543
versagen, auf eine Würdigung der übrigen Aussätze im Festbande näher einzugehen.
Wertvoll für uns Gießener ist die Arbeit in der zweiten Abteilung: Alt-Gießen, von Archivdirektor Dr. G. Frhr. Schenk zu Schweinsberg. Der Verfasser bestimmt anhand des gemeinsamen Siegels der Stadt und Burgmannschaft die Gründung unseres städtischen Gemeinwesens innerhalb der Jahre 1243 und 1248. Die Burg „zu den Giezzen" wird schon 1197 als zeitweiser Witwensitz der Gräfin Salome von Gleiberg bezeichnet. Als Gründungszeit der Burg Gleiberg wird die Mitte des 10. Jahrhunderts angenommen. Die alte Wasserburg in Gießen, die in der Nähe der Kirchstraße zu suchen wäre, bestand aus einer im Rechteck ausgefiihrten inneren Burg, in die Palas und Bergfried eingebaut waren, und dem geräumigen Zwinger, der in eiförmiger Form die innere Burg umgeben haben soll und Scheunen, Ställe und Wohnungen für Burgmannen und Gesinde enthielt. Diese alte Burg soll auf dem A. Wallenfels'schen Besitztum „an der Bach" und auf dem Grunde der Leib'schen Hofreite „hinter dem Burggraben" gestanden haben. Im Inneren der Grasenburg lagen die ehemaligen Burgfitze der Familien von Schwalbach, von Rodenhausen, von Dernbach. Im Zwinger lagen die später den Familien Riedesel v. Bellersheim, von Elkerhausen, von Rodenhausen, von Linden zugehörigen Burgsitze. Das Umfangsgebiet der alten Burg war mit einer Mauer umgeben, im Norden „an der Bach" beginnend, dann etwa auf dem Gebiete der Stadtkirche hinter den vorderen Häusern am Markt nach dem „Cafö Ebel" hinziehend und dann sich auf der Westseite hinter dem Pfarrhaufe fort- setzend bis „hinter die Bach".
Die Erbauung der zweiten Burg „am Kanzleiberg", jetzt „altes Schloß" genannt, gegenwärtig Absteigequartier des Landesherrn und Sitz des Museums des Geschichtsvereins, wird in die Zeit von 1335 verlegt. Diese zweite Burg lag anfangs außerhalb der alten Stadt und wurde erst später bei Erweiterung der Stadt in das Stadtgebiet eingezogen. Die älteste Stadtmauer soll etwa gezogen sein vom „Einhorn" nach dem ehemaligen Heichelheim'schen Hause am Lindenplatz, hinter der Konditor Lind'schen Besitzung her, durch die Schloßgasse hinter dem Brück'schen Anwesen sich fortsetzend nach der heutigen Post, dann weiter durch die Schulstraße, Wagengasse, Wettergasse, hinter der Pistor'schen Besitzung her und schließlich in der Richtung nach der Wetzsteingasse endend. Damit wäre das Um- fassnngsgebiet der alten Stadt Gießen im 13. Jahrhundert festgelegt.
Gießen wurde von der benachbarten Ritterschaft „als Wohnort bevorzugt", die nicht nur in der alten Burg, sondern auch in der Stadt zinspflichtige Wohnhäuser besaß und am Stadtgericht und an der Vermögensverwaltung teilnahm. In Friedenszeiten wohnten diese adligen Herren meist auf ihren Gütern und suchten nur in Kriegsfällen das feste Gießen auf, wo sie dann als selbständige Genossenschaft auftraten. Das „gemeine Haus der Burg- mannen, ihr Rathaus, Triukstube und Festhaus" war die ehemalige Engelapotheke am Kirchenplatz. Die Arbeit können wir mit Recht als einen fördernden Beitrag zur Kenntnis unserer Lokalgeschichte ansehen.
Einen weiteren interessanten Beitrag zur Sittengeschichte an der Ludovieiana um das zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts bietet die Einzeldarstellung: Zwei hessen-homburgische Prinzen als Gießener Studenten 1722—1723. Bon L. Boltz.
