Empörung wechselten und bet, um sich zu stützen, nach der Tischkante griff, war cniporgesprungen und mit einer energischen Bewegung sich zur Ruhe zwingend, sprach er:
„Darüber könnte Fräulein Brandt allerdings ganz genaue Auskunft geben. Aber damit du cs endlich erfährst, und genau weißt, wohin du dich mit deinem Unmut zu wenden hast und ihn nicht an eine falsche Adresse richtest, will ich cs tun. Du hättest dir und uns dies Bekenntnis zwar ersparen können, aber ich halte es für meine Ehrenpflicht als Kavalier und für mein Recht als Mensch, die Wahrheit zu sagen, um eine Dame, die unserem Hause teuer ist, die wir mit Stolz als zu uns gehörig betrachten, die die Tochter eines Eltcrn- paares ist, das wir verehren und dem wir Dank schulden, vor ganz vagen Verdächtigungen und unmotiviertenSlugriffen zu schützen."
Seine Stimme hatte sich, während er sprach, zu stärkerem Klange erhoben, und dann trat er einige Schritte vor, uni), in fast drohender Haltung sich zwischen Della und die Gräfin stellend, fügte cr hinzu: „Und hier unter dem Dache meiner Väter, unter dem Gastfreundschaft und edle Formen stets hochgehalten wurden, versuchst du, eine von uns allen verehrte Dame mit hämischen Anspielungen zu kränken, An- spielungen, die nicht zutresfen, denn unter diesem selben Lache erkläre ich dir in Gegenwart meiner Geschwister, daß ich Fräulein Della Brandt die Grafenkrone angeboten habe und daß sie sie ausschlug!"
Mit einem leisen Aufschrei war die Fürstin Helene in ihren Sessel zurückgesunken.
Durch das weitgeöffnete Fenster des Salons flutete die Mittagssonne hinein und flimmerte in Dcllas blonden Haaren. Sie hatte ihre Stellung nicht verändert und starrte angstvoll auf den Grafen, der, zwischen ihr und seiner Frau stehend, fortfuhr: „Und nun weißt du, daß es auch Künstlerinnen gibt, die nm eines Grafentitels willen nicht ihrer Kunst untreu werden, die keines anderen Adels bedürfen wie des selbst errungenen, den die Welt ihnen begeistert znerkennt. Solche gottbegnadete Künstlerinnen nehmen vielleicht eine Grafenkrone an, wenn sie ihren Träger lieben!" Ein schmerzhaftes Zucken ging über seine erregten Züge. „Fräulein Della Brandt hat sie abgelehnt."
Eine fahle Blässe bedeckte das harte Gesicht der Gräfin, aber sie hielt sich aufrecht, den Kopf mit den tiefschwarzen, glattgescheitelten Haaren leicht zurückgeworfen.
Das Auge des Grafen Karl Viktor flog zwischen den beiden Frauengestalten hin und her und blieb dann einen Moment auf seinem Bruder haften.
Der sonst so kaltblütige, vornehme Man* schien wie zerstört.
1806
Yr. 129
Wol-tag den 3. S pfcmker
-
MW
MWH
MM
W
11
v
WM
Der Stern.
Roman bon Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Eine Schauspielerin!" sagte Gräfin Luise.
„Sie kennen sie wohl, liebe Della?" fragte die Prinzessin. „Alfons schreibt cs wenigstens, daß sie Ihnen von Dresden her bekannt ist, daß sie aus gutem Hanse sei und denselben Lehrer hatte wie Sie, Wittelsbach!"
Es berührte sie fatal, diesen Namen hier zu hören. Aber sie faßte sich und erwiderte:
„Gewiß, ich habe Teresa Streitmann schon im Hause meiner Tante in Dresden gesehen."
„Tas scheint ja ein sehr günstiger Boden für berühmte Künstlerinnen", bemerkte die Gräfin.
„Ist sie berühmt?" fragte die Prinzessin.
„Eine Schülerin von Wittclsbach ist immer berühmt", warf die Gräfin dazwischen. „Berühmt oder berüchtigt."
Della lächelte. Vor Monaten noch hätte sie diese rohe Acußerimg gekränkt, heut war sie darüber hinaus, hinaus über alles, was kleinlich und boshaft sich ihr gegenüberstellte. Die Gräfin tat ihr leid in ihrem heimlichen, törichten Haß gegen sic, und ganz gleichmütig sagte sie:
„Ich weiß cs nicht, wie weit Fräulein Streitmann sich künstlerisch entwickelt hat. Reichste Gelegenheit dazu hätte sie als Schülerin Wittelsbachs jedenfalls gehabt. Ich weiß das ans eigener Erfahrung und bin dessen eingedenk in höchster Dankbarkeit. Aber ich habe sie nie gesehen, auch nicht viel von ihr gehört, sie war immer in Berlin, ich nur einmal."
„Das ist ja nun auch ganz gleichgültig, da sie der Bühne entsagt, um Gräfin Giersdorf zu werden", rief Karl Viktor.
„Das tun die Theaterdamen in diesem Falle sehr gern. Nicht wahr, Fräulein Brandt, um Gräfin zu werden, verläßt wohl jede die Bühne und läßt sich nicht lange bitten? Aus Koketterie vielleicht ein wenig, damit so ein aristokratischer ©imper, der ins Netz gegangen, sich noch Wunder wie glücklich fühlt."
Eine peinliche Stille trat nach diesen Worten der Gräfin ein, die augenscheinlich bei Dellas Anblick jede Haltung verloren hatte und nur, von blinder Wut beherrscht, diesen Angriff wagte.
Della hatte sich erhoben. Hoch aufgerichtet stand sie da, sehr bleich, aber völlig ruhig.' Karl Viktor war neben sie getreten, als wolle er sie schützen, und Prinzessin Helene sah in ratloser Verlegenheit vor sich hin.
Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Graf Guido, in dessen Antlitz, während seine Fran sprach, Entsetzen und


