Ein unerschrock'ner, todessel'ger Ansturm,
Aus nächt'gen Schatten in das Königsschloß, Und mähen nieder, was sich lebend regt. Und sind sie stärker auch als wir, gleichviel! Sie werden fliehen vor dem grau, en Ausbruch Des Wahnsinns und der mordenden Verzweiflung.
Im Schlußakt — das Stück weist noch die alte conditio sine qua non, die heilige Fünfzahl der Akte auf — finden wir den Helden am Grabe aller seiner Hoffnungen. Aber mutig sieht er dem Geschicke entgegen. Er soll einem alten Brauch zufolge mit eigener Hand den Giftbecher nehmen. Einzig und allein der Gedanke an seine Braut quält und foltert ihn:
— Sie mußt' ich, die geliebte reine Seele, Die in des. Friedens Paradies gelebt Als Blume mit den Blumen, freventlich Verflechten in mein Schicksal! Welche Qual! Zu tragen dieses Weh, ist zu gebrechlich Das Menschensein, der Tod nur kann es fassen. Zur Ruh' es betten in dem düstern Schooß. —' Der Tod selbst hat keinerlei Schrecken für ihn:
—- eine Perle, nur ein. Glas
Sst mir das Leben, und ich werf' sie ihm ufjauchzcnd vor die Füße, daß sie klirrt Und bricht! —
Noch einmal macht Zenobia, die Schwester des neuen Königs, den Versuch ihn zu retten. Dann — das bricht ihr selbst unbewußt erst jetzt mit erschütternder Gewißheit durch — mehr als die Krone, liebt sie ihren seitherigen Träger, den schwärmerischen Brausekopf. Er bleibt unerbittlich, auch als sie sich tief, lief demütigt und verzweifelt vor ihm im Staube liegt. Er will sich selbst nicht untreu werden und verlangt nichts als den Tod. Zenobia geht wie von Sinnen — die Mörder zu holen.
Eine letzte Gnade! Er darf noch einmal vorher Mutter und Braut sehen. Auf sein Verlangen reicht ihm Gita, die ihn so manchmal aus der Quelle, „die kostbar frisch aus dichten Farren springt", gelabt —- ahnungslos wie ein Kind und selig in der Nähe des Geliebten — den Todestrank. In dem Augenblick, wo der König sterbend niedersinkt, naht Hilfe. Sein früher von demselben Vetter verbannter Bruder kommt mit seinen siegreichen Heerscharen. Zu spät! Auch für unser Empfinden zu spät! Tenn der Bruder, von dem hier und da seither nur flüchtig die Rede ist, bringt durch sein Erscheinen willkürlich und ganz von außen her ein neues Geschehnis, das mit der inneren Entwicklung des bisher so fein ziselierten und mit Künstlerhand aufgebauten Dramas durchaus nichts zu tun hat. Ohne jedes Bedenken dürfte diese mehr romanhafte als dramatische Episode vollständig fehlen. .— Wie Gita erfährt, daß sie dem Geliebten das Gift gereicht, leert sie den Becher selbst vollends und wirst sich über den Leichnam des Königs. Das befriedigt und klingt so schön und verhallend aus, wie das Drama verheißungsvoll begonnen. — — —
Nächsten Montag ist in Frankfurt der große Ehrenabend für Ennl Claar. Außer der Festvorstellung und dem Festbankett wrrd dann auch sein Leben und Wirken, sein Werden und Kämpfen bis zum Erklimmen des jetzigen Gipfels in dem Wandelpanorama unzähliger Blätter und Zeitschriften aufgerollt werden. Wir pflückten nur die einzelne Rose vom Wegrande, r manche Dichterknospe unter seinem Theaterhimmel zu seltener Pracht erblichen ließ, ist hier und nicht zum Nachteil der zarten Pflanze Gärtner und Säemann gewesen. . .
I. B—r.
Vermachtes.
r Melcher über die Italiener. Das Juni- hest der tn München' erscheinenden SüddeutschenMonats- hefte enthält die Fortsetzung der Briefe, die Fr. Th. Vischer 1839 aus Italien geschrieben hat. Interessant sind daraus besonders einige Beobachtungen und Urteile über die italienische Bevölkerung. Von Siena erzählt Vischer: Im Cafs hatte ich abends den eigentümlichen Genuß, mit einem Bibliothekar, dem t»1™ in seiner italienischen Samtjacke und dem jugendlichen Lockenwald den Gelehrten nicht ansah, über Schiller zu disputieren; die Italiener sind gewaltig für das Sentimentale, er nahm aber doch meine Bemerkungen zur Berichtigung seiner Begriffe sehr willig auf und faßte im Moment den Unterschied zwischen rhetorisch und poetisch. Ueberhaupt, was ist das für ein Volk, welche- Fassungskraft! welch liebenswürdiger Kern, wie heiter, wie frisch, wie wohlgestimmt! Was wäre aus dem Volke zu machen, da es ohne alle Volkserzichung so wild auf» Ft doch das ist, was es ist! Besonders die Knaben liebe w- Sie sind entsetzlich unartig, man sieht selten eine Katze, der sre Nicht den Schwanz abgeschnitten hatten. Doch abgesehen von diesen Straßen-Unarten, erscheinen sie so naiv klug, gegen Erwachsene freimütig und doch edel bescheiden, daß man Nicht ohne Unwillen an die verwünschte deutsche Erziehung denken , !11', dre den Menschen fast bis zum 30. Jahr als unfrei und dumm behandelt, wovon die Folge ist, daß er es wird. Im Rate der Erwach, enen darf der Knabe hier in Italien frei