Wenn uns auch seit Anfang der Gießener Hochschule fürstliche Personen hier als Studierende begegnen, so vermissen wir doch nähere Angaben aus der Zeit ihres Studienaufenthalts. Vorliegende Arbeit belehrt uns nach dieser Richtung besser und kann ein allgemeines Bild abgeb en über diese bevorzugte Art akademischer Bürger. Wir entnehmen dem Aufsatze nachstehende Einzelheiten. Anfangs April 1722 bezogen die hessen-homburgischen Prinzen, der 17 jährige Ludwig Joh. Wilhelm Gruno und der 16 jährige
Joh. Carl Wilhelm Ernst Ludwig, die Universität Gießen. Drei Wagen mit sechs Pferden beförderten ihr Gepäck, darunter auch sonst entbehrliche Gegenstände, wie 3 Ohm Bier und y8 Zentner Pulver. Die Prinzen, begleitet von ihrem Informator Passern, bezogen bauernd Wohnung im alten Schlosse. Der tägliche Mittagstisch wurde anfangs eingenommen bei Frau Regierungsrat Hoffmann und berechnete sich ohne Wein wöchentlich aus 2i/2 Gulden auf die Person. Das Abendessen besorgte Frau Hoffmann auf das Schloß. Die Einschreibung erfolgte beim Rektor) bei welcher Gelegenheit sie mit einem Glas Wein und einem Aufsatz Konfekt traktiert wurden. Die nächsten Tage brachten Besuche und Einladungen. Anfangs Mai wurden endlich die Studien ausgenommen; die Vorlesungen wurden privatim auf dem Schlosse von verschiedenen Professoren gehalten aus dem Gebiete der Jurisprudenz, Philosophie, Mathematik, Physik, Geographie und der französischen Sprache. Ein Stundenplan legte die Zeit der einzelnen Vorlesungen und Arbeitsstunden von 6—12 und 2—5 Uhr fest. Dazu kamen noch Reit-, Tanz-, Fecht- und Malstunden. Als „Prinzen vom Hause" (Hessen) hatten sie den Unterricht frei; doch erhielten die Professoren für die Unterweisung Geschenke von 30—100 Gulden. Zur Lektüre und Studium diente eine Anzahl Bücher, die teils mitgebracht, teils neu beschafft wurden. Ein Voranschlag sieht die Beschaffung einer neuen Kleidung für die jungen Herren vor, da die „alte ganz abgetragen und unbrauchbar geworden", mit einem nicht unbeträchtlichen Kostenaufwand von 228 fl., wozu jedoch erst die Genehmigung des landgräflicheu Vaters eingeholt werden mußte. Die Gepflogenheit, fürstlichen Studierenden die Würde des Rektorats zu übertragen, war seit Bestehen der Universität geübt worden. Für das Jahr 1723 wurde auch der älteste Prinz von Homburg, wenn auch erst 18 Jahre alt, als Rektor vorgesehen. Es fanden dieserhalb viel Besprechungen und Schreibereien zwischen Homburg und Gießen statt, da der alte Landgraf wegen der Kosten Bedenken gegen die Uebernahme des Rektorats trug. Und in der Tat brachte auch die Uebernahme des Ehrenamts für den Prinzen trotz Sparsamkeit eine Ausgabe von 300 fl., wahrscheinlich ohne den Wein; denn der Verbrauch von 263 Maß Wein beim Einführungsessen erforderte allein 143 Gulden 4 Albus. Der in der Arbeit angeführte Bericht des Informators Passern über die Festlichkeiten zeigt, mit welch' äußerem Aufwand die Einführung des neuert prinzlicheu Rektors stattfaud, der die höchste akademische Würde nur einen Monat bekleidete, da er mit seinem Bruder bald daraus einer Aufforderung des Zaren Peter des Großen zum Eintritt in die russische Armee folgte.
Einen weiteren schätzbaren Beitrag zur Kulturgeschichte der Universität Gießen liefert uns die Arbeit: „Bon tödlichem Ableben und solenner Beerdigung Reetoris Magirifici". Von K. Bader.
In der Zeit von 1730—1768 ist das Ableben eines Rektors int Amte nicht weniger als dreimal eingetreten. Bei dem Abscheiden des amtierenden Rektors, des Professors der Theologie Schupart, kam die Frage über eine würdige Bestattungsfeier nicht in Betracht, da feine Beerdigung auswärts, in Schwalbach, stattfaud, wo er zur Kur weilte. Als sechs Jahre später der amtierende Rektor und medizinische Professor Joh. Melchior Verdrieß verstarb, war die Universität vor die Frage gestellt, eine Form für eine würdige Bestattung zu finden „und mit hochfürstlicher Genehmigung in den Grundzügen ihr Zeremoniell seftzulegen". Es kam darauf au, durch einen feierlichen Aufzug die Bedeutung der Rektoratswürde zum Ausdruck zu bringen. Die erbetene Teilnahme eines Vertreters des Landesfürsten bei dem Leicheuzuge und die gemachten Vorschläge sinden die allerhöchste Genehmigung. Auch wird die Gestellung von sechs Pferden zum Leichenwagen nachträglich vom Landgrafen bewilligt. Die Vorbereitungen zu einer solennen Leichenfeier brachte dem Rektor eine Fülle von Arbeit, der sich um Trauermäntel, Marschallstäbe, Handschuhe, Fackeln, um die Beschafsung von Wein, Bretzeln, Gebäck und Kon-


