— 598
koch immer nicht entbehren? Da ist wieder meine verd . . . Gutmütigkeit daran schuldig . . . muß mich der Deubel reite», gerade meinen tüchtigsten Beamten auszupmnpen . . . wäre es nicht um der lieben Kollegialität wegen, ich erklärte Rat Kleist, daß ich Sie keine Stunde langer entbehren kann."
Leichtes Rot bedeckte die Wangen des jungen Detektivs-; ein lebhafterer Glanz trat in dessen Blicke und seine ganze Gestalt schien zu wachsen. „Ach nein, Herr Rat," versetzte er hastig, „damit geschähe mir kein Gefallen . . . ich darf wohl sagen, ich habe die Fäden so ziemlich zusammen, sie laufen sämtlich in meiner Hand zusammen . . . nun gar, wo ich das wichtigste Beweisstück erlangt habe, ist die Ueberführung der Schuldigen so gut wie ausgemacht." Seine Lippen umhuschte dabei ein selbstvergessenes, wie verklärt anmutendes Lächeln.
Der Rat schlug ihm erneut auf die Schulter. „Walden, Sie bringt der Ehrgeiz noch um," meinte er voll jovialer Anerkennung. Doch schnell schlug seine Stimmung um und er sprach mit unmutig gerunzelter Stirn. „Ei was, hol's der Daus, ich erlebe es noch, daß Sie mir vor der Nase weg in die politische Polizei versetzt werden . . . unter uns gesagt, Rat Kneift machte erst gestern merkwürdige Anspielungen ... in seiner Abteilung ist ein Kommissariat frei geworden ... ich habe ein Vöglein Pfeifen hören, als ob der Posten einem gewissen Jemand zn- fallen soll, der —"
„O, Herr Rat!" Mit nur mühsam ersticktem Jubel ergriff Walden des anderen beide Hände. „Das wäre des Glückes zu Viel.. Ich bin ja noch so jung und eine derartige Stellung —"
„Verdi en en Sie gerade, Sie sind grade der rechte Mann dafür!" fiel Hansemann trocken ein. „Das Nachsehen habe ich; da lernt m-an so'n junges Kücken ein und sieht sich bald schon überflügelt!" Er drohte halb im- Scherz mit dem Finger. „Warten Sie nur. Sie — Sie Streber!" begehrte er auf. „Sie werden's noch weit bringen — vielleicht muß sogar Unsereiner noch mal stramm stehen —
„£), Herr Rat, wo denken Sie hin" — Walden errötete fast mädchenhaft und wehrte mit den Händen ab. In seinen Augen jedoch glühte ein fast verzehrendes, ehrgeiziges Feuer und sein eben der Gegenwart wie entrückter Blick verriet viel von dem stolzen Hoffen einer von verzehrendem Ehrgeiz ungestüm vorangetriebenen Seele.
Die Worte seines Vorgesetzten riefen ilM jedoch alsbald wieder zur Wirklichkeit zurück. „Recht haben Sie, lieber Walden, ich darf Sie nicht noch mehr belaste» - . • die Geschichte mit dem Bellealliancetheater mag Kommissar Thommen bearbeiten, er ist zwar noch'» altmodisches Arbeitspferd. . . aber hier kann er nicht viel verderben . . ."
„Nicht doch, Herr Rat," wehrte Walden fast erschrocken ab, „ich finde schon Zeit ... ich mache mir ein Vergnügen daraus und —"
„Lassen Sie nur," unterbrach ihn der Rat in einem- Tone, der nicht gut Widerspruch vertrug. „Schon anstandshalber muß ich Thommen in dieser Sache einen Auftrag zuweisen; er fühlt sich ohnehin zurückgesetzt, weil ich alles Wichtige über seinen Köpf hinweg direkt mit Ihnen verhandle. Da wollen wir nicht unnütz noch mehr böses Blut machen . . . und überdies habe ich noch einen dringlichen Auftrag für Sie in der Tasche, der sogar ungesäumt erledigt werden muß." Damit zog er die in das Taschentuch gewickelte Glasflasche die er zuvor in der Droschke gesunden, hervor. „Ich unterrichtete Sie schon vdn dem Funde . . . trügt mich nicht alles, so bringt uns dieser der gesuchten Fährte näher. Nehmen Sie die Flasche an sich und ziehen Sie sofort in der Askanischen Apotheke die nötigen Erkundigungen ein. Das Chloroform ist dort nach Mitternacht heute gekauft worden. Am besten steigen Sie gleich hier aus und melden wir später im Bureau, was Sie ausgerichtet haben."
Er ließ die Droschke halten und Walden verabschiedete sich mit dem gewohnten undurchdringlichen Mienenausdruck von seinem Vorgesetzten.
Als Rat HansernaNn bald darauf allein den Vorraum seines .Empfangszimmers im Präsidium betrat, fiel sein Blick auf einen elegant gekleideten Älteren Herrn, in dessen scharfgeschnittenen Zügen von vornehm kaltem Gepräge augenscheinlich kaum mehr mehr verhaltene, nervöse Unruhe arbeitete.
„Was verschafft mir den Vorzug Ihres Besuches, Herr Geheimrat Selkenbach?" sprach der Rat mit kühler Höflichkeit Aen hastig auf ihn Zutretenden an. „Sie wollen mir wohl -Anzeige von einem in verwichener Nacht in Ihrem Hause verübten^ Einbruchsdiebstahls erstatten?"
