1807
Samstag den 2, Usvcmbcr
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Anf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto. H oecker-
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mit einem besorgten Blick folgte der Rat der schlanken Gestalt des sich Entfernenden. Als Unter diesem sich die Ausgangstur geschlossen, schüttelte er unmutig mit dem Kopfe. Wie in großer Angst blickten seine gütigen Augen. Doch gleich darauf versteinerten sich seine Züge und der menschenfreundliche Ausdruck wich von ihnen. „Mag kommen, was will —- ich werde meine Pflicht tun!" sagte er leise, um sich in der Sekunde darauf mit gewohntem Mienenausdruck dem wieder ins Zimmer tretenden Kommissar Thommen zuzuwenden.
12. Kapitel.
Um die Mittagsstunde desselben Tages hielt vor der durch einen geräumigen Vorgarten von der Fluchtlinie der Tiergartenstraße geschiedenen eleganten Selkenbachschen Villa eine geschlossene Droschke, ein sogenannter Landauer, welcher vier Herren entstiegen. .Es waren die Räte Hansemann und Kneift, Kommissar Thommen und noch ein weiterer Kriminalbeamter, welche gleich darauf durch ein schrilles Klingelzeichen Einlaß heischten, während der Kutscher die beiden Pferde zudeckte und sich anschickte, die Rückkehr seiner Fahrgäste zu erwarten.
Der Hausmeister, ein ältlicher, äußerst würdevoll sich gebender Mann in feierlichem Schwarz, öffnete und erkundigte sich nach dem Begehr der Besucher. „Ich weiß nicht, ob der Herr Geheimrat jemanden empfängt", äußerte er mit einem diplomatischen Achselzucken, liebevoll mit der Hand über seine Riesenglatze streichend. Er suhlte sich zu unpaß, um die gewohnte Fahrt zur Börse antreten zn können."
Er wird uns schon empfangen. Sagen Sie Ihrem Herrn, daß die Polizeiräte Hansemann und Kneift in amtlichem Auftrage ihn unverzüglich sprechen müssen."
Im — amtlichen — Auftrage!" wiederholte der bestürzte Hausmeister stotternd, indem er seine wasserblauen Augen wie hilfesuchend von einem zum anderen gleiten ließ. „Sehr wohl, meine Herren — sofort!" raffte er sich, durch einen barschen Zuruf Hansemanns veranlaßt, hurtig auf. „Wenn die Herren mir zu folgen belieben wollen."
Ein säulengetragenes Vestibül von unbedeutendem Umfang nahm die Eintretenden auf; es stellte in seiner Marmorpracht eher den Eingang zu einem öffentlichen Gebäude, als zur Privatwohnung eines reichen Bankiers dar. Auch die Doppeltreppe, die frei zu den beiden oberen Stockwerken führte und vom Dache aus durch bunte Fenster eigenartig beleuchtet wurde, erschien zu kolossal und gesucht prunkvoll, um wirklich imponierend wirken zu können. Schon das Treppenhaus ließ auf die eigentlichen Gemächer schließen; es war einer der gerade in Berlin häufig anzutreffenden Wohnsitze reicher Leute, bei denen mit dem schnell anwachsenden Vermögen Geschmack und künstlerische Einsicht nicht nachzukommen vermocht hatten.
Nach einet kurzen Weile kehrte der Hausmeister aus dem
Mittelstock mit der Meldung zurück, der Herr Geheimrat lasse bitten. Beide Räte stiegen die Freitreppe empor, gefolgt von dem einen! Kriminalbeamten, der indessen anch auf dem oberen Treppenabsatz zurückblieb, während Kommissar Thommen gleich anfänglich sich im unteren Hauptvestibül unter einer Gruppe exotischer Kübel- gewächse auf schwellendem Pfühl niedergelassen hatte.
Tas Arbeitszimmer, in welchem Geheimrat Selkenbach seine Besucher empfing, lag im untersten Stockwerk; es glich mit seinem kostbaren Bodenteppich, den großen Gemälden rings an den Wänden und der sonstigen ausgesucht kostbaren Ausstattung mehr dem Audienzsaal eines regierenden Fürsten, als der Arbeitsstätte eines Börsenmannes, der von launischer Glückswelle aus sehr bescheidenen Anfängen zu viel beneidetem Erfolge emporgetragen worden war. Wer den Finanzier indessen eben gesehen hätte, würde kaum zu der Schar seiner Neider gezählt haben. Selkenbach sah wirklich krank aus; eine einzige Nacht schien ihn um ein volles Jahrzehnt gealtert zn haben; er war hinfällig und seine fahlen Züge erschienen direkt mumienhaft. Er empfing seine Besucher stehend, mußte sich aber mit stark zitternder Hand auf die .Rücklehne des kostbar geschnitzten Schreibtischsessels stützen. Sein mißtrauisch irrender, nirgendswo haftende Blick flackerte trübe; etivas von der Angst eines gehetzten Raubtieres schien darin zu liegen.
_ „Tie Herren haben mich zu sprechen gewünscht", begann er heiser. „Ich fühle mich zwar leidend heute, jedoch die Polizei darf man nicht warten lassen", fügte er mit schnell wieder ersterbenden Lächeln hinzu. Er deutete auf eine Anzahl in der Nähe des Schreibtisches huseisensörinig aufgestellten Ledersessel; es moch-- ten die bei Konferenzen nnd dergleichen von seinen Finanzsatrapen eingenommenen Sitze sein. „Ich komme, um Ihnen eine Mitteilung zu machen, die unmittelbar an unser gestriges Gespräch anknüpft", Hub Hansemanu an, nachdem er seinen Begleiter kurz nnd förmlich vorgestellt hatte. „Sie sind in vorgestriger Nacht tatsächlich bestohlen worden, und zwar wurde Ihnen der sehr wertvolle Halsschmuck Ihrer Gattin, den diese vor wenigen Jahren zum Preise von 250 000 Mark bei X. hat anfertigen lassen, geraubt .... ich beschäftige mich vorläufig nur mit diesem einen Gegeustaiide", setzte er rasch hinzu, als er es geärgert in den grünlich-grauen Augen des Börsenmannes aufleuchten sah. „Wir wissen so gut wie Sie, daß Sie den Verlust von noch ganz anderen Dingen beklagen."
Selkenbach starrte mit gefurchter Stirn auf ihn. „Wenn ich mich nun weigere, eine Frage überhaupt zu beantworten!" stieß er ungebärdig hervor.
„Das werden Sie schon im eigenen Interesse nicht tun, Herr Rat", tzab Hansemiann trocken zurück, „zumal es in unserer Absicht liegt, Sie mit allem gesetzlichen Zwangsmitteln zur Erfüllung Ihrer Zeugenpflicht anzuhalten."
Selkenbach fuhr empor; er konnte es jedoch nicht vermeiden, daß ein kaum merkliches Zittern seine hagere Gestalt durchlief, „Soll das eine Drohung sein, mein Herr Rat?" sagte er.
„Das Urteil bleibe Ihnen überlassen!" lautete die achselzuckend gegebene Antwort. „Doch nun zur Sache, wenn ich bitten darf. Ich fordere Sie zu einer unumwundenen Erklärung darüber auf» wann und wo ist Ihrem Hause Sie in vorgestriger Nacht be«


