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Aermel, die ihren schönen Arni enthüllten, gehen dem Ende entgegen. Reiche Spitzenmanschetten fließen wieder aus die Hand nieder. Sie gleiten in feinem Gewoge durch die Finger der Dame und verschwinden in dem Aufrauschen von Seide und Bändern, in den vollen Falten der breiten Musselinschärpen. Auch die langen Handschuhe bleiben zu Hause. Passö, vorbei. Nuu mögen sie in den toten Kästen modern, nachdem sie so manchen warmen Druck emp­fangen, so manchmal hastig und erregt aufgcstreift worden find. Mit besonderer Liebe ruht der Blick auf den Hüten, diesen schönen Harmonien vvn Federn und Blumen. Wie entzückend ist dieser große glockenförmige Hut im Stile Ludwigs XVI. Weißer Tüll mit breiten Volants von Va- lenciennesspitzen, in die kleine Girlanden von Pompadour- Rosen gebettet sind. Wie schäferlich das tiefe Dach, das die Augen schirmt, fast wie bei einem Bauernhänschen, die Bindebänder, die Schleifen und Schleier! Auch der Son- nenschirnl ist ganz 18. Jahrhunderts mit einem kleinen exotischen Einschlag von Japan. 18. Jahrhundert! Schäfe­reien ! Rousseau! Bor dem Blick steigt die idyllische Länd­lichkeit von Klein-Trianon auf und jene rührende Zeit der Marie Antoinette, da die Prinzessinnen mit rosen- umwundenen Schäferstäben an bunten Bändern die wolli­gen Schäfchen über den Rasen führten und die Königin selbst auf niedlichem Schemel ihre Kühe molk. In der Französin liegt von jeher eine leise Sentimentalität und ein wenig Einfachheit tut wohl, wen« das Bridge die Ner­ven erschüttert und das Automobil eine unruhige Hast in ihr Leben gebracht hat. Was für eine köstliche Beschäf­tigung wird es fein, sich selbst die Parfüms zu bereiten. O, sie hat einem alten Rokokobuche,, einem kleinen Kalendarium weiblicher Schönheitspflege, mit entzückenden Köpfen, ein herrliches Rezept sich gemerkt, ein ganz eigen­artiges, originelles. Das wird sie probieren und noch viele andere. Schon wühlen die Hände in dem Blumen­meer, pressen die Blüten in Gläser, schütten Puder dazu und Essenzen, wachen eifersüchtig über die geschlossenen Behälter, in denen der süße Duft sich destilliert. So berauschende und so zarte Gerüche will sie zusammen­brauen, daß ihre Freundinnen im Herbst schon von wei­tem ganz neidisch werden sollen. Eine andere Kunst, in der man sich üben wird, weil sie Mode ist, besteht im artistischen Arrangement von Blumen. Bon den Japanern haben wir den feinen Geschmack gelernt, wie man zarte Stengel in schmalen Gläsern aufstellt, um die ganze zier­volle Schönheit einer Blume erkennen zu lassen. Aber auch die ländlicheu Blumen bieten reichen Schmuck in vollen Schalen. Die Dame des Hauses darf es sich nicht nehmen lassen, in diesem Blumendekor täglich ihren Ge­schmack zu entfalten und jedem Zimmer ihre persönliche Note zu verleihen. Sie wirkt auf beut Eßtisch mit der zarten Sparsamkeit weniger Basen, im Boudoir mit exoti­schen Arrangements und int Schlafzimmer mit bunter Fülle. Wie unendlich viele Nuancen kann sie zeigen bei der Zu­sammenstellung und Auswahl, bei der Verteilung Und An­ordnung! Nie aber darf sie dem Mädchen diese wichtige Beschäftigung überlassen! So wird ihr Leben hinfließen unter Blumen und Düften, in Spaziergängen und Träutne- reiett. Ländliche Feste, wie fie Watteau und Fragonard gemalt, gaukeln in ihreit Phantasien. Der liebliche, neckische Geist des Rokoko, der ihr aus ihrer Toilette so verführerisch entgegensteigt, er lebt und waltet auch noch in ihren Freuden und ihren Mutschen.

