An die Mitschuldigen.

Dem Volksstrom folgen soll des Dichters Bahn.

Sein Banner, an der Spitze soll er's schwingen: doch will und muß gradaus dem Ziel er nahn, das Rätsel seiner Zeit zur Lösung bringen.

Der Seinen Sehnsucht löst er im Gesang; er beichtet ihre Sünden: ihrem Grame verleiht er Seufzer, ihrem dumpfen Drang ein Wortkleid. Drum wird ihm der Dichtername. Seht, drum hat länger nicht mein Sinn verharrt bei des Vergangnen seelentoter Sage, und fort vom Lügentraum der Znknnftstage schreit' ich zur Nebelwelt der Gegenwart.

In Tannwaldeinsamkeiten will ich wandern, auf klammem Mantel Regenwetterlast;

Herbstabenddmikel spende Kummerrast und ein Versteck der Schande mir und andern.

Mein Lied ist wie ein Gipfel, sich erhebend sanft Über dem Gehöft, voll Heidekraut; doch Hinterm Gipfel sieht, wer weiter schaut, beschneite Zinnen, ihn im Manz umgebend. Wenn ich im Lied auf hohen Ton verzichte, heimliche Saiten färben seinen Mang;

drum ein Gedicht verbirgt sich im Gedichte, und saßt ihr dies, daun faßt ihr meinen Sang.

, Deutsch von Ludwig Fulda.

HennkJbsen hat diese Verse 1864 als Einleitung einer epischen Dichtung geschrieben, die Torso geblieben ist.

Erinnerungen.

Julins Elias, der alte Freund und Uebersetzer Ibsens, erzählt von seiner letztenChristianiafahrt". Er sah Ibsens Gattin wieder:

S u s a n n a I b s e n hat auch darin mit ihrem toten Freunde ein geheimes Leben weitergelebt, daß sie seine nachgelassenen Pa­piere und ungezählten Briefschaften mit eigener Hand sichtete und ordnete. Die literarischen Einzelheiten aber, die sie fand, sind direkt oder mittelbar nur Teile seines weitschichtigen Arbeitsmate­rials. Was manDichtungen" nennen könnte, etwas, das künst­lerisch eine besondere Existenz führen würde, das hat er sieht man von kleineren lyrischen Sachen ab nicht hinterlassen. Und wo dergleichen sich etwa an anderen Orten finden sollte, so kann es ria) ganz gewiß nur um die preisgegebeue Form defsen handeln, was später , ein Drama wurde.Der Ibsen", sagte sie mir, war sehr ökonomisch in seinem Schaffen: er brauchte alles, was er machte, für seine Stücke." Mer die Briefe, diese Berge ' von Briefen. Von Frauenbriefen zumal. Alle diese Frauen wollten etwas von ihm für ihre Seelenleiden, für ihre Unver- staiidenheit,, verlangten Auflösung für die Rätsel ihrer Naturen: denn fast jede hielt sich für ein Problem, mit dem sich zu be- schästigen Ibsen wohl Zeit und Interesse haben würde. Den Vater Roras glaubte jede für sich in Anspruch nehmen zu können. Die Weiber sanken ihm, ehe er sich dessen versah, sozusagen an die Mannes- und Dichterbrust dort betrachtete er sie mit lockendem Grauen, um dann mit einemNoli me tangere" den Rückzug anzutreten.

Frau Susanna gerät bei diesem Kapitel in die Stimmung ironischer Heiterkeit:

Ibsen", ihabe ich einmal zu ihm gesagt,Ibsen, halte Dir die vielen überspannten Frauenzimmer vom Leibe."

O nein", antwortete er mir dann.Laß nur. Ich ivill sie mir näher auseheu."

Dieses Sichnäheransehen dauerte bald längere, bald kürzere Zeit, und immer: ist ein Kunstwerk daraus geworden."

Die grauen Tage.