, Sellenbach konnte lebhafte Ueberraschung nicht verbergen. Sein schärfer Blick haftete erstaunt auf den lächelnden Zügen des Beamten. Nervös fuhr er mit den wvhlgeflegten beringten
Finger» erst über de» steifen Seidenhut, der zu dem- gewählten Schwarz seines modischen Aeußern paßte, dann strich er diese über den eisgrauen Katzenbart, der kümmerlich genug die hinfällig welken Züge mit ihrem erkältend unnahbar anmutenden Ausdruck umrahmte.
„Sie sehen mich betroffen, Herr Rat", begann der Besucher alsbald, indem er nur allmählich die Fassung zurückgewann. „In -ähnlich peinlicher Angelegenheit komme ich allerdings zu Ihnen . . . doch feit wann sind die Herren von der Polizei allwissend geworden?"
Lächelnd Nötigte Hansemann den Geheimrctt in sein Privatzimmer, einen großen nüchternen Raum, dessen dürftige Bureauausstattuiig nur durch ein Ledersofa gehoben wurde. „Ich könnte Ihnen mit dem bekannten Mephistozitat antworten, will mich aber nicht mit fremden Federn schmücken. Der gewaltsame Tod eines gefährlichen internationalen Einbrechers, der in verwichener Nacht wahrscheinlich gerade in Ihrer Wohnungs- gegend sein Unwesen trieb, brachte mich auf die Vermutung. Doch lassen Sie m-ich gleich mit der Tür ins Haus fallen." Er entsann sich, daß er die zuerst Walden zum- Aufbewahren gegebene» Bilder aus dem Verbrecheralbum später zu sich gesteckt, als der Kreisphysikns diese nochmals zu sehen verlangt hatte.
Sie hatten sich inzwischen vor den Schreibtisch des Rats einander gegenüber niedergelassen. Als nun Hansemann die Bild- kärten Hervornahm und sie seinem Begleiter überreichte, beobachtete er gespannt dessen Mienenspiel. „Ktznnen Sie etwa diesen Man»? Es handelt sich um- verschiedene Aufnahmen derselben Person . . . diese hier, die ihn ohne Schnurbart darstellt, ist die jüngste. Bitte, betrachten Sie die Bilder genau, auch das filtere mit Schnurrbart . . . haben Sie einen solchen Mann etwa in letzter Nacht unter der Zahl Ihrer Gäste wahrgenommen?"
Selkeubach betrachtete die Bilder durch einen goldenen Kreiser, ohne daß sich sein gleichgültig hochmütiger Gesichtsausdruck verändert hätte; endlich gab er sie dem Rat zurück.
„Nun?" fragte dieser enttäuscht. „Sie kennen den Mann nicht?" 1
„Das will ich nicht behaupten, wenigstens der Kopf hier mit dem Schnurrbart hier will mir sogar bekannt Vorkommen, es ist mir, als hätte ich ihn unlängst gesehen . . . meine Stellung in der Finanzwelt bringt es mit sich, daß ich täglich mit zahlreichen Individuen zu tun bekomme. Indessen muß ich Ihre weitere Frage rundweg verneinen. An meiner Gesellschaft von heute nacht beteiligten sich nur mir persönlich wohlbekannten Personen." Selkenbach lehnte sich im Sessel zurück und schaute den anderen erwartungsvoll an. „Was brachte Sie übrigens auf eine solche Vermutung, Herr Rat?"
„Nun, ich brauche Ihnen die Geschichte nicht vorzneuihalten, zumal sie vermutlich bereits die Spalte» der heutige» Abendblätter fülle» wird", e»tgegnete Hansemann nach kurzem Besinnen. Damit unterrichtete er seinen Begleiter über das duulle Geheimnis der letzten Nacht.
„Ah, nun verstehe ich", entgegnete Selkenbach, als sein Gegenüber z» Ende gekommen, „aus dem Umstande, daß Opfer und vermutlicher Mörder Gesellschaftstoilette trugen, schlossen Sie auf deren Beteiligung an meiner Gesellschaft. Lieber Herr Rat, wer weiß, wie viele derartige Veranstaltungen gestern abend in Berlin W. stattfanden — was meine Gäste betrifft", setzte er mit hochmütigem Anflug hinzu, „so sind Sie über jeglichen Verdacht erhaben. Ausschließlich allererste Gesellschaft, alles Tipwp. Lauter persönlich eingeladene Gäste, selbstverständlich ausnahmslos meinem langjährigen Hausmeister bekannt, der unten im Portal die ankommenden Wagen empfing und ein wachsames Auge darauf hatte, daß sich kein Unberufener eindrängte. Ein solcher wäre auch ohne weiteres entdeckt und ausgewiesen worden, denn ich selbst empfing meine Gäste oben an der in einen Palmengarten umgewandelten Treppenvorhalle."
„Wohl möglich," entgegnete der durch das gespreizte Wesen des Besuchers peinlich berührte Rat. „Alle getroffene Vorsicht bewahrte Sie indessen nicht vor den: Schicksal, bestohlen zu werden."
„Wo denken Sie hin!" entrüstete sich Selkenbach. „Ich wiederhole: nur die geachtetsten Namen unserer Gesellschaft, daneben allerdings auch Künstler von anerkanntem Rufe, befanden sich unter den Geladenen. Ich habe die Liste übrigens mitgebracht."
Schweigend nahm der Rat das ihm nur zögernd gereichte Verzeichnis in Empfang und überflog die Namen. „Allerdings, lauter einwandsfrese Herrschaften," bemerkte tr leichthin, um dann plötzlich zu stutzen. „Ah, zu den Geladenen zählte auch Andreas Witte — —"
(Fortsetzung folgt.)


