1907
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ZLW
Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten!.
(Schluß statt Fortsetzung.)
22. Kapitel.
Es sind wieder drei Jahre verflossen, und es ist Hochsommer, wie im Anfang unserer Erzählung. Die Strahlen der sinkenden Sonne vergolden die blitzenden Knaufe auf den Türmchen der Walldorffchen Villa, aber heute-steht kein übermütig lachendes Mädchenherr da oben auf der höchstjen Turmgalerie, wie damals.
Sylvia sitzt unten im Garten und hält ein liebliches schlafendes Kind in ihrem Schoß. Sie hat sich erholt; ihre Wangen sind wieder rund geworden, und die eingesunkenen Augen wieder klar. Auch ihre Brust hat sich gekräftigt, sie singt ein Wiegenlied von Schubert, und ihre Stimme klingt voll und innig.
Sie ist es nicht gewahr geworden, daß von unten ein Herr den bekannten Laubengang entlang gekommen und in einiger Entferung von ihr stehen geblieben ist. Er schaut mit einem merkwürdigen Ausdruck auf die Gruppe.
Jetzt legt Sylvia den Kleinen — es ist ein Bübchen — in den neben ihr stehenden Wagen, unb schickt sich an, denselben durch den Garten nach dem Hause zu schieben. Ta erblickt sie den Lauscher. Ein leichtes Rot fliegt über ihr Gesicht.
„Ah! Herr Hendrichs!" ruft sie sichtlich befangen.
Paul tritt rasch näher. „Der kleine Bub schläft ja, können wir nicht ein Weilchen hier draußen bleiben?" meint er.
Sylvia sieht nach ber Sonne. „Noch ist sie nicht hinunter," bemerkt sie; „Erna ist sehr ängstlich, sie meint, es schade dem Kinde, wenn es nach Sonnenuntergang im Freien ist. Aber ist es nicht ein herziges kleines Gefchöpfchen?" Sie biegt voll Stolz die Kissen zurück und zeigt das rosige Gesicht des kleinen Schläfers.
„Ja, natürlich," entgegnet Paul, aber unerhört oberflächlich, >,die ersten Kinder sind immer Wunderexemplare."
„Ach! Sie sind unausstehlich." Sie wendet sich schmollend von ihm ab.
„Wie geht es der Kommerzienrätin heut?" fragt Paul^
Sylvias Augen füllen sich plötzlich mit Trüben. Sie schüttelt wortlos den Kopf. „Schlecht," sagt sie dann gepreßt; >,ach! Herr Hendrichs, es wird auch nicht Mehr besser."
„Hm" — er sieht teilnahmsvoll auf sie herab. „Der Verlust trifft Sie am allerherbsten, Fräulein Sylvia. Die Fran Professorin hat i hren Wann und ihr Kind, ihr sieht man ja das Glück aus den Augen leuchten, — und der Kommerzienrat — ihm wird die treue Lebensgefährtin fehlen, aber ich glaube —"
„Er geht zu Erna und Villatte stach Leipzig," ergänzt Sylvia, „sobald Mama die Augen geschlossen hat. Dann ist ihm hier alles verleidet." ! ,
>,Unb Sie, Fräulein Sylvia?"
»Ach ? Nun» ich 'bin djann tvikdtzl heimatlos. — Djgrf ich
es beklagen? Waren diese Jahre, wo ich wieder sg viel Liebt, geben durste, nicht ein unverdientes Glück ftir mich?"
„Sylvia, bist du noch im Garten?" Es ist Ernas Stimme, welche von der Veranda herunter schallt. Sie selbst eilt mit raschem, elastischem Schritt durch die gewundenen Gänge des Gartens und steht bald vor den beiden.
„Ach! Sie sind's, Herr Hendrichs, ich hörte dasStimmen- gemurmel. Lassen Sie sich nicht stören, es ist wunderschön heut abend. Ich wollte nur meinen Buben hereinholen. Nein, nefit, Sylvia, bleib du noch draußen, dir ist die frische Luft sehr nötig. Mama schläft, ich komme eben von ihr."
Paul Hendrichs hat mit seinem Ausspruch vorhin recht gehabt. Erna ist nicht wieder zu erkennen, so hat das Glück ihre Züge verklärt. Selbst die Sorge um die Mutter dämpft den Ausdruck nicht ganz. Seit zwei Jahren ist sie Billattes Gattin, und er hat in ihr die Gefährtin gefunden, die ihn ganz ausfüllt.
„Weißt du wohl, Geliebte," meinte er einmal, „daß, wenn ich Sylvia geheiratet hätte, es trotz unserer ehrbaren Naturen auf einen geistigen Ehebruch hiuausgelaufen wäre? Du warst mir schon die Seelengefährtin, als Sylvia noch meine Braut war."
Sylvia ist jetzt freilich auch eine andere. Sie hat denken gelernt und hat sich zu demütiger Selbstchsigkeit durchgekämpft. Sie ist für die geliebte Pflegemutter, welche die eigene Tochter entbehren mußte, eine treue Pflegerin geworden, sie hat versucht zu sühnen unb zu vergelten.
Fran Kommerzienrätin kränkelt seit langer Zeit, jetzt ist das Leiden ein schweres unb unheilbares geworden. Sylvia steht nicht zu schwarz, wenn sie das Ende ins Auge faßt. Erna ist mit dem schlafenden Kinde in das Haus gegangen, Sylvia und Paul schreiten u nten im Laubengauge auf und ab. Sylvia atmet mit Beftiedigung die frische kühle Abendlust, ihr liegt die Pflege der Kranken einzig ob; Erna ist mit dem Gatten nur für ein paar Tage hier, sie hat ihren Pflichtenkreis im eigenen Hanse. Manila Walldorf ist bei all ihrer Liebe für Sylvia, oder eben deswegen — anspruchsvoll inbezug auf ihre fortwährende Gegenwart, und so verfließen Sylvias Tage am! Krankenbett..
Jetzt reden sie unb Paul eifrig zusammen. Sie liest sein Buch „lieber das Gewissen", das so viel Aufsehen gemacht hat in Gelehrten- unb in Laien kreisen. Ein scharfer Denker zergliedert da das Meuscheuherz.
Paul lebt erst seit einem! Jahr wieder in Dresden, er cst der Fremde ncüde geworden, Heimatssehnsucht hat ihn gepackt. Ueberdies sind seine Eltern in kurzen Zeiträumen hinter einander gestorben, Erbschaftsangelegenheiten haben seine Gegenwart erfordert.
„Ich habe lange geglaubt, daß ich kein lebendes Wesen zu meiner Glückseligkeit brauchte," sagt er jetzt; „ich liebe die Einsamkeit, mir waren die Menschen nur interessant, wie mir jede Form des Lebens interessant ist, aber —"
„Aber?" Sylvia sieht ihn an und lächelt. Ihr Mick drückt eine unbegrenzte Bewunderung für ihn ans.
„Aber" — Paul vollendet lachend seinen Satz, „ich komme zu dem Schluß, daß dex Mensch — jeder ohne Ausnahme —.


