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Der Wormser Dom
das größte romanische Baudenkmal Deutschlands, ist wieder einmal in den Mittelpunkt lebhafter Erörterung gerückt- Es besteht bekanntlich die Absicht, an der Südseite des Tomes, anschließend an die vorhandene gotische Nikolauskapelle, Anbauten vornehmen zu lassen, die als künstlerisches Zubehör des Tomes gedacht sind. Man will ein Pfarrhaus an der Stelle erbauen, wo sich früher das alte Kapitelhaus mit Tonispeicher und Kreuzgang befand, und will unter Verwendung des gotischen Stiles eine „Nachahmung des 'früheren Zustandes" Herbeiführen. Tas neue Pfarrhaus soll die Gestalt des alten KüpitelhaufeF erhalten. Gegen dieses Vorhaben sind mancherlei 'künstlerische Bedenken laut geworden. Sie finden sich auch in den Gutachten wieder, die die Zeitschrift „Die Rheinlande" von sechs Fachleuten eingefordert hat. Schäfer hat zwei Fragen formuliert, die absichtlich allgemeiner gehalten waren, um eine grundsätzliche Beantwortung der strittigen Probleme zu ermöglichen; sie lauten: 1. Darf überhaupt an ein Baudenkmal von der Bedeutung des Wormser Tomes 'angebaut werden, wenn eine Notwendigkeit nicht vorliegt? 2. Wenn die Notwendigkeit eines solchen Anbaues vorliegt: darf dieser als Rekonstruktion eines' verschwundenen Baues und dann in historischen Stilformen gehalten werden — oder hat er neuzeitliche Stilforinen anzuuehmen? Professor Clemen in Bonn, Provinzial-Konservator der Rheinprovinz, antwortet aus die erste Frage: „Lieber nicht." Und auf die zweite: „Auf keinen Fall möchte ich empfehlen, einen Ilnbau, der einem modernen, nicht abzuweifenden praktischen Bedürfnis dient, äußerlich in streng historische Formen einzukleiden und den Stolz darein zu setzen, daß die Mitwelt ihn etwa für eine mittelalterliche Anlage ansieht. Bei einem Anbau, der eben immer neben und im Vergleich mit dem ,älteren Bauwerk gesehen werden will, wird ivvhl in erster Linie zu fordern sein, daß er sich ruhig und neutral verhält, sich nicht zu mausig macht — dafür ist auch eine neutrale Ärchitektursprache am besten: also wenn der ältere Bau mittelalterliche Formen nufc weist, lieber Formen, die sicher nicht mittelalterlich sind." Auch Prof. Tehio in Straßburg verneint die erste Frage: „Ein historisches Denkmal ist Produkt eines abgelaufenen historischen Prozesses. Jede Veränderung rind jeder Zusatz ist im-Lünne des Denkmals kein Plus, sorrderrr em Minus. Man fei doch froh, daß sich der romanische Dom zu Worms so einheitlich und vollständig wie feiten erhalten hat! Die Zerstörung der gotischen Anbauten an der Südseite wird man bedarrern. Mer zur Bau- idee des Domes selbst" haben sie nicht gehört. Sie dienten praktischen Bedürfnissen, die heute nicht mehr vorhanden sind". Und zur zweiten Frage äußert er: „Läge, was aber hoffentlich gar nicht der Fall ist, eine unüberwindliche Itotwendigkeit vor, das geplante neue Pfarrhaus nur an diesem einen und keinem andern Platz zu errichten, so dürfte es nur in modernen Formen gehalten sein. Daß ein Pfarrer mit den LeLensaewohnHeiten
Jedoch geschah schon 1607 alsbald nach Erlangung des kaiserl. Privilegs der Universität die Grundsteinlegung des Collegium Ludovieianum, welches nach dem Urteile eines Zeitgenossen mit königlicher Pracht erbaut und 1611 bezogen wurde. In der Festschrift Ludoviciana finden sich zwei im wesentlichen ganz übereinstimmende Abbildungen davon, die eine nach einem Stammbuchblatt vom Jahre 1747, die andere nach einem alten Stich, der sich auf die Restauration der Universität im Jahre 1650 bezieht. (Vergl. Ludov. I Seite 13 und 11 Seite 19.)