Das Lehen des Baumes.*)

Von R. H. Francs.

Die Lebensform des Baumes bedeutet die größtmögliche Ent­faltung der Pflanzenlebenskraft. Der Baum ist der höchste Baustil, zu dem es das Gewächs bringen kann, er ist auch das dauerhafteste Gebäude, das weit alle anderen Produkte lebendigen Schaffens überragt. Zugleich das gewaltigste. Die Eukalyptusbäume Au­straliens reichert bis zu 152 Meter, die Mammutbäume Nord­amerikas bis zu 142 Meter. Diese Gewächse sind gotischen Domen

*) Wie ein Abschnitt aus Stifters herrlicher Novelle lieft sich die reizvolle Schilderung, welche.Francö in seinem von poe- tischem Schwung getragenenLeben der Pflanze" von unserem deutschen Wald entwirft. Das großangelegte, prächtig illustrierte Werk, aus dem wir heute eilte kleine Probe entnehmen, sei hiermit jedem, der die Natur liebt, angelegentlich empfohlen; es er­scheint in Lieferungen ä Mk. 1. im bewährten Verlag des Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde", Stuttgart.

ebenbürtig. Neben ihnen erscheinen allerdings unsere Tannen' und Fichten, die nur selten bis zu 75 bezw. 60 Meter Höhe er­reichen, bescheiden, aber dafür bringt das europäische Klima Baum­riesen hervor, die wie die berühmte Edelkastanie am Aetna 20 Meter Stamwdurchmesser, oder wie die griechischen und türkisches Platanen bis zu 15 Meter Durchmesser erreichen.

Kein lebendes Geschöpf kann sich dem an die Seite stellen) keines umspannt auch mit seinem Leben die Jahrtausende sh wie die Eiben oder Kastanien und Eichen.

Schon das genügt, um sie mit dem romantischen Zauber altehrwürdiger Geschichte in unvergleichlichster Weise zu umkleiden/ denn nichts führt uns die Majestät der Naturgesetze mehr zum Bewußtsein, als so ein unbegreiflich in die Jahrhunderte hinein grünender Baum, neben dem Menschen aufblühten und verwelkten/ so oft wie ein Menschenleben die Rosenblüte erlebt, an bent Städte und Staaten versanken, unter dem eine Kultur und Reli­gion aufging und wieder abdorrte und eine neue gegründet wurde, die dem kurzlebigen Menschenauge auch schon wieder alters- mttde und sichelreif erscheint, ein Baum, der es erlebte, !vie Römer, pfeilbewehrte Mongolen, sellumgürtete Recken und eisengepanzerte Ritter, Patrizier, Landsknechte, Herenprozessioucn und Eisen­bahnen an ihm vorbeizogen, unter dem Millionen Seufzer von Leiden, die glaubten, unstillbar zu sein, Küsse und Liebes­schwüre, die alle Ewigkeiten vom Himmel holen wollten, Träume und ehrgeizige Gedanken, die nach Unsterblichkeit lechzten, wesenlos dahinstarben und in nichts verwehten, während ihr Zeuge in­mitten dieses Maskenzuges in wahrer Unsterblichkeit gleichsam spottet über den Größenwahn dieser so rasch verbrennenden Ein- tagssliegen, indem er gelassen bei jeder Sonnenwende einen neuetr lebendigen Ring zu den alten und toten fügt. Gegenüber^ dieser in sich ruhenden Größe ist die Weltgeschichte wie ein Wortge­

fecht. ...

Das Künstlerische in uns aber schwelgt darin, daß jeder alte Baum die Geschickte dieser toben Ewigkeit auch erzählt, ihre Spuren an seiner Gewandung trägt. Wissenschaftlich erfassen' sreilich die wenigsten diese Physiognomik des Baumes, umso deut­licher aber in dem Empfinden, daß ein alter, von Sturm zersetzter/ von Regen gebleichter, von Blitzschlag zersplitterter Baum besonders schön und eines Maiers würdig sein.

