858

wird Fritz mir nicht die Augen auskratzen? Ist er gar nicht eifersüchtig?*

Ach", Suse lachte über das ganze reizende Gesicht,der ist meiner leider viel zu sicher uicht, Du Liebster?"

Er drückte den weichen Arm in dem seinen fester an sich. Seine Augen leuchteten zärtlich zu ihr nieder.

Ja, gewiß, mein Süßes, wir wissen beide, daß uns niemand zu trennen vermag."

Um die schmalen Lippen ihres Begleiters zuckte ein wehes Lächeln. Sein Blick glitt trübe von bem glücklichen Paare hinweg, als sähe er eine öde, dunkle Zukunft. Er vermochte nicht länger den Unbefangenen zu spielen. Nachdem er dem Freunde noch sein Hotel genannt hatte, empfahl er sich mit auffallender Hast.

Trautendorf, der wohl fühlte, was in ihm vorging, war zu zartfühlend, cs zu bemerken und Suse beschäftigte sich nur mit der Nachricht, die sie über Hammer erhalten hatte.

Kaum war der lange Offizier außer Hörweite, als sie auch schon hervorsprudelte:

Die beiden dummen Menschen lieben sich so sicher wie zwei mal zwei vier ist die Ruth und den Maler meine ich sieh doch nicht so erstaunt, Fritz und können sich nicht finden. Weiß nicht, was der Ruth eigentlich passiert ist, damals, daß sie plötzlich so tat, als ob sie sich nichts mehr aus ihm machte aber gemerkt hab' ich's doch, wie nahe ihr das gegangen ist, als ich ihr aus der Zeitung vorlas, daß Willy Hammer eine mehrmonatliche Studien­reise nach Italien angetreten habe und das sieht man ihr doch an, daß sie sich mit einem großen Kummer schleppt"

Trautendorf stimmte lebhaft bei. Wie oft hatte er über den Grund von Ruths Schwermut vergeblich nachgegrübelt. Nun ward ihm die Lösung.

Wenn man ihr wirklich helfen könnte, es wäre famos, Kind. Aber wie denkst Du Dir das eigentlich? Was willst Du tun?"

Suse hob zuversichtlich den hübschen Kopf höher.

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Aauöuiörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n.

(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Wie die Verhältnisse int Hotel Suisse lagen, erhellt am besten aus dem Briefe vom 6. Juli 1904, den litte Fräulein M. schrieb, das dritte Kleeblatt unserer allabend­lichen Whistpartie, die wir um die Ehre, also ohne Einsatz spielten. Sie hätte meinen Charakter besser eingeschätzt, als die lieben Landsleute. Sie schreibt verdeutscht ungefähr wie folgt:

Ich fand es häßlich und außerdem ganz lächerlich, daß die deutschen Herren sich so ganz von Ihnen zurück­gezogen, bis die Polizei Sonntag oder Montag sagen ließ, daß sie den Verdacht gegen Sie nicht mehr hegte. Als ich Donnerstag, den 7. Januar, abends die Siegel der Po­lizei au Ihrer Tür fand, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Die ganze Nacht waren Sie und der arme Herr aus München, der ganz mutterseelenallein und verlassen in der Nacht vorher gestorben war, in meinen Gedanken. Ich fand es schrecklich, daß Sie, der seiner Erholung wegen und um neuen Lebensmut zu schöpfen, int Süden weilte, jetzt im eiskalten Gefängnis saßen. Am nächsten Morgen sagte mau uns, alle Zweifel wären vorüber, die Polizei hätte gleich eine Vermutung über Ihre Schuld gehabt, wagte aber nicht, einen Ausländer zu verhaften, bis sie ganz sichere, zahlreiche und überzeugende Beweise gegen Sie gehabt hätte. Wir wurden sämtlich verhört. Mich fragte man über alles, was Sie getan und gesagt hatten. Vier­oder fünfmal war ich in der Vernehütung, das eine Mal nur, um zu erfahren, ob Sie nicht mit mir von dem Tagebuche des Direktors M. gesprochen hätten. Das wär mir alles sehr zuwider und peinlich. Ich konnte nicht glauben, daß Sie der Mörder sein sollten; ich fand es so unglaublich und ganz und gar unmöglich nach dem Eindrücke, den ich von Ihnen in der Zeit, in welcher ich

Sie täglich sah, empfangen hatte. Und, wenn man mir sagte: Die Polizei hätte sichere Beweise gegen Sie, ant­wortete ich: dann muß er es int Wahnsinn getan haben... Ich habe vor mehr als 14 Tagen an die Redaktion der L'Union Republicaine" geschrieben und alle JUni-Num- mern verlangt, weil ich dachte, darin müßten die Berichte über die Schwurgerichtsverhandlungen stehen. Ich habe aber weder Zeitungen noch Antwort erhalten, noch einen Brief 'von Mademoiselle Ruby (der Besitzerin des Hotels Suisse)."

