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Auf der Fahrt zur Stifte schwieg Franze, ganz betäubt vom Winde und dem Schaukeln des Bootes. Erst als sie wieder festen Boden unter sich hatte, ging der Schwächeanfall vorüber. Und nun schämte sie sich ihrer Angst. Zu- merkte es ihr wohl an. Wer er sprach kein Wort per.
Am raschen impulsiven Druck seiner Hand fühlte Fränze, daß er in dieser Sekunde an den größeren, bedeutungsvolleren Kampf dachte, der ihr nahe bevorstand, — wo sie Mut und Kraft beweisen sollte, ohne sich an seinen schützenden, helfenden Arm anklammern zu können.
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In Sangallen trennten sie sich. Fränze kehrte vom Krug aus mit dem Marktwagen nach Sakuthen zurück; Zu- pitza wollte zu Fuß Heimwandern. Jü seinen einsamen vier Wänden hätte es ihn heute abend doch nicht geduldet — mit gleichgiltigen Bekannten zu sprechen, gar in der Kneipe zu sitzen, das wäre ihm erst recht nicht möglich gewesen.
Es ging schon aus neun Uhr.
Seit dem Beginn von Dieters Krankheit war dies der erste Fall, daß Fränze sich versäumte.
Sie wunderte sich darüber, daß sie gar keine Skrupel eiupfand, während das Gefährt sie in langsamer, holpernder Fahrt über die Landstraße führte.
Sie durchlebte schon im voraus die ernste, gewichtige, folgenschwere Aussprache, die sie nun mit Dieter herbeiführen mußte. Sie sah sich dabei selbst, sah ihr bleiches Gesicht, ihre nervös sich ineinander krampfenden Hände, sie hörte sich, als ob es eine andere wäre, und sie staunte Über ihre knappe, zwingende, dabei so leidenschaftlich bewegte Rede.
Ihm sollte nichts genommen werden — nein, nein, ihm sollte ja nichts genommen werden! Was sie miteinander all die finsteren Jahre hindurch verbunden hatte, das war eine tiefe, ehrliche Freundschaft gewesen — und die sollte bis ans Grab ihm treu bleiben nach wie vor. Wer so wie bisher konnte es nicht bleiben. Sie trat mit einem'fertigen Plan vor ihn hin. Das Geschäft sollte in fremde Hände übergehen. Sie selbst mußten Gill vorläufig verlassen. Vielleicht zog man am besten nach dem Rhein, nach Wres- baden oder einem pudern Heilbad, wo er gewissenhafte Pflege sand, — ihre wärmste, innigste Fürsorge konnte dann um ihn sein bis zu seinem letzten Atemzug. Denn sie wollten ihm ja beide als treue Kameraden beistehen in jeder Not, zu Jeder Stunde.
Wer ihr Herz hatte gesprochen, ihre Sinne sprachen, ihr Blut, — sie war ja längst nicht mehr sein Weib — und wenn er Erbarmen mit ihr hatte, so mußte er sie nun ihrem Glücke nachziehen lassen. Ja, er mußte. Denn in ein unwürdiges Verhältnis wollte und konnte er sie nicht stoßen. Seines Namens wegen nicht — und ihres Stolzes halber nicht.
Sie vernahm Wart für Wort, wie diese Fremde es ihm sagen würde, und sie suchte sich gegen den Schreck, die Bestürzung des unglücklichen, ganz niedergeschmetterten Mannes zu panzern.
Wer es gelang ihr doch nicht. Die grausame Härte dieser Fremden flößte ihr selbst mehr und mehr Furcht ein.
Mehrmals wollte wieder das innerliche Zittern sie er- Sen — dzer Schstnndelanfall, der sie vorhin auf dem sser wie in einer Ohnmacht hatte überwältigen wollen. Jinmer wieder zwang sie sich^, die Hände krampfhaft ineinander schlingend, zu einem festen, Willensstärken: „Es muß sein!"
Und dann tauchten ferne, verlorene Klänge auf, wunderbare, sehnsüchtige, leidensvolle Klänge, die näher kamen, immer näher, über sie hinrauschten, ihr das Herz bewegten, sie wie in einen Taumel versetzten. . . Sie sah sich im Sturm droben auf der Düne stehen, in den Armen des Geliebten . . .
„Es muß sein! Es muß sein!" sagte sie ganz laut vor sich hin — voller Ekstase.
Die Einfahrt zum Werk war Sonntags geschlossen, sie entließ das Gefährt also auf der Straße und schlüpfte durchs Hoftor, — etwas scheuer als sie wollte.
Das Wohnhaus lag völlig dunkel da. Auch in der Küche brannte kein Licht. Sie entsann sich, daß sie der Köchin erlaubt hatte, wenn der Besuche aufbrach> selbst auszu- gehen.
