666
Perbeikam und sich zu dem Trunkenen in die Droschke setzte, war Walden."
Hansemann fuhr gereizt auf. „Wissen Sie auch, welche fürchterliche Anklage Sie damit wider einen unserer fähigsten Beamten erheben?" fragte er scharf.
„Fähig oder nicht, Herr Rat . . . oder vielmehr seine allzugroße Fähigkeit hat ihn auf die Bahn des Verbrechens getrieben ... der Ehrgeiz hat ihn verblendet. Ec wollte durchaus eine führende Rolle spielen und sich hervortun. Da hat er denn seinen Freund Schuhmacher, dessen ausgezeichnete Fähigkeiten als Kunstschlosser er kannte, für den Einbruch in den Selkenbachschen Kassenschrank zu gewinnen gewußt."
„Ich bitte Sie, Thommen, das ist eine ungeheuerliche Annahme!" wehrte Hansemaun nervös ab.
„Warum so ungeheuerlich, Herr Rat?" beharrte der andere bei seiner Meinung. „Es sollte ja kein gemeiner Einbruch werden. Walden war von dem Vorhandensein der Geschäfts- Papiere in dem bewußten Schrank überzeugt. Vielleicht war ihm auch der im Selkenbachschen Hause verkehrende Witte gefällig und baldowerte die Geschichte aus. Was weiß ich. Jedenfalls sollte Schuhmacher die Dokumente stehlen. Kam Walden in deren Besitz und wiese sie das Verschulden der Selkenbachschen Clicgue nach, so fragte kein Teufel nach der Art des Erwerbs. Selbst Sie Herr Rat, würden die Chose unter dem Gesichtspunkte beurteilt haben, es sei ein äußerst kühner, aber erfolgreicher Anschlag. Natürlich gehörte dazu, daß auch der Bestohlene keinen Einbruch nachzuweisen vermochte; also der Schrank mußte unbemerkt geöffnet und nach Entnahme der Papiere ebenso kunstgerecht wieder geschlossen werden. Nach allem, was ich über Schuhmacher gehört Habe, war er dazu gerade der richtige Manu. Er mußte also ins Haus geschmnckelt werden. Das gelang. Warum sollte der Stellenvermittler sich weigern, Walden den Gefallen zu tun? Diese Sorte Leute ist immer froh, steht sie mit uns auf gutem Fuße. Das erstemal nahm Schulz wacher einen Wachsabdruck vom Türschloß. Das nächste Mal hatte er sich einen assenden Schlüssel gefertigt und kam ins Zimmer. Da. nahm er nun einen Wachsabdruck von: Kassenschrankschloß. Er wird sich Zeit genommen haben. Wer wäre auch auf den Gedanken gekommen, ihn im Arbeitszimmer des Hausherrn zu suchen? Diesen am wenigsten; er hatte ja selbst abgeschlossen und den Schlüssel in der Tasche. Das dritte Mal schloß er den Schrank auf und durchsuchte ihn nach den Paieren, Ein starker Trinker war er immer; so hatte er sich einige Flaschen Branntwein angeeignet, um sich Mut zu trinken. Der Anblick der Juwelen verführte ihn, den armen Teufel. Er steckte sie zu sich, ebenso die Paiere. Der reichlich genossene! Alkohol erweckte- seine Krakehllust; ein Prahlhans war er ohnehin, wohl auch ein Schwätzer, der sich wohl schon dem Hausmeister gegenüber verraten hätte, wäre er daran durch seine widersenstig gewordene Zunge nicht verhindert worden. So achtete man nicht auf seine Redensarten, sondern warf ihn prompt aus der Tür. Vermutlich ist er dem auf ihn lauernden Walden direkt in die Arme gelaufen."
„Wie anschaulich Sie das alles schildern, just als ob Sie selbst dabei gewesen wären!" warf Hansemann grimmig ein.
„Herr Rat, ich bin ein alter Praktikus, dem schon mancher Wind um die Nase geweht ist," lautete die unempfindlich gegebene Antwort. „Walden war natürlich bestrebt, den Trunkenen so rasch wie möglich in einer Droschke unterzubringen . . . darum hörte der Kutscher auch die beiden sich Augu stund Gustav anreden. . . merken Sie was, Herr Rat? Was der Kutscher sonst noch ausgesagt hat, werden Sie ivohl noch wissen. Walden schleppte seinen Freund nun durch die Tiergartenstraße weiter. Er wird von ihm die Papiere erhalten und dabei von dem Trunkenen die Kunde von dessen auf eigene Faust vollführten Raubzug erhalten haben. Wie dem Burschen die Beine immer mehr ausgingen, ließ ihn Walden liegen und eilte weiter, vermutlich, um eine Droschke aufzutreiben. Hinter ihnen kam der Maler. Er stolperte über den am Boden Liegenden und ohne ihn zu erkennen, nahm er ihn beim Arme und schleppte ihn bis zum Potsdamer Platz . . . dort folgte dann die Erkennungsszene und der Maler ging ab durch die Mitte."
„Recht scharfsinnig au.sgedacht. Warum eilte aber Witte dann dem Manne nach? Doch wahrlich nicht, um sich schaudernd von ihm abzuwenden, als er ihn glücklich gefunden und erkannt hatte."
Thommen schob die Achseln hoch. „Da fragen Sie mich mehr, als ich beantworten kann. Darüber dürfte Witte am ehestem Auskunft geben können, notabene, wenn er will. . . es ist immerhin möglich, daß auch er die Hände im Spiel hatte."
„Unsinn, Witte und Walden sind einander spinnefeind."