Das GÄäude, dessen Architektur an das 1585 errichtete Zeughaus (jetzt Kaserne) erinnert, zeigt drei Stockwerke, rechts und links hohe Giebel im Renaissancestil mit vertikaler Fassade und drei Fensterreihen übereinander, dahinter ein steiles Dach mit drei Reihen von Dachfenstern. In der Mitte befindet sich ein kleiner Aufsatz für eine Glocke. Das mächtige, bis zum dritten Stock reichende Portal mit vier Säulen oder Pilastern, im Barockstil gehalten, steht nicht in der Mitte, sondern so, daß rechts zwei Drittel, links ein Drittel des Gebäudes mit zusammen 9 Fenstern (6 rechts, 3 links) in jedem Stockwerk liegen. Hinter dem Gebäude, das Dach überragend, steht ein zmnengekrönter, als Observatorium dienender Turm, von vorn gesehen, gerade hinter dem hohen Portal, dessen gewaltiger Eindruck dadurch verstärkt' wird. Das Ganze ist von einer außerordentlich kräftigen Wirkung. Daß bei dem Abreißen des Gebäudes 1838 dieses herrliche Wahrzeichen des alten Collegium Ludovieianum nicht nur zerstört, sondern auch fast völlig verschleudert worden ist, muß als ein krasser Ausdruck jener für Geschichte verständnislosen Zeit aufgefaßt werden. Wäre das Portal in seinen wesentlichen Teilen erhalten, so könnte jetzt bei der 300jährigen Feier ein Festzug sich durch dasselbe nach seiner eventl. Wiederherstellung bewegen, wie er bei der 100jährigeil durch ein eigens errichtetes Triumphtor gezogen ist.
Einen guten Einblick in die Bauart von Gießen im 17. Jahrhundert gibt das Bild von Merian von 1650. (Vergl. Ludovi- eiana II Seite 20.) Es erscheinen darauf hinter dem Festungswall, während der Beschauer ungefähr in der Gegend des Busch'schen Gartens nahe dem Nahrungsberg, von der Stadt durch Wiesen getrennt, steht, von rechts nach links gesehen : 1. das mächtige Zeughaus (1585 erbaut); 2. das Collegium Ludovieianum (jetzt nach dem Umbau von 1838 nnd Verlegnng der Bibliothek Botanisches Institut); 3. das alte Schloß mit dem Heibenturm, jetzt restauriert und zum Teil freigelegt; 4. die Pankratius- oder Stadtkirche mit dem charakteristischen Turm; 5. das Rathaus, ferner 6. die Tore, rechts das niedrige Walltor, links von der Kirche das höhere Neustädter-, Neuenweger- und Selterstor.
Im Hintergründe von rechts nach links mit Burgen gekrönt 1. der Gleiberg, 2. der Vetzberg, 3. Hohensolms, 4. die Kinds- burg, worin wir wohl den Namen Kinzenbach erkennen dürfen. Bringt man dieses Städtebild auf bestimmte Begriffe, so zeigt sich 1. die staatliche Gewalt in Form der Festung, des Zeughauses und des alten Schlosses, zu denen, auf dem Bilde nicht sichtbar, noch das sogenannte neue Schloß am Brandplatz gehört, welches ebenso wie die Festungswerke schon von Philipp dem Großmütigen errichtet war; 2. die städtische Gemeinschaft in Form des Rathauses; 3. das religiöse, und kirchliche Leben, ausgedrückt durch die Stadtkirche; 4. die Wissenschaft in Gestalt des Collegium Ludovieianum. Die Stätte des geistigen Strebens liegt unmittelbar neben den Bauten der staatlichen Gewalt. Allerdings war die Universität aus dem Bestreben entstanden, dem reinen Luthertum int Gegensatz zu dem von Hessen-Kassel aufgedrängten Calwinismus zu dienen, sie tritt jedoch baulich von vornherein als eine von der staatlichen Gewalt geschützte Stätte der Wissenschaft in Erscheinung. Das Collegium enthielt die Fakultäts-Hörsäle, sowie die Bibliothek, bereit Grundstock bemerkenswerter Weise schon damals beschaft wurde, ferner im Obergeschoß Wohnungen der fürstlichen Stipendiaten. Die Geschichte des hessischen Stipendiatenwesens ist erst allmählich besonders durch die in der jetzigen Festschrift enthaltenen Studien des Pfarrers Dr. Diehl ans Licht gezogen worden. Es erscheint möglich, daß man bei der weiteren Entwickelung der Sache wieder auf die Auffassungen und Pläne zurückkommen wird, die schon int Beginn der mit einem kräftigen Aufschwung begonnenen UniversitätsAündung vorhanden gewesen sind. Von Bedeutung ist im 17. Jahrhundert noch die Begründung des Botanischen Gartens, bet eine Pflanzschule naturwissenschaftlicher Beobachtung geworden ist und gleichzeitig zur Verschönerung bet Stabt wesentlich beigetragen hat.