AU all die wirtschaftlichen Dinge hatte sie den ganzen Nachmittag Wer nicht gedacht.
Sie egoistisch doch das Glück macht! sagte fto zu sich, während sie in wachsender Hast sich der Haustür näherte.
Nachdem sie sie aufgeschlossen, blieb sie einen Augenblick an der Schwelle stehen. Die Luft war dick, sie legte sich ihr schwer auf die Brust. Kalter Tabaksqualm, der scharfe süß-säuerliche Geruch von Rum, Zigaretten, Punsch und Bier füllte die Diele. Ein Fenster schien Tirsell nicht geöffnet zu haben.
Sie lauschte. Es war totenstill im ganzen Hause. Nur! irgendwo hörte man stöhnend atmen. Es konnte im Bureau sein, aber ebenso gut auch in Dieters Schlafstube; bei den dünnen Holzwänden täuschte man sich so leicht. Dieter selbst war es aber wohl doch nicht, eher Tirsell, dessen gutmütiger, tiefer, brummender Baß sich auch im Schnarchen verriet.
Schlief hier denn schon alles?
Unsicher tastete sie sich nach der Türe zum Herrenzimmer.
Auch hier kein Laut.
Sie machte Licht und sah sich um. Durch die offene Speisezimmertür erblickte sie den noch unabgeräumten Eßtisch, auf dem halb geleerte Flaschen und Gläser standen. Vielleicht hatten die fremden Herren erst vor kurzem das Gelage hier abgebrochen: Gamering war ja dabei gewesen!
Tief atmete sie auf. Es war ihr doch ein gewisser Trost, daß Dieter nicht ohne Gesellschaft geblieben war. So hatte er sie weniger vermißt.
Gewiß hatte Tirsell ihn schon zur Ruhe gebracht und sich darauf selbst zu Bett begeben.
Auf den Fußspitzen ging sie aufs Schlafzimmer zu — blieb aber nach den ersten Schritten plötzlich unter einem leisen Aufschrei stehen: am Fenster erkannte sie Dieters Gestalt im Rollstuhl.
Er rührte sich nicht. Sein Kopf war Wer die Lehne zurückgesunken, sein Gesicht war bleich, seine Arme hingen steif hinab.
Ihr erster Gedanke war: er ist, tot!
Ein Zittern meldete sich in ihren Knieen, sie mußte rasch das Licht wegsetzen und sich festhalten.
Angstvoll starrte sie den Stitldaliegenden eilt.
Ob er atmete, konnte sie nicht erkennen. Nichts bewegte sich in seinen Zügen, auch seine schmale Brust lag regungslos, seine Augen waren geschlossen.
„Dieter!" flüsterte sie.
Sie wollte seinem Kopfe eine andere Lage geben, aber ein seltsames Grauen hielt sie davon ab, ihn anzurühren.
Ein schmerzlicher, gramvoller Zug furchte sein Antlitze seine Schläfen waren eingesunken, aus seinen Lippen stand ein starres und dabei doch bitteres Lächeln.
Wie eine ungeheuerliche Anklage empfand sie's plötz- lichi, daß sie ihn so lange den Fremden überlassen hatte.
Wenn das nun wirklich das Ende war, wenn er in die große Ewigkeit hinübergegangen war, einsam, von aller Welt verlassen, hier in diesem kalten, fast winterlichen Raum, — während sie draußen im Sonnenlicht, im Frühlingssturm jauchzend am Herz des Freundes hing. . .!
„Dieter!" schrie sie plötzlich auf. Dabei erschrak sitz über den fremden Klang der eigenen Stimme.
Da lief ein Zucken durchs seine Gestalt — gleich daraus schlug er die Augen auf.
Sie fühlte, daß ihr das Blut wieder rasch zum Herzen schoß, das für ein paar Augenblicke völlig stillgestanden war.
„Ach, Fränze — da bist Du ja!" sagte er leise und innig. Es lag kein Vorchurf in feinem Don, Nur sehnsüchtige Freude, und seine Hände streckten sich ihr verlangend entgegen.
„Wie ist Dir's gegangen, Dieter?" fragte sie stockend, außer stände, sich ihm zu nähern.
Seine Hände sanken wieder matt auf die Polster, und! er sah sie mit einem hilflosen Lächeln an. „Wie mir's! eben gehen kann — ohne Dich, Fränze." Da er den Schattest bemerkte, der Wer ihr Gesicht hinzog, setzte er rasch! hinzu: „Aber hab' keine Sorge, es hat uns an nichts gefehlt. Wirklich, Fränze."
„Wann haben Dich die Herren denn verlassen?" fuhr sie fort zu fragen, nur um nicht still zu sein, dabei noch inimer zögernd, sich gewissermaßen selbst beobachtend.
„Um vier Uhr etwa, Schatz,"
„Um vier Uhr. O — und seitdem — seitdem warst Du ganz allein hier?"


