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von Uchdorf los. Morgen in bet Frühe hätte er ihre Antwort. Ob er herjauslas, wie sehr sie ihm alles' Gute für die Zukunft Wünschte? . . .
Es war am andern Tag. Getreu ihrem Vorhaben ging Dagmar ihren gewohnten Beschäftigungen nach. Was hals auch plles Griibeln und Sinnen?
Aber es wurde ihr heute unsagbar schwer, den Berichten des Verwalters zu folgen. Sie war froh, als der Mann endlich mit seinem Vortrjag zu Ende war. Eilig klingelte sie dem Diener.
„Franz, ich gehe jetzt nach der Heide. Das Mittagessen fall erst um vier serviert werden."
Langsam ging Dagmar über den Hof. Ihre großen, stillen Augen blickten aufmerksam umher.
Ehrfürchtig rissen die Leute bei ihrem Nahen die Mützen von den Köpfen. Tlagmar dankte ihnen freundlich, aber sie blieb heute nicht, wie sonst wohl, bei dem einen oder dem andern stehen und sprach mit ihm.
Raschen Schrittes eilte sie vorwärts. Bald nahm der nahe Kiefernwald sie auf, dessen harzigen Duft sie mit solchem Behagen einsog.
Tie Sonne schien hell uttb warm. Dagmar begann das Allmählich auch zu spüren. Sie mäßigte deshalb ein wenig ihre schnellen Schritte.
Wie still und friedlich es hier war. Kein anderer Laut als das leise Girren der Holztauben, das taktmähige Aufklopfen des Spechtes störte die tiefe Waldestuhe.
Nach einiger Zeit wandte Dagmar sich nach rechts. Ein Tohnenstieg kürzte den Weg bedeutend ab. Rasch durchquerte sie den schmalen Waldstrich, der die sogenannte „kahle Heide" von dem Akoor trennte.
Tie hahle Heide! Den Namen mochte sie im Winter verdienen, wenn sie, Gräser und Sträucher von hohem Schnee bedeckt, eine einzige unwirtliche Flache bildete, die weder Eichen noch Kiefern belebten.
Jetzt, im Herbst, phangte diese „kahle" Heide im schönsten Blütenschmuck, blühten Erika und Ginster um die Wette. Das war ein Leuchten und Glühen von überwältigender Pracht.
Wie geblendet schloß Tlagmar einen Augenblick die Lider. Wie schön das war, wie wunderschön! Langsam schritt sie durch das Blütenmeer bis zu einem kleinen Hügel. Tort setzte sie sich nieder.
Tie Lust wiar so still und klar, so unbewegt, wie sie nur der Nordische Herbst Ian besonders schönen Tagen hat. Herber Erdduft, untermischt mit dem leisen Modergeruch verwelkten Laubes drang zu Dagmar hin, welche entzückt auf, die rotglühende Heide blickte, die sich förmlich im Sonnenschein badete.
Rotgelb und golden leuchtete d|as Laub vereinzelter Buchen vom Wlaldrünb herüber, dessen dunkle Tannen so ernst und würdevoll darein sahen, als begriffen sie gar nicht die leichtsinnige Putzsucht der Heide, die sich so schön gemjacht hatte, als gäbe es kein Welken und Vergehen, keinen Sturm und Regen, nicht Schnee, noch Eis. Als bliebe ewig lachender Sonnenschein, der ihr reiches Kleid noch Mehr vergoldete.
Sinnend wandte Dagmar den Kopf, während ihre Augen wieder über die Heide glitte». War es am Ende doch nicht Leichtsinn, der die Njatur zu so verschwenderischem Blühen, j?tzt so kurz vor dem langen Todesschlaf trieb? Wollte sie vielleicht damit den überklugen Menschen einen Beweis von der großen Wahrheit geben: „Reif sein ist alles! Ter Herbst aber ist die Zeit der Reife — d r Erfüllung ?" . ....
„Reif sein ist ,alles," murmelte Dagmar und wieder streifte ihr Blick die Pracht umher. Reifer: und dann in dem sieghaften Schmuck der Reife furchtlos dem Winter entgegen gehen. Tas war es, was die Mtur so eindringlich zu predigen wußte.
Wie aber, wenrr es einem Menschen an dem, was ihr» ebenso wie jeder Pflanze zum Reifwerden nötig ist, Wenns ihm an Sonne fehlt, was' dann?
„Tenrwch versuchen, reif zu werden, ist Menschenpflicht," | schoß es Tjagmar durch beit Sinn, und sie dachte daran, daß ihr die stille. Warme Sonne herzlicher Liebe ganz sicher fehlen würde. Ihre Augen blickten sehnend ins Weite . . .
Sie sah nichts mehr von der Pracht um sich herum, hörte nicht die eiligen Schritte des hohen, schlanken Mannes, in dessen sonnigen Augen ein Warmes Leuchten lag. Ihre Gedanken weilten bei dem, der jetzt wohl seine Brant im Arm hielt, ihr tmlsend süße, zärtliche Tinge sagend. — —. — rr,
„Tsagmär," klang es da plötzlich zu ihr hin, und dann noch einmal in Hellem Jubel: „Tagmar, da bin ich!"
Und ehe sie rwch wußte, wie ihr geschah, kniete Uchdorf
schon neben ihr in dem blühenden Heidekraut. Schweigend schlang er dien Arm um sie. So fest, so fest, als wolle er sie nie und nimmer lassen.
