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Dohlen worden sind, ferner wann und unter welchen Umständen (Sie den Verlust zuerst wahrgenommen und auf welche Gegenstände der letztere sich erstreckt?
Selkenbach gab lange keine Antwort; die widerstrebendsten -Empfindungen spiegelten sich in seinen hinfälligen Zügen; Zorn Wer den gegen ihn angeschlagenen Ton, vielleicht auch Unruhe und Furcht.
„Es dürste die Verhandlung wesentlich abkürzen", fiel Rat Kneift, nicht minder förmlich als feilt Kollege ein, „eröffne ich Ihnen hiermit, daß die Ihnen vermißten Geschästspapiere — so drückten Sie sich Wohl aus? — noch in vorgestriger Nacht anonym durch die Post an die hiesige Kriminalpolizei eistgeschickt Worden sind". , *
Ein dumpfer Laut entrang sich den fahlen Lippen des Bankiers, wie von einem Krampf gepeinigt, Muff dieser mit der ausgekrallten Linken nach dem Herzen. Doch ebenso schnell hatte er auch schon wieder seine volle Fassung zurückgewonnen, wie ein guter Fechter die unvorsichtig gegebene Blöße wieder zu decken sich bestrebt. „Ihre Mitteilung überrascht mich", erwiderte er gewaltsam, zu einem kühl gelassenen Ton sich zwingend. „Ich wüßte nicht, daß irgendwelches Eigentum von mir die Kriminalbehörde interessieren könnte. Sie sind vermutlich gekommen, unr mir meiy Privateigentum wieder eiu- zuhandigen?" setzte er von oben herab hinzu.
„Damit geben Sie also den Verlust zu?" warf Kneist schnell ein.
Der Finanzmann biß sich auf die Lippen; er begriff, daß er sich eine neue Blöße gegeben hatte.
„Nun wohl", sagte er rasch, „ja, ich bin bestohlen worden. Es liegt ein unerhört kühner Einbruch vor." Er deutete auf einen großen, zweitürigen Kassenschrank, der unmittelbar neben dein Schreibtisch an der Wand stand. „In diesem Kassenschrank verwahre ich meine Wertsachen, soweit sie sich hier im Hause befinden. Der Gesellschaftsabend von vorgestern nacht nahm nur die beiden unteren Stockwerke in Anspruch. Dieses Zimmer hat, wie Sie sehen, nur eine Tür, die vom Treppew- haufe aus hierher mündet. Der Einlaß erfolgt nur durch ein sich selbständig schließendes, äußerst kunstvolles Kvmbinations- schloß, zu welchem ich den Schlüssel immer in der Tasche trage. Noch komplizierter ist das Schloß des Kvssenschrankes 'da; auch den dazu gehörigen Schlüssel habe ich immer in persönlicher Verwahrung. Ich wiederhole: weder Gäste noch Dienerschaft hatten an jenem Abend im Stockwerke auch nur das Geringste zu suchen, am wenigsten die letzteren, zumal nur im Unterstock getafelt, gezecht und geraucht wurde, während die Räume des Mittelstockes als Tanzsaal hergerichtet waren. Trotzdem muß es einem Unbekannten gelungen sein, sich unbemerkt Zutritt zu diesem Zimmer zu verschaffen. Nur ein Künstler allerersten Ranges konnte hier den Kassenschrank öffnen, ohne das Schloß zu beschädigen." Er hatte sicherhoben und sperrte den Schrank auf. Wie Sie sehen, funktioniert der Mechanismus nach wie vor tadellos. Vorgestern stüh entdeckte ich dessenungeachtet, daß ich bestohlen war. Hier in diesem Sondertressor, der unter eigenem, allerdings mit demselben Schlüssel zu bewirkenden Verschlüsse steht, verwahrte ich Papiere, von deren Vorhandensein ich mich gewohnheitsmäßig jeden Morgen zu überzeugen pflegte . , . . dieses Fach 'hier ist total kahl ausgeplündert worden, während darunter die Geldschublade mit ihren namhaften Geldbeträgen von dem Einbrecher gar nicht geöffnet worden ist."
Tie beiden Beamten hatten sich erhoben und waren an beit Kassenschrank getreten, vermochten jedoch trotz genauester Besichtigung keinerlei Spuren von angewendeter Gewalt zu entdecken.
„Und wer war der Dieb? Gestern schien es mir so, als hätten Sie eine bestimmte Vermutung!" äußerte Hansemann.
Der Bankier schaute ihn von der Seite an; eS war, als ob es ihn zum Sprechen drängte und doch wieder die Vorsicht in ihm überwog und ihn schweigen hieß. Er wendete sich zu Rat Kneist. „Was wurde aus den mir gestohlenen Dokumenten? Ich möchte sie raschestens zurückfordern!" -
„Zu diesem Behufe wenden Sie sich am besten direkt an den Untersuchungsrichter, entgegnete Rat Kneist gemessen. „Es wurde Uns der Auftrag, Sie unverzüglich zu diesem Herrn zu geleiten."
Selkenbach wurde erdfahl; gleichwohl starrte er die Beamten an, als mißtraute er pem eigenen Gehör. „Wie beliebtest Sie zu sagen?" brachte er pach wiederholten vergeblichen Sprechversuchen angestrengt hervor.