Der traurigen Stunden mußte ich gedenken, da ich hier dem mit unheilbarer Krankheit geschlagenen Greise zum letzten Male gegeutibersaß. Er konnte von der Vergangenheit nicht los­kommen und hatte feuchte Augen, wollte immerfort sprechen und mußte doch nach Worten suchen, die sich nur mühselig ein­stellten, bald norwegische, bald deutsche und er hatte doch früher ein so schönes klares Deutsch gesprochen. Ein merk­würdiger Moment, einer von der sehnsüchtigen Tragik desGe- spenster"--Schlusses:Wie gefällt Ihnen die Stadt jetzt?" fragte er mich einen früheren Gedankengang durchbrechend.Ich finde sie sehr entwickelt, eigentlich recht stattlich."Ja, aber keine Sonne, keine: Sonne, keine Sonne", hauchte langsam der Greis, indem er einen flackernden Blick durchs Fenster sandte, auf die Straße, wo doch die schönste und hellste Augustsonne schien--. Ich mußte ihn in sein Arbeitszimmer führen.

Dort an dem unscheinbaren Schreibtisch hatte er auch seinen Kunst- und Lebensepilog gedichtet. Das kleine hölzerne Tinten- | faß,, dessen er sich bei allen seinen Stücken seitKaiser und j Galiläer" bediente (die kostbarsten Tintenfässer, die man ihm j verehrt hatte, standen nubenützt), wär ein Geschenk seiner Schwä- ! geriu Marie und stand auch damals vor ihm, als er den Schluß- I Punkt setzte hinter sein Lebenswerk, Er schriebWenn wir ! Toten erwachen" mit solcher Anstrengung und leidenschaft-! Ucher Erregung, so krampfhaft und so fieberhaft, daß es seine Umgebung fast beängstigte. Nur fertig werden, fertig werden! Ms höre er düstere Schwingen über sich. Als stünde der uu-

I heimliche Gast, der feinen Alfred Allmers omf Bergespföden gespenstiscy^ begleitet, schon mit erhobener Hand hinter ihm. "jbfen wuyte, als er das Drama dichtete, ganz genau, daß dies das letzte sei,, daß, er fortan nichts mehr werde schreiben können - davon sind die Seinen fest überzeugt gewesen, lind bald danach schlug ihn ja auch die Hand des Unheimlichen. Und au diesem Tisch versuchte der gebrochene Mann, vor den alles, was er gekonnt, getan und getrieben, in Nichts versunken war, wieder etwas zu erlernen, nachdem er in ein Schein­leben zurückgekehrt war. Da findet ibn fein Sohn, wie er' auf >einem Stück Papier Schriftzeichen malt.Sieh her", sagt der Alte, Wehmut in der Stimme,was ich da tue. Ich sitze und lerne Buchstaben machen Buchstaben und war doch ein­mal ein Schriftsteller!..."

Sein Grab.