Im übrigen^ brachte der 30jährige Krieg wie überall in Deutschlanb Stillstand und teilweise Vernichtung auch für Gießen, wozu im Jahre 1625 die völlige Verlegung der Universität nach Marburg infolge der politischen Verhältnisse kam. Auch nach der 1650 erfolgten Restauration der Universität kann man von einer Weiterentwicklung kaum reden, wenn man nicht die Hinzunahme des sog. neuen Schlosses am Brand zur Erlangung von Räumen für das Rektorat, den Senat und die Kanzlei als einen Fortschritt bezeichnen will. Im Obergeschoß waren zeitweilig Wohn- räume für Professoren und der berühmte Karzer der Studenten, an den sich für manche noch Lebende freundliche Erinnerungen knüpfen.
Wir erkennen somit bis hierher deutlich zwei Perioden, eine des Aufschwungs am Anfang des 17. Jahrhunderts, eine
zweite der Ruhe bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, eine schwere und lange Folge der durch den 30jährigen Krieg bewirkten Vernichtung der deutschen Kultur.
Tie dritte Periode, in der wesentliche Veränderungen, wenn auch zum Teil noch in bescheidener Form geschehen, reicht vom Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die 40er Jahre, die vierte mit einer geradezu erstaunlichen Bautätigkeit von der Mitte der 70er Jahre bis zur Gegenwart. Zwischen der dritten und vierten liegen die großen politischen Umwandlungen in Deutschland, aus denen Hessen mit einer gesteigerten Gestaltungskraft hervorgegangen ist.
Das wichtigste Ereignis der dritten Periode ist die Gewinnung der im Jahre 1821 freigewordenen Kaserne an der Liebigstraße für die Zwecke der Universität nach der damaligen Verlegung des Militärs. 1825 wurde die Bibliothek aus dem noch bestehenden Collegium Ludovieianum in die Kaserne verlegt und kehrte erst 1880 nach dem längst vollzogenen Umbau dieses Gebäudes und nach Errichtung der neuen Aula an der Ludwig- straße an ihren alten Sitz zurück, von wo sie 1904 in das neue ausgezeichnete Bibliotheksgebäude am Ende der Bismarckstraße übersiedelte. t
Im westlichen Wachhäuschen der alten, Kaserne wurde 1825 ein neues Laboratorium für Liebig eingerichtet, der damals im Beginn seiner bahnbrechenden Entdeckungen stand, — nachdem sich das chemische Studium seit 1785 mit einem Gartenhäuschen im Botanischen Garten hatte behelfen müssen. In dem bescheidenen Laboratorium an der alten Kaserne, welches später durch zwei Anbauten 1835 und 1839 erweitert wurde, hat sich, die bahnbrechende Arbeit Liebigs bis zum Jahre 1852, d. h. bis zu seiner Uebersiedelung nach München abgespielt. Die Erhaltung dieser Stätte bei dem bevorstehenden Abbruch oder, der sonstigen Verwendung des Kasernenbaues erscheint mir nicht nur als ein Akt der Pietät sondern von Seiten der Stadt und des Staates als absolute Notwendigkeit, wenn unser Tun nicht später dem Fluch der Lächerlichkeit z. B. bei Gelegenheit der 400jührtgen Feier der Universität verfallen soll. Einen Plan dazu habe ich im Zusammenhang mit bett Vorschlägen zur Verlegung der oberhessischen Linien vor mehreren Jahren entwickelt.
(Schluß folgt.)


