann der schwierig« Teil der Aufgabe. Das Fenster lag mehr als vierzig Fuß über dem Fuß des Turmes; dieser selbst war unmittelbar am Rand des Felsens erbaut, und es war kaum so viel Platz vorhanden, um festen Fuß fassen zu können. Wer ausglitt, war verloren: denn der Felsen fiel beinahe fenkrecht m einer Höhe von ungefähr achtzig Fuß ab. Indessen, mit Hilfe von zwei langen und starken Stricken, wie wir sie hatten, konnte man das Wagnis schon unternehmen.
Bis zum Fuß des Turmes ging alles gut Dann stieß ich ein Stemmeisen, das wir ebensalls hatten, in eine Felsenritze, band dem Baron d'Escorval das Ende des langen «tricks unter den Armen um di« Brust und begann, ihn in die ^.iefe hmabzu» lassen, indem ich mich selbst gegen den Turm stutzte und den Strick über das Stemmeisen gleiten ließ.
Der Bavo» konnte kaum zwölf bis fünfzehn Fuß von dem gefährlichen Wege zurückgelegt haben — da spüre rch plötzlich, wie die Last leicht wird, ein furchtbarer Aufschrei: der Strick war gerissen, der Baron in den Abgrund gestürzt.
Einen Augenblick war ich wie betäubt, dann beugte ich mich Mer den Rand vor; unten hörte ich Stöhne» — also mußte der
Baron, trotz seinem entsetzlichen Sturze, doch noch leben. Dann drang Stimmengemnrmel zu mir herauf; ich wußte, daß die Gattin des Barons und sein Sohn Maurice, nebst dem Abbä Midon, dem Pfarrer des Dorfes Sairmeuse, und einigen anderen Freunden auf uns warteten. Endlich sah ich, wie ein paar Laternen angezündet wurden und sich unten hin und her bt* wegten.
Ich selber war in keiner beneidenswerten Lag«. Fing matt mich, so war mir ein Kriegsgericht sicher, und selbstverständlich wäre ich erschossen worden. Ich mußte also versuchen, hinunter« zu kommen. Aber inie? Ich zog das Ende des Strickes an mich, befühlte es und bemerkte mit Grausen, daß eine glatte Schnittfläche vorhanden war! Ick untersuchte den oben gebliebenen Teil des Strickes und entdeckte noch fünf ander« Einschnitte. Nun konnte ich mir das Geräusch im Nebenzimmer erklären: ein Schurke mußte sich eingeschlichen haben, um an dem Baron einen niedertvächtigen Vcord zu begehen.
Ich knüpfte die verschiedenen Bruchstücke des großen Stricks aneinander, wickelte ihn mir um den Leib und klomm an dem kleineren Teil, das am Fenstergitter befestigt geblieben war, wieder nach dem Turmzimmec hinauf. Dann knüpfte ich die beiden Stricke aneinander, befestigte sie aber nicht mit einem Knoten an dem Eisengitter, sondern wgte sie so herum, daß die beiden Enden herabhingen. An diesen ließ ich mich wieder auf das schmale Plätzchen am Fuß des Turms hinunter; dort brauchte ich nur an dem einen Ende zu ziehen, und ich hatte meinen schönen langen Strick wieder, der vollkommen ausreichte, um von dem vermaledeiten Felsen herunterzukommen. Ein paar Minuten später toar ich unten auf sicherem Grunde.
Wunderbarerweise war der Baron d'Escorval am Kopfe völlig unverletzt geblieben: es waren zwar mehrere Rippen gebrochen, und das Fleisch seines Leibes war vom Aufprall auf die scharfen Felszacken furchtbar zerfetzt, aber es war doch eine, freilich schwache, Hoffnung vorhanden, ihn am Leben zu erhalten. So erklärte der treu« Abbö Midon, der ichon seit vielen Jahren die ganz« Gegend mit ärztlicher Hilfe versah. Das Wesentliche war, bett Baron an einen sicheren Ort zu transportieren, wo er ohne Furcht vor Entdeckung die nötige Pflege erhalten konnte. Die piemow- lesische Grenze war zwar nahe, aber doch zu weit für einen so schwer Verwundeten. , , ...
Zum Glück besann der Abbß sich auf einen braven Bauern, der nur etwa eine Stunde entfernt wohnte. Es mußte versucht werden, den Verwundeten dorthin zu bringen; und wirklich, der Bawn überstand den Transport, und damit war die schlimmM Besorgnis beseitigt. Der alte Bauer nahm ihn auf, obgleich er schon einem anderen Flüch tling Herberge gegeben hatte, nämlich dem jungen Jean Lacheneur, dem Bruder Mariannens, der durch einen Degenstich schwer verwundet Ivar.
Zwei Stunden später überschritten wir die Grenze; auf der Bahre lag einer der früheren kaiserlichen Offiziere, die bet bet Flucht mitgewirkt hatten. Man hatte ihm den Kopf mit blutigen Binden umwickelt, und wir ringen absichtlich so, daß wir von allen Leuten der Gegend gesehen werden mußten, natürlich, um di« Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen. Kaum waren