,Wir gehen zum 'Erlöserfriedhof". Wir wollen zu Henrik Ibsens Grab. Unterwegs kaufen wir einen Kranz von weißen Rosen. Ein wunderschöner, Somitagnachmittag. Es ist halbkühl, halbwarm in der Lust. Die Sonne feiibet gedämpften Goldglanz. Eine schwere Glocke klingt. Das junge Grab des Alten ist nicht leicht zu finden, gerade weil es nicht als Grab unter Gräbern: liegt. Wir gingen beinahe achtlos an einem herrlich grünen, großen Anger vorbei, aus dessen Mitte ein schlichtes Blume,l- Ibeet, ein Beet von roten und blauen Blumen, leuchtete. Dahin mußten wir zurück: der Anger mit dem Blumenbeet nämlich, das ist Henrik Ibsens Grab. Unter den Blumen schläft er, er, für den es keinen Gerichtstag mehr gibt; denn er hat ihn selbst über sich gehalten. Im Hintergrund des Angers hohe, doch ungleich hohe Birken, wohl mehr als ein Dutzend; wie ein aufgeschlage- ner Fächer steigt und fällt diese Birkensilhouette. Auf dem Anger wird fortan kein anderer Grabhügel sich erheben:, das ist eine nationale Ehrung, aber es ist zugleich ein Symbol. In seiner Frühzeit war es Ibsen ein quälender Gedanke, seelifch allein daznstehen", vom Schicksal aber empfing er die schmerz­lich-hohe Gabe der Absonderung, und seiner Weisheit Schluß ward: Der ist der stärkste Mann der Welt, der allein steht." Und fortan blieb Ibsen ein einsamer Mann und wird es auch im Tode sein. Doch von diesem grünen Anger wird es ausgehen wie der Pulsschlag eines Herzens, das dem großen Nationalkörper vergangener Menschen hier eingesetzt ist. In des Beetes Mitte wird sich eines Tages ein Grabmal erheben: ein Obelisk aus silbergrau schimmerndem .Labradorstein, und auf der vor- I deren Flüste wird nichts anderes zu lesen sein als:Henrik Ibsen". Kein Geburtsdatum, kein Sterbetag. Aber ein Zeichen auf der Sockelflüche: eine Hand, die einen H a in m e r schwingt. Nun , werden alle wissen, daß hier ihr alter Bergmann ruht, der in irdisches Dunkel drang, um ihnen das Licht zu bringen, zu den Rätselfragen des Daseins drang, um Antwort zu holen, und der wirklich den Hammer, Schlag auf «chlag, führte bis in seine grauen AlteiMage. . ."

Der Entdecker Br ahm.

In derS ch a ub ü hn e" (Verlag von Oesterheld u. Co., Vev liu) finden wir folgendes Gespräch aus einer Theaterkanzlei:

Der Direktor (im Lehnstuhl, die Füße in eine Decke ein gewickelt, also mit warmen Beinen, sonst aber kühl bis ans Hep. hinan).

Der Dramaturg (vielsagend): Auf Bliimenbooten wird nun nicht mehr gefahren.

Der Direktor (schiebt die Zungenspitze in die linke Backen­tasche): M. . . Sagten Se was?

Der Dramaturg streicht den letzten Kassenrapport).

D e r D i r e k t o r (schiebt die Zungenspitze in die rechte Backen­tasche): Versprechen Sie sich von der Nuancen Erfolg? Lassen Se se weg. . . M. . . Im übrigen. Ich tu Euch ja auch den Gefallen. War ja jetzt son ... . son romantisches Stück dran. Der neue Fulda ist auch son phantastisches Märchen. Bin neugierig, ob wir uns da wieder blamieren.... Leute int Kostüm. . . einfach irrsinnig. Sicher blamieren wir uns'.

Der Dramaturg: Man kann nie wissen . . .

Der Direktor (schiebt die Zungenspitze in die linke Backen­tasche): L. . . . Was gehen mich die Novitäten des Herrn Baruowskh an? . . . Doktor Ehrlich, ich finde, wir sind heut« furchtbar geschwätzig. Reden beinahe soviel, wie mein Bruder in Hamburg. . . oder wie. . . Figuren von Schiller. (Znm eintretenben Bureaudiener fragend): M . . . .? (liest die Visiten­karte, die ihm der Diener reicht) Lassen Sen rein . . . (Diener, Dramaturg gehen; der Schauspieler kommt.)

DerDirektor (schiebt die Zungenspitze in die rechte Backen­tasche. Zum Schauspieler): N. . . .?

Der Schauspieler (erster jugendlicher Held. Typus. Sich in die Brust werfend): Hochverehrter Herr Direktor! Schon seit Jahren blicke ich mit höchster Bewunderung auf Ihr Theater, welches unter Ihrer Leitung zur Wiege, um nicht zu sagen, zur Hochburg der naturalistischen Tarstellnugsart geworden ist. Diese aber ist meine Force. Es ist allerdings alles meine Force. Ich habe den Willy Janikow im Stadttheater zu Stettin mit sensa­tionellem Erfolge gespielt. Ich habe (unter dem kalten Blick des Direktors befangen werdend) im Danziger Stadttheater. . . den Grafen von Charolais.... unter unerhörtem Beifall kreiert