mitsprechen, da horcht er aufmerksam, auf die Hand gejtttBi, die dicken Locken fallen ihm leichtsinnig unter der Mütze aus die Stirn herunter, da bringt er denn auch seinen Senf herbei, hat zu fragen, zu urteilen, zu erzählen, und die Alten lasse« ihn billig mitankommen. Sagt er was Dummes, so belehrt man ihn lachend, sagt er was Kluges, so heißt es, der Kleine hat recht, usw. Ebenso behandelt man die Dienstboten als Menschen; Im Anfang verwunderte sich meine deutsche Korporalsstocknatur nicht wenig, wenn eine Dienstmagd oder ein Bedienter im Vorzimmer einer Familie auf eine Frage nicht einfach antwortete, sondern eine Bemerkung machte, wodurch er sich mit mir auf den Fuß der Unterhaltung zwischen Menschen von gleicher Würde setzte. Dort fährt eine glänzende Equipage über den Corso, bei der Familie sitzt eine Amme in ländlicher Tracht und unterhält sich mit Herr und Frau wie ein Glied der Familie, und das ist von diesen keine Herablassung, sondern Gefühl der Menschlichkeit, Menschenwürde. Man meine nicht, das begünstige die Unbescheidenheit, nein, der Sklave wird unbescheiden. In Rom veranlaßte den Reifenden das regnerische Winterwetter zu folgenden Betrachtungen: Es regnet und regnet immer, man hat beständig nasse Füße, und der Italiener ist auf den Winter gar nicht eingerichtet, auch viel härter und ausdauernder gegen Frost und Erkältung als der Nordländer. Dies wird euch paradox scheinen: aber es ist sehr natürlich. Jede Nation schützt sich so viel wie möglich gegen das Uebel, das ihrem Klima eigen ist, und macht sich durch diese Schutzmittel gerade gegen dieses Uebel empfindlich; wir verweichlichen die Haut durch unsere unsinnigen Federbetten und andere Wärme- mittel, der Italiener fürchtet die Hitze, schützt sich vielmöglichst gegen sie, sucht daher besonders das Freie, und das härtet die Haut ab. .Alle Deutschen und andere Nordländer ertragen die Hitze Italiens leichter als den kurzen italienischen Winter, der Italiener aber klagt wie ein Kind über mäßige Hitze und erträgt die nasse Kälte leicht. Ich sah bei empfindlich kaltfeuchtem Wetter halbnackte Kinder auf der nassen Chaussee, indem der Vater daneben arbeitet, fest schlafen, sah bei Florenz bei ähnlichem Wetter einen Mann ganz nackt, bis auf einen Bund nm die Hüften, Schiffe ziehen — eine ganz plastisch antike Erscheinung.
* Eine luftige Katechismusgeschichte schreibt dem Bahr. „Vaterland" em Landkooperator (Hilfsgeistlicher). Die Herrlichkeiten des Schöpfers und der Schöpfung schildernd, wollte ich heuristisch daraus übergehen, daß das schönste Geschöpf Gottes ist: — der Mensch. Nachdem ich so ziemlich alles durchgenommen hatte, was meine Kleinen aus eigener Anschauung als Geschöpf kennen, fragte ich: „Ein Geschöpf haben wir noch nicht gehabt, das schönste und vornehmste, welches ist es wohl?" Die Finger des dritten Schuljahres flogen „in corvore", die des zweiten zur guten Hälfte in die Höbe. „Äst! Kinder, nichts sagen, vielleicht weiß es ah Rekrut!" denn aufmerksam äugten die ganz Kleinen „sechs Wochen alten" mich an. Lustig frug ich: „Paßt's af, oa G'schöpf Hama no net g'habt, hat Augen wür ös, Qhr'n wür ös, Füß wür ös und geht schnnrgrad daher." Tas 3. und 2. Schuljahr wedelt mit den Fingern. „Bst, nichts sagen". Da steht der Schinhärl Ändert auf und gibt als glänzenden Beweis seiner ästhetischen Veranlagung zur Antwort: „Da Här Koprata." (Kooperator.)
Literarisches.
— Vergiftungen durch verdorbene Nahrungsmittel, so lautet der Titel eines Aufsatzes aus der Feder des populär-medizinischen Schriftstellers Dr. Lewinski, den wir in dem 17. Hefte der illustrierten Zeitschrift Zur Guten Stunde (Preis des Bierzehntagsheftes 40 Pfg., Deutsches Berlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57) lesen. Edward Stilgebauers illustrierter Aufsatz über das in der Gegend von Homburg stattgefundene Gordon-Bennett-Rennen wird vielen willkommen sein.
Charade.
Der erste hat zwar einen Rücken, Doch kann er sich damit nicht bücken. Er hat ein Haupt und kann nicht nicken. Auch einen Fuß und kann nicht gehn, Bleibt stets aus seinem Platze stehn
Ein zweiter stolz und groß zu fein, Sind aller Knaben Träumerei'n.
Der Ganze kommt mit blanker Wehr Und wohlgemut zum Ersten her. Er sticht und haut ihn ohne Scheu, Legt feine Eingeweide frei.
Doch manchmal muß fein keckes Streben Er büßen mit dem eignen Leben.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: a Kanne, b Arien, c Volk, d Geld, x Kanarienvogel.
ffiefcßftion: August Götz. — NotviionSdrnck und Verlag der Vrühl'fchen lluiverstiätS-Vuch- und Ctemdruckerei. R. Lanae. Gießen.