„Erichweren Sie uns daher unser ohnehin unangenehmes Amt nicht unnötig noch mehr... es widerstrebt mir, mich noch deutlicher auszudrücken." Kneist hatte ein ausgefülltes Fvr- Nmlar aus der Tasche gezogen und händigte es dem Bankier ein.
Mit zitternden Händen griff Selkenbach danach. Ein einziger Blick aus erloschenen Augen genügte, um ihn erkennen zu lassen, daß ihm eine auf seinen eigenen Namen ausgestellte Verhaftungsurkunde behändigt worden war. Mit blödem, ausdruckslosem Blicke starrte er die Beamten durch Sekunden an, osfenbnr nicht im stände, die ganze. Tragweite des Vorgans zu ermessen.
Dann kam ein heißer Schrei über seine Lippen. Ehe die beiden Räte noch über sein Tun sich klar zu werden vermochten, war Selkenbach mit tigerartigem Sprunge am Schreibtisch und riß dessen Schublade auf. Im nächsten Augenblick blinkte in feiner Hand ein Revolverlauf aus, dessen Mündung er blitzschnell wider die eigene Stirn richtete.
So unheimlich rasch auch der seinen sicheren Sturz und unerbittlich nachfolgende Entehrung voraussehende entlarvte Spekulant handelte, Rat Hansemann war nicht minder schnell. Mit einem Sprung war er bei dem Bankier und griff euer». gisch zu.
' Ein kurzes, verzweifeltes Ringen um die Waffe. Dann krachte ein Schuß. Doch die stahlharte Hand des Polizeirats hatte ihre Schuldigkeit getan. Haarscharf am Kvpfe beS Bankiers pfiff die Kugel vorüber und klatschte in einen deckenhohen vene- tianischcn Spiegel. Ein Geräusch wie von splitterndem Glas, dazwischen ein kaum mehr menschenähnliches Aufheulen äußerster Wut und Enttäuschung . . . und inmitten einer sich langsam zur Decke wälzenden Rauchwolke die Silhouetten dreier erbittert ringenden Männer.
Dann, ehe der Verzweifelte noch Gelegenheit gefunden, die Waffe ein zweitesmal abzudrücken, war sie seiner Hand entwunden und er selbst in den mächtigen Schreibsessel niedergedrückt und dort gewaltsam festgehalten.
„Noch eine solche — Extravaganz und wir sehen uns zu Ihrer Fesselung genötigt!" stieß Hansemann empört hervor, während sein Kollege zur Tür eilte, um die draußen harrenden Begleiter herbeizurnsen.
Der Schuß war im Hause gehört worden. Dumpfe Schrcckens- rufe erfüllten die Treppenhalle. Eilfertig kam es die Stiegen, herauf; Bediente des Hauses, die beiden Kriminalbeamten, allen voran jedoch ein blühend schönes, stolzes junges Weib, die königlichen Züge eben von wildem Schrecken verstört; ihr auf dem Fuße folgte eine stattliche, immer noch schön zu nennende Matrone — Töchter und Gattin des Geheimrats.
„Um des Himmels willen, was ist geschehen?" hauchte Leonie Selkenbach, durch den Blick des ihr gegenüber tretenden fremden Mannes nur noch fassungsloser gemacht.
„Nichts von Bedeutung, fassen Sie sich nur, mein gnädiges Fräulein", beeilte sich Kneist zu versichern; dann, als die junge Dame nur noch die Hast ihrer Schritte verdoppelte und an ihm vorüber in ihres Vaters Arbeitszimmer eilte, wendete er sich zuvorkommend an die Frau vom Hause. „Polizeirat Kneist", stellte er sich kurz vor. „Es ist kein Grund zum Erschrecken, gnädige Iran — die zufällige, jedenfalls ungewollte Entladung einer Schußwaffe . . . ."
„Mein Gott, was soll das heißen — Herren von der Polizei im Hause .... und mein Gatte —"
Die Hände ringend, eilte auch die Geheimrätin an ihnt vorüber.
Er ging ins Arbeitszimmer zurück und zog hinter sich die Tür ins Schloß.
Seinen Blicken bot sich ein stark verändertes Bild. So schnell den Hausherrn bis zum Wahnwitz gesteigerte Erregung überkommen, so rasch war auch nun völlige Nervenabspannung gefolgt. Wie apathisch hockte er im Sessel und starrte auf sein von dem ihm gerade gegenüber befindlichen Spiegeltrümmern verzerrt und grotesk reflektiertes Ebenbild. Völlig gebrochen schlug er dann unter dumpfem Aufstöhnen beide Hände vor das aschgrau gewordene Antlitz.
Mutter und Tochter waren um ihn bemüht; händeringend, mit tränenerfüllten Augen suchten sie aus ihm herauszubechm- men, was sich eigentlich ereignet habe.
(Fortsetzung folgt.)
Kessens KöfaT von Mapolccm I. und dis Mili'äc- Ko- vention zu Körnig! eiM
vom 2. November 1813.
Nach den für Napoleon unglücklich verlaufenen Schlachten von Großbeeren, an der Katzbach, bei Külm und Denne- witz war der Glaube an feine" Unbesiegbarkeit erschüttert worden, und sein Glückstern schien zu erbleichen. Aber nur schwer konnte unter seinen Bundesgenossen in Deutschland eine Stimmung aufkommen, die zum Abfall neigte. Bayern