„Tas mag zum Plan gepaßt haben. Diese Gegnerschaft sollte Ihnen vielleicht von vornherein die Lust nehmen, an ein Einverständnis zwischen beiden zu glauben."
„Thommen, Sie sind heillos spitzfindig! Welche Rolle hat Walden denn Ihrer Vermutung nach weiter gespielt?"
„Tas stelle ich mir einfach genug vor. Er war nach dem Potsdamer Platz geeilt, um eine Kutsche aufzutreiben. Verniutlich wollte er unsere Troschke nicht nehmen, weil er mit deren Lenker einen Schutzmann verhandeln sah. Wie er sich um eine andere Fahrgelegenheit umsah, hörte er Schuhmacher schon kommen.. Das kann ihm nicht schwer gefallen sein, denn nach Rykohls Aussage hat der Betrunkene ja wie ein Zahnbrecher gebrüllt^ Nun blieb Walden in der Nähe, um den Weiterverlauf der Tinge zu beobachten. So wurde er Zeuge der vergeblichen Bemühungen der Männer, den Trunkenen in der Troschke unter» zubringen. Dessen Geschrei muß in ihm die Befürchtung erweckt haben, der seiner Sinne Beraubte möchte die ganze Geschichte ausplaudern. Wie er nun den Schutzmann vergeblich hinter Witte Herrusen hörte, mag in ihm der verzweifelte Plan anfgetancht sein, sich des Trunkenen zu entledigen. Witte und er hatten dieselbe Gestalt; sie trugen auch den gleichest modernen Uebcrrock. Ta mag Walden daran gedacht haben, Chloroform zu benützen. Die Apotheke war nur wenige Schritte entfernt; ein Halbstudierier ist er ja auch."
„Das stimmt; Walden wollte ursprünglich Arzt werden, bekam es aber mit der Blutscheu zu tun und mußte umsatteln."
„Daher auch seine Fertigkeit im Rezepteschreiben. Dem Schutzmann gegenüber gab er sich gottesfürchtig und dreist als den kurz zuvor davongelaufenen Begleiter zu erkennen; da er Witte persönlich kannte und er bei der Nachtstille jedes Wort der vorher geführten Verhandlungen verstanden hatte, fiel es ihm nicht schwer, des Malers ausfällige Redeweise nachzuahmen und Rokohl hinters Licht führen. . . was ihm freilich nur unvollkommen gelang."
„Mit anderen Worten: Sie klagen Walden des Mordes an?"
Wieder zuckte der Koinmissar mit den Schultern. „Wer kann das wissen, Herr Rat! Vielleicht lag es in seiner Absicht, den Kumpan nur zu betäuben, also ihn vorübergehend unschädlich zu machen. In der Erregung mag er mehr Chloroform verbraucht haben, als sein Patient vertragen konnte. Was daraus wurde, ist uns ja bekannt."
(Fortsetzung folgt.)
Zu Schillers Iicsco.
Durch eine Aenßernng Jean Jacques Rousseau's soll Schiller auf beit Charakter und die Geschichte des unglücklichen! Grafen von La vag na aufmerksam geworden sein. Nikolaus Bogt, der Rheinische Geschichtsschreiber, will ihm den ersten Gedanken gegeben haben. Schiller selbst nennt in der Vorrede zu seinem 1782—1783 verfaßten „republikanischen Trauerspiel" des Kardinals de Retz nach einem ital. Muster kwrfaßte Jugendarbeit und Robertson's „Geschichte Carl's V." als seine hauptsächlichsten Quellen.
Der junge Dichter war mit Weit und Menschen unbekannt, als er sich an den Stoff machte; er mochte die Geschichte selbst nur fragmentarisch kennen, soweit sie für seine dramatischen Studien in Betracht kam. Daran erinnern die hochtrabenden Tiraden, die nach hergebrachter Weise Rom und Sparta zum Muster nehmen, wie man eben Rom und Spartcr in den Schulen begriff und nach Roliin und nach historischen Romanen beurteilte; daran erinnert das politische Theoretisieren, dos, sowohl im Begriff wie in der Form geläutert, wenige Jahre darauf'dem Don Carlos seine individuelle Färbung gab. Aber inmitten aller Phrasen nnd alles hohlen Redegangs, durch dessen falschen Schimmer nicht selten Gemeüt- plätze durchscheinen, inmitten aller zum Teil komischer Versüße des noch Ungeübten wider Sitten und Kostüme der Zeit und des Landes, inmitten aller Zerrissenheit und Unruhe, die dem dramatischen Effekt Abbruch tut, ja ihn teilweise vernichtet, hat der Dichter mit jenen seinen historischen Sinn, der sich' später int Wallenstein zur höchsten Blüte entwickelte, den bestimmten Charakter des ganzen Vorganges wie der Hanptper- sonen aufgefaßt, und die Handlung, wie übereinstimmende Berichte sie darstellen, mit Zügen belebt, die, indem sie den idealen Republikänismusgewissermaßen lokalisieren, zum Teil nicht glücklicher hätten gewählt sein können.
Die Frau en ch ar a kter e in der Tragödie sind durchaus verfehlt. Man braucht Italien nicht viel zu kennen, um einzu- sehen, daß Schillers Leonore wenig ober nichts von einer Italienerin an sich hat, vielmehr in ihrer schmelzenden Sentimentalität und ihrer halb phantastischen, halb sentenziösen Leidenschaft an Amalie in den Räubern und Luise in Kabale und Liebs erinnert.
Ebensowenig ist das Verhältnis der Ehegatten zn einander der Geschichte gemäß dargestellt. Kein Schatten einer


