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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von E. Gaboriau.
Nachdruck verboten, (Fortsetzung.)
Nach einer guten' Weile wurde indessen der alte Absinth müde, die Feder über trag' Papier huschen zu sehen. Ihm war unwohl nach der schlaflosen Nacht, sein Kopf brannte und seine Glieder schlotterten vor Kälte. Außerdem waren ihm die Beine ganz steif geworden.
Er fing also an, in den Schränken herumzustöbern, und entdeckte schließlich — o Glück! — eine zu drei Vierteln volle Flasche Branntwein. Er zauderte eine Sekunde lang, aber dann tzoß er sich ein Großes' Glas vM ein und stürzte cs auf einen Zug hinunter.
Wollen Sie auch einen? fragte er darauf seinen Kameraden. Berühmt ist der Schnaps ja gerade nicht, aber einerlei, er löst einem doch die Glieder und zerstreut ein bißchen.
Lecoq dankte; er brauchte keine Zerstreuung. Er hatte alle Mäste seiner Intelligenz aufgebotcu. Es kam darauf an, daß auf das bloße Lesen des Berichtes hin der Untersuchungsrichter sagen sollte: Holt mir mal den Burschen her, der das ausgesetzt hat.
Seine ganze Zukunft bei der Polizei stand auf dem Spiel. Er gab sich deshalb die größte Mühe, kurz, klar und deutlich zu sein. Zunächst berichtete er, wie ihm über die Person des Mörders Verdacht gekommen, wie dieser gewachsen wäre, und sich befestigt hätte.
Tann führte er einzeln alle Beweisstücke auf, die er in diesem Augenblick vor sich liegen hatte.
Tiese waren: die von dem Balken abgelesenen braunen Wollflocken, die kostbare Ohrbommel, die Abdrücke der verschiedenen im Garten aufgefundenen Fußspuren, die der Witwe Chupin gehörende Schürze mit den umgedrehten Taschen. Ferner der Revolver des Mörders, von dessen fünf Schüssen drei noch nicht entladen waren. Tie Masse hatte zwar keine Verzierungen, war aber außerordentlich schön und sorgfältig gearbeitet: auf dem Kolben trug sic den Namen eines der ersten Londoner Waffenfabrikanteu: „Stephen, 14 Skinnerstreet".
Lecoq ahnte wohl, daß er noch andere und vielleicht sehr wertvolle Indizien beibringen könnte, wenn er die Leichen durchsuche, aber dieses wagte er nicht. Er war noch zu unbedeutend ckls Polizeimann, um einen solchen Schritt unternehmen zu dürfen. Uebrigens begriff er, daß Gsvrol, der über seine Schnitzer wütend sein mußte, unfehlbar darüber schreien würde, Lecoq habe die Lage der Leichname geändert und dadurch den Gerichtsärzten unmöglich gemacht, Schlüsse daraus zu ziehen.
Er machte sich auch nicht allzuviel daraus, und überlas seinen Rapport noch einmal, als der alte Absinth, der ans der Türschwelle ein Pfeifchen rauchte, ihn anrief.
Was Neues? antwortete Lecoq.
Da kommt Govrol nebst zwei Kiollegen, und sie haben den Mom'missar und zwei Herren bei sich.
In der lsät kgm der Polizeikommissar, recht nachdenklich über diesen dreifachen Mord, der seinen Bezirk mit Blut besudelt hatte, aber doch nicht übermäßig beunruhigt. Warum hätte er sich auch aufregen sollen? Gsvrol, der in diesen Dingen Autorität !oar, hatte ihn gleich beruhigt, als er ihn hatte wecken müssen.
Es handelt sich, so hatte er ihm gesagt, bloß um eine Schlägerei unter dem Gesindel, das in der „Pfefferbüchse" verkehrt. Wenn alle diese schlechten Kerle sich untereinander abmurksen, so käme das nur unserer Ruhe zu statten.
Er fügte hinzu, der Mörder sei verhaftet, imb hinter Schloß und Riegel gesetzt; der Fall sei also durchaus nicht dringlich. Ter Kommissar sah daher nichts Unrechtes dabei, wenn er bett Tag abwartete, um sein Verfahren zu beginnen.
Am Morgen hatte er den Mörder aufgesucht, dann die Ge- 'richtsbehörde benachrichtigt, und kant jetzt, ohne allzugroße Eile, begleitet von zwei Aerzten, die der Kaiserliche Staatsanwalt mit der Untersuchung beauftragt hatte, auf den Schauplatz des Ver« brechens. Er hatte auch einen Feldwebel vom 53. Linienregiment bei sich; da einer der Toten Uniform trug und auf den Mantel- knöpfen die Regimentsnummer 53 stand, so sollte der Feldwebel womöglich feststellen, ob der junge Mann zu feinem Regiment gehöre, dessen Käfernen sich in den Forts befanden.
Noch weniger als der Kommissar beunruhigte sich der Kriminalinspektor um die Sache. Er kam pfeifeird und mit deut Spazierstock, den er niemals aus der Hand ließ, Lufthiebe schlagend, im Voraus sich schon über das Fiasko des Uebereifrigen amüsierend, der etwas hatte ausrichten wollen, wo er selber nichts bemerkt hatte. Sobald et in Rufweite war, interpellierte er beim auch schon den alten Absinth, der auf seine Türschwelle zurückgekehrt war und regelmäßige Rauchwolken aus seiner Pfeife hervorstieß, im übrigen fo unbeweglich, daß man ihn mit einer rauchenden! Sphinx hätte vergleichen können.
Na, Alter? rief Gsvrol, habt ihr uns eilt recht schönes Melodrama zu erzählen, so ein recht schwarzes und recht geheimnis« volles?
Ich habe nichts zu erzählen, antwortete der Biedermann, ohne seinen schwarzgerauchteit Pfeifenstummel aus den Lippen zu nehmen, ich bin bunt in, das ist ja bekannt. . . . Aber Herr Lecoq könnte Ihnen wohl allerlei erzählen, worauf Sie ikicht gerechnet haben.
Der Titel „Herr", womit der alte Kriminalschutzmann feilten; Kollegen bedachte, mißfiel Gsvrol so sehr, daß er sich stellte, als verstände er nicht.
Wer, was? fragte er. Von wem sprichst du?
Na, von meinem Kollegen, der gerade dabei ist, seinen Bericht fertig zu machen, von Herrn Lecoq.
Ah, ah! brummte der Inspektor, dem diese Worte äugen« scheinlich unangenehm waren. Äh! Ev hat was entdeckt .
Ten Braten, den die anderen nicht gerochen hatten! Jawohl, General, das stimmt!
Durch diesen einen Satz machte sich der alte Absinth seinen Vorgesetzten zum Feinde, Aber Lecoq hatte es ihm angetan. Er ging fortan mit ihm durch Tick und Dünn.
_> Ra, man wird ja sehen! murmelte der Inspektor. List


