Samstag ?§N 23. März

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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ja, wollte Gott, er wäre mehr auf der Erde", meinte sie trocken und arbeitete emsig weiter. Dann, als drinnen die er­müdenden Wiederholungen immer aufs neue begannen, verriet ein Achselzucken, ein unmutiges Stirnrunzeln, daß sie mit anderen Empfindungen zuhöre als drc Mutter.Nun, Sylvia beugt sich mit unvergleichlicher Geduld ihrem Tyrannen", meinte sie endlich lachend,aber es ist eine alte Erfahrung, bte kleinen, launenhaften Despoten finden «allemal einen, der sie übertrifft und dem sie sich dann willig fügen."

Was für sonderbare Bemerkungen du oft machst, Erna, ich kann sie im Grunde gar nicht leiden. Aber das hast du von deinem Vater geerbt, der hat auch diesen fatalen Sarkasmus. Ihr habt keine Spur von Verständnis für Genialität und Künstlernaturen." Die Kommerzienrätin schlang ihre Hände in rascher Bewegung ineinander, was sie stets tat, wenn sie nervös erregt war.

Nun, Bruder Roderich und ihn meinst du doch mit diesen letzteren sollte uns wohl endlich ein Verständnis für seine Natur aufgezwungen haben, Mama", erwiderte Erna in unerschütterlichem Gleichmut.Ick versichere dich auch gern, daß ich ihn für einen begabten Menschen halte, wenn er nur nicht so unersättlich wäre und die Genialität mit Hausen vom Himmel holen wollte. Oder richtiger, er meint, daß er sie gar nicht erst zu holen braucht, er besitzt sie fcion in unerschöpflicher Fülle. Komponist, Dickster, Dramatiker was braucht er da noch Mensch und gar ein tüchtiger zu sein. Ich denke oft, es ist schade."

So schweig doch, ich bitte dich!" rief die Mutter ungeduldig. Laß mich doch hören diese Stelle eben war sehr schön, sie enthielt die entzückendsten Harmonien." ,

Hm sie kommt mir recht bekannt vor, sie ähnelt einem Satz aus dem Parsifal wie ein Ei dem andern."

Du bist schrecklich mit deinem platten Dreinfahren Syl­via hat eine reizende Stimme; wenn sie ausgebildet ist, wird sie Großes leisten."

Erna schwieg, sie hatte ihre Arbeit in den Schoß sinken lassen und blickte sinnend vor sich hinaus. . , ,

Ach, ich bin dankbar, daß in meinem Sohn und in Syltna ein Funke von dem steckt, was meine Jugend verschönte", begann die Mutter wieder.Das Leben ist so nüchtern, so hausbacken. Meine Schwester Cölestine war ein geniales Geschöpf. Ohne schön ju _ Hix Welt behauptete ja damals, ich sei die schönere der Schwestern vereinigte sie eine Fülle von Talenten in sich. Sie tanzte wie eine Sylphide, spielte, sang ohne Schule, einfach nach dem Gehör, war unübertrefflich in komischen mi­mischen Darstellungen, sie kopierte jede Person aufs Haar und brachte die drastischsten Wirkungen hervor. Wo fte auftrat, unterhielt sie die Gesellschaft und ward sofort der Mittelpunkt derselben."

Erna hatte sich voll der Mutter zugewendet, während diese sprach.Wie neidlos du das erzählst, du gute Mama", sagte sie jetzt warm, mit verändertem Gesichtsausdruck,'ich meine einmal gehört zu haben, daß diese Tante Cölestine dir viel Leid zuge­fügt hat."

Ah, du weißt es ja, ich glaube, ich habe dir davort gesprochen während meiner Krankheit im vorigen Winter, als du die langen Nächte an meinem Bette wachtest. Freilich, viel Leid brachte sie über mich, als sie Gerhard Zernial, meinen Ver­lobten, an dem ich mehr hing, als sie ahnen mochte, für sich gewann. Aber sie ist nicht glücklich geworden."

Das konnte wohl nicht der Fall sein." Ernas Ton war wieder herb.Solche Naturen, wie du sie schilderst, werden über­haupt nie glücklich, auch wenn keine Schuld ihr Glück trübte.

Ich aber hätte das nie vergessen und darum auch wohl nie ganz verzeihen können; ich fühle wieder, wie verschieden wir geartet sind, Mama, und ich bin doch dein leiblich Kind. Ich« hätte urich auch nie so blenden lassen wie du, von diesen Ange und Ohr vielleicht bestechenden Eigenschaften, die du vorhin an ihr rühm­test, das ist doch alles nur eitel Oberflächlichkeit gewesen, nichts Ernsthaftes, darum hat es ihr auch für ihr Leben nichts genützt. Weißt du eigentlich, wo sie jetzt lebt?"

Der Kommerzienrätin wasserblaue Augen hatten sich mit Tränen gestillt, sie schüttelte den Kopf.Seit Jahren fehlt mir jede Kunde von ihr", sagte sie.Es hieß einmal, sie habe sich von Gerhard, von ihrem Mann, getrennt vielleicht ist sie tot."

Erna erwiderte nichts mehr, sie warf einen mitleidigen Blick zur Mutter hinüber und arbeitete tvieder emsig weiter an ihrer Stickerei. Der Gesang drinnen war verstummt, man hörte jetzt eifriges Reden der beiden, hin und wieder ein heiteres, melo­disches Auslachen Sylvias.

Ein leiser, knarrender Ton, von unten heraufklingend, das Knirschen der Eingangspsorte in ihren Angeln, machte Erna jetzt aufblicken. Sie zuckte unmerklich zusammen und ihre Augen leuchteten aus einmal seltsam auf. Sie erblickte unten in dem Laubengang, der ton der Einfassungsmauer entlang lief, eine wohlbekannte, schlanke und zierliche Männergestalt, die e.ben durch das nur den Intimen des Hauses zugängliche Pförtchcn eingetreten war. Die Mutter war mit ihren Erinnerungen und Träumereien beschäftigt und bemerkte die fliegende Röte nicht, welche sich plötzlich über der Tochter Züge gebreitet hatte; sie erbleichte auch rasch.

Erna nahm sich mit der gewohnten Beherrschung zirsammen.

Der Ankömmling erstieg jetzt bereits die Terrassenstusen, welche den Garten herauf führten, da stockte sein Fuß, er wandte den Kopf in die Höhe, aber nicht dem im Schatten der Veranda sitzenden, mit Herzklopfen seiner harrenden Mädchen zu, sondern er lauschte offenbar dem Gesang, der eben jetzt wieder aus dem offenen Fenster des Musikzimmers erscholl. Sylvia sang eine Arie aus Roderichs Oper:Kouradin, der letzte Hoheustaufe": Du schöner, blondlockiger Jüngling du, mein schöner Kouradin."

Die vielen Schnörkel und Koloraturen wollten noch nicht gelingen, es haperte, stockte dazwischen erklangen Sylvias