Ich hatte daraufhin Fräulein M. die Zeitungsberichte mit meinen Bemerkungen eingeschickt und dabei verschiedene Fragen gestellt. Aus ihrer Antwort vom 15. August 1904 erwähne ich folgendes:

Sie verstehen, daß beim Dejeuner nach Ihrer Ver­haftung (8. Januar 1904) sehr lebhaft über die Mord­geschichte gesprochen wurde. Ich hatte den Eindruck, daß alle sehr erstaunt über Ihre Verhaftung waren. Die Be­hauptung des Procureur-GeneralCe u'est Pas le paryuet ou la Police qui out d'abord soupyounö Tiemaun, ce sont les pensiouaires de l'hvtel Suisse, tous ötrangers" ist nach meiner Meinung ganz falsch . . ."

Vorgeworfen hat man mir mein Benehmen nm Grabe des Toten. Einen Tag nach der Bestattung des Direktors M. hatte ich mit Frl. M. das Grab ihres in Ajaccio ver­storbenen Bruders neu bepflanzt. Als wir forigeheu wollten, suchten wir das Grab des Direktors M. auf. Fräulein M. fragte hierbei die daran Arbeitenden kritisierend nach dem Staude der Arbeiten. Da ich fürchtete, daß sie schroffe Antworten bekommen würde, drängte ich von jenem Grabe fort. Fräulein M. hatte mir vorher von dem furchtbaren Jähzorn der Korsen gesprochen, dem ihr kranker Bruder einmal fast zum Opfer gefallen wäre, wenn nicht ein Priester die Hand, die das Stilett jählings zog, mit eisernem Griffe gehemmt hätte. Ferner war mir die übergroße Be­schleunigung der Arbeiten, die unsere Ausschmückung des Grabes, welche mehr als zwei Stunden erfordert hatte, sofort wieder zerstört hatte, und die §a[t, den Toten unter Stein und Einfassung zu bringen, dannt alles schnellstens vergessen werden könnte, unsympathisch. Wie mir mein Advokat Campiglia, dessen Familie gegenüber eine Grab­kapelle besitzt, sagte, machte das Grab des Direktors schon Mitte Februar einen sehr vergessenen Eindruck. Die Ehren­pflicht, von der der Sohn des so jäh Dahingeschiedenen sprach, das Grab in Ordnung zu halten, schien die Stadt Ajaccio nicht erfüllt zu haben.

Der Vollständigkeit wegen will ich noch eine Episode erwähnen ans der Zeit vor meiner Verhaftung, die mir vom Sohn des Ermordeten in der Schwurgerichtsverhand­lung zum Nachteil ausgelegt wurde.

Eines Tages saß der Sohn int Lesezimmer und stellte seine Rückfahrt aus den Fahrplänen zusammen. Wenn auch schweres Unglück durch den furchtbaren Tod des Baiers über die Familie gekommen war, so kehrte er doch in sichere, geordnete Verhältnisse, zu leinen Freunden und Bekannten und zu regelmäßiger Arbeit zurück, während ich, nachdem ich so Furchtbares durchgemacht hatte, nach Sizilien Weiter­reisen wollte. Es war daher wohl verzeihlich, wenn ich etwas zu emphatisch zu ihm sagte:Sie Glücklicher, daß Sie in die Heimat zurückkehren, während ich mich hier im Süden noch herum drücken muß." Konnte mir doch in Sizilien in wenigen Tagen dasselbe wie seinem Vater zu- stoßen. Als ich daun den Sohn bat, wegen meiner Abreise mit dem Untersuchungsrichter zu sprechen, konnte ersterer nicht wissen, daß durch den traurigen Zwischenfall mein Aufenthalt in Ajaccio schon um acht Tage verlängert worden war. Der Untersuchungsrichter hatte mich gebeten, noch in Ajaccio zu bleiben, da meine Aussagen und Hilfe von großem Werte für die Sache wäre. Als ich diese Er- klärung vor deut Gerichtshöfe in Bastia abgab, lachte mein Verteidiger Decori verständnisinnig und fragte mich:Das hat wohl der efte . . . zu Ihnen gesagt?" Der Sohn ai> beitete sehr t mit den Behörden zusammen und hätte fast jeden Tag Verhandlungen. Meine Bitte wär daher kaum absonderlich.

Er antwortete mir auf meine Bitte verwundert: Sprechen Sie doch selbst mit dem Untersuchungsrichter. Sie verstehen ja besser Französisch, als ich." Er wollte mich eben nicht verstehen. Einige Tage vorher hatte ich un­vorsichtigerweise dem französischen Pensionär Geiger gegen? über, als dieser seine Entrüstung darüber kundgab, daß