Ein weiches, zärtliches Lächeln ging über ihr Gesicht.
Ta küßte er sie... Selig erschauernd ließ Dagmar es geschehen.--- —
„Mein Lieb, mein süßes Lieb," klang es leidenschaftlich an ihr Ohr, „wie lange, wie grausam lange hast du mich warten lassen! Und wie sehnsüchtig habe ich nach einem einzigen, kleinen Zeichen ausgesehen, das mir sagen sollte, „jetzt darfst du kommen, jetzt sind die Schatten der Vergangenheit verschwunden--
jetzt komm und hole mich"."
„Mich?"
In fassungslosem Staunen sah er sie an.
„Ja, wen denn sonst?"
Ta bog sie langsam, mit glücklichem Lächeln ihr purpur- überflammtes Antlitz nah, ganz nah zu ihm hin:
„Ein Weib, welches wahrhaft liebt, das zweifelt bis — zur — seligen ■— Gewißheit!" — — — — —
Ende.
HLrnvelstiät und Stadt Kießen.
In der Versammlung des Bürgervereins im „Hotel Einhorn" am 29. Juli 1907 führte Professor Sommer über „Universität und Stadt Gießen" folgendes aus: „Die Bedeutung der Universität für die Stadt Gießen ist eine sehr wesentliche und mannichfache, so daß das Thema außerordentlich viel umfaßt. Auf die wirtschaftliche Bedeutung, die in der Lebensführung einer so großen Zahl von Dozenten, Assistenten und Studenten, sowie der an der Universität und ihren Instituten angestellten Beamten liegt, kann ich nur kurz Hinweisen.
Neben diesen materiellen Vorteilen kommt die Durchdringung des ganzen städtischen Lebens mit Bildungselementen sehr in Betracht. Wir haben in Gießen eine ganze Zahl von wissenschaftlichen Einrichtungen, an denen sich die Dozenten der Universität stets lebhaft betätigt haben, so den Geschichtsverein, den Verein für Volkskunde, den Lesehallen-Verein, die Geographische Gesellschaft u. a. Sodann ist die Universität an der ausgezeichneten Entwickelung des Musiklebens in Gießen stark beteiligt gewesen. Auch diese mehr ideale Seite der Beziehungen kann ich hier nur andeuten.
Ferner kann das Thema von einem Standpunkt betrachtet werden, der erst in neuerer Zeit berücksichtigt wird, nämlich im Hinblick auf die Verschiebungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung. Eine große Zahl von Mitgliedern der gebildeten Bevölkerungsschicht in Hessen sind Nachkommen von Männern, die zuerst als Professoren der Gießener Universität nach Hessen gelangt sind, wovon man sich bei Vergleichung der Namen mit den Personen der Universitätsgeschichte und weiteren Feststellungen über die Familienzusammengehörigkeit überzeugen kann. Was für Hessen im allgemeinen gilt, stimmt auch für die Stadt Gießen in: besonderen. Eine Statistik darüber, wieviele Nachkommen von früheren Gießener Professoren hier wohnen, wäre sehr interessant. Es handelt sich dabei nm ein Seßhaftwerden von Familien, die im Laufe von Generationen ganz mit der neuen Heimat verwachsen. Umgekehrt trägt das gut entwickelte Hochschulwesen in Hessen dazu bei, daß eine große Zahl von Hessen auf Grund ihrer akademischen Studien dann außerhalb Hessens angemessene Tätigkeit finden und dadurch den hessischen Stamm in andere Teile von Deutschland und in das Ausland verpflanzen. In den Rahmen dieser Betrachtung gehört auch die Tatsache, daß notorisch relativ viele Studenten hier ihre späteren Frauen finden. Diese anthropologische Betrachtung der Zusammensetzung und Verschiebung der Bevölkerung ist ebenso wichtig wie die wirtschaftliche und ideelle Seite der Sache, muß jedoch ebenso wie diese hier übergangen toerben.
Ich beschränke mich daher auf die Frage, in welcher Weise die Universität auf die Entwicklung der Stadt in b a u l i ch e r Beziehung eingewirkt hat, wobei die wichtigsten Momente der Universitätsgeschichte zum Vorschein kommen. Schon der Beginn dieser ist sehr charakteristisch für die engen Beziehungen von Universität und Stadt. Als Vorbereitung der Universität, deren Privileg von Seiten des Kaisers noch ausftand, wurde 1605 das Gymnasium illustre d. h. inhaltlich schon eine Hochschule von Ludwig V. gegründet und von der Stadt bei Mangel eines besonderen Gebäudes in das Rathaus ausgenommen, das uns glücklicherweise erhalten ist und nach der vollzogenen Restauration auch jetzt noch der Stadt zur Zierde gereicht. Die Voraussicht der Männer, welche dieses Opfer damals brachten, ist sehr anerkennenswert, wenn man sich überlegt, welche Schwierigkeiten die Verwendung der für die städtische Verwaltung wesentlichen Räume zu diesem ganz anderen Zweck mit sich gebracht haben muß. Ein zweites Provisorium wurde wegen der rasch wachsenden Studentenzahl von Seiten des Landgrafen in einem staatlichen Gebäude, dem alten Schloß am Kanzleiberg geschaffen, welches damals die Festnngskommandantur, die Kanzlei und wahrscheinlich auch das Archiv beherbergte.