Der Baum bietet etwas, was die meisten Tiere nicht haben/ etwas, das ihn mit dem Menschen verknüpft: er hat Individualität. Die Steinadler oder Frösck-e sehen sich alle gleich, bei den Schmetter­lingen vermag auch das schärfste Auge nicht, Unterschiede zwischen den Individuen gleicher Art zu entdecken, bei Hund und Pferd errät nur der liebevolle Blick der Besitzers die leisen Nuancen, die das Wiedererkennen erlauben, wenn sonst die Rasse und Abstammung gleich ist die Bäume aber sind alle verschieden. Je älter sie werden, desto mehr prägt sich in ihrem Antlitze ihre Geschichte, so wie in dem unseren. Das macht sie liebwert und interessant. Danim gibt es Liebliugsbäume und ein starkes persönliches Verhältnis LU ihnen. Aber das Mysterium der Sache ist bald entschleiert. Die Pslauze ist dezentralisiert; sie, das vorsichtigste aller Wesen, hat alle Organe in großer Zahl angelegt und kann daher leichten Herzens Einbußen erleiden/ ohne dahinzusiechen. Daher ertrügt der Baum, daß ihn der Blitz spaltet, daß der Herbststurm ihn der schönsten Aeste beraubt, das; ihn unnatürlicher Gartengeschmack nach Belieben zurechtstutzen darf. Aber diese Charakterköpfe finden sich nur dort, wo der BanM in freiem Lichte die ganze Nachbarvegetation beherrschen konnte. Unter Druck und in dumpfiger Enge wird auch. aus ihm etN charakterschwaches Herdengeschöpf, desseir Züge Nicht von Adel und Eigenart, sondern von Lebensmühe und Not und ansgestcmde- nen Kämpfen erzählen. Gerade diese sind wie alle HerdenweseN nützlich. Sie sind wahreHanspslanzen", das Entzückeni des Försters. Und diese Knustnatur umgibt uns heute m Deutschland allenthalben. Wo schießt noch der Wald ausGottes Gnaden auf? Fast überall werden soglich die Baumschnzzöglinge in Reihen gepflanzt, absichtlich so dicht, daß sie in beklemmender Enge sich am Lebensraum hindern. Das macht die Bämne langschäftig, sagt schmunzelnd dazu der Holzhäudler. Mau benützt da eine merk­würdige Erscheinung des Pflauzenlebens, die ich Lebensangst nennen würde, wäre das nicht an eine bewußte Seele geknüpft. Dicht stehende Bäume veranstalten nämlich ein Wettrennen. Sie wachsen rascher alsSolitäre". Warum? Wer vermag eine andere Antworck zu geben als die: weil jeder Baum aus Lebenserhiltungstti^ trachten muß, den anderen zu überwachsen. Mit gelassener Grau­samkeit hat es die Natur so eingerichtet, daß die Zuruckbleibeiiden verhungern. Sie sterben am Lichthunger. Und die übrigblei­benden werden wozu es beschönigen? Soummibtiel.

Sterben durch den immer dichteren Zusammenschluß auch schon bei dem Einzelbaume die inneren Aeste tm Laufe der Zeit ab, so ist die Verkümmerung vieler Aeste km geschloßenen Verbände die Regel. Bei allen Forstbäumen ist die Krone relativ klein, der Stamm walzenrund, schlank, namentlich tm unteren Drittel fast stets astlos. Die Kunstsprache der Waldleute nennt da» voll­holzig und armkronig. Und tote sonderbar: die Natur ist so voll­kommen, daß sie aus der Not einer neuen Schönheit das Leben zu geben versteht. Der Hochwald, denn so heißt ;a dieser Wett- rennpkatz, verwandelt sich dadurch in enteil gigantischem Dom, den herrlichsten, hser je ersonnen wurde, gettagen von tausend