287

Person geleitet, in sausendem Galopp in einem Staatswagen nach der Station, wo ich rechtzeitig den nach Jollapett und Mettapollum abgehenden Frühzug erreichte.

(Fortsetzung folgt.)

Plaudereien aus der KaiserstadL-

(Nachdruck verboten.)

Das Ende der Taitsdiamanten. Peter Hilke's Heimgang. Jenny Groß f.

Mit recht gemischten Gefühlen werden die stolzen Liebhaber funkelnder Geschmeide, die sich aus pekuniären Rücksichten mit den wunderbarsten Imitationen der Welt begnügen müssen, vernehmen, daß Taits Tiamanten, die anfänglich Stück für Stück sechs Mark kosteten und als die Osterfreude der Konsektioneusen, Portokassen- Dividandies und anderer kluger Zeitgenossen nachließ, für "zwei Mark zu haben waren, nunmehr für eine einzige lumpige Reichs­mark losgeschlagen werden. Jedenfalls ist der Handel mit diesen amerikanische Glasknöpfchen und -Splitterchen kein übles Geschäft gewesen; denn die Ladenmieten allein haben eine horrende Summe beansprucht und die Schaufensterbeleuchtung, die aus dem glänzen­den Tand die funkelnden Effekte hervorzaubern mußte, wird in ihrer raffinierten Fülle auch nicht gerade billig gewesen sein. In­zwischen lockt schon wieder irgend eine andereIntelligenz" von jenseit des großen Heringsteiches uns lieben hellen Berlinern mit einem neuen Tric das Geld aus der Tasche, wie der Fall des Elektro-Bigor-Bertreters beweist, der mit seinem elektrischen Ge­sundheitsschwindel-Apparat täglich Einnahmen bis zu 10 000 Mark gehabt haben soll. Die Welt will nun einmal betrogen sein und die alte zweifellos noch mehr als die neue; sonst verlegten nicht halb so viel smarte Jungen das Operationsfeld für ihre genialen Ideen gerade nach Europa!

Wir stehen drüben zweifellos in dem Rufe, unpraktische Leute zu sein, obgleich wir eigentlich an findigen Köpfen keinen Mangel haben. Aber die Einfälle allein tuns nicht; man muß sie auch richtig zu verwerten verstehn. Wenn der alte Herr mit dem wildnmbuschten Haupt, den sie vor wenigen Tagen zur letzten Ruhe geleitet haben, das verstanden hätte, wäre ihm jedenfalls ein materiell glücklicheres Los auf dieser Erde beschieden gewesen. Ich rede von Peter Hille, dem Hauptmann der litterarischen Zigeuner Berlins. Eine Zeit lang glaubten die nüchternen, überall Ironie witternden Spree-Athener überhaupt nicht an die Existenz Peter Hilles; sie hielten die lyrisch tollen, von genialen Gedankenblitzen durchleuchteten Plaudereien und Aphorismen, die den Zeitungen auf. gebrauchten Briefumschlägen und ähnlichem Manuskriptpapier zugingen und von diesen mitunter veröffentlicht wurden für die Foppereien irgend eines parodierenden Spaßvogels, bis sich nach und nach durch Gäste, die in das Dillesche Kabaret an der Pots­damer Brücke versprengt waren, die Leibhaftigkeit des weltfrem­den Poeten herausstellte. Eine kleine, litterarische Gemeinde war es, die die seltsam ungleichen, nie ganz ansgereiften Produkte dieses Bohemien-Gehirns wie Offenbarungen attstaunte, und ein Abglanz dieser heute wehmütig berührenden Ueberschätzung leuchtet durch alle die Nekrologe, die diese Tage über Peter Hille bringen. In Wahrheit wird von all den Dichtungen des Poeten nichts in die Hände unserer Enkel kommen, da von keiner der Stempel har­monischer Vollendung grüßt! Größer ist der Kreis, der den Ver­lust unserer Madame Sans Gene betrauert, die noch vor wenigen Wochen als Maria Theresia in dem gleichnamigen Schönthanschen Hofanekdotenbrei die Berliner durch die schelmische Anmut ihres Spieles sowohl als durch die Pracht ihrer Toiletten in Ent­zücken versetzte. Jenny Groß ist nur 42 Jahre alt geworden. Ein unheimliches Leiden hat die allzeit Fröhliche hinweggerafft, mitten aus dem Schaffen heraus zur Bestürzung ihrer vielen Freunde und Verehrer. Sie hatte es besser verstanden, als Peter Hille mit dem sie nun zusammen an der Himmelspforte an­klopft ihr Talent zu verwerten, was man ungefähr erkennen kann, wenn man erfährt, daß sie noch vor kurzem 25 000. Mark Ab­standsgeld an Direktor Lautenburg zahlte, um ihren Kontrakt, der sie dem Residenztheater verpflichtet hatte, ihrer Maria Theresia-Tournee wegen zu lösen. Ich glaube, Peter Hille hat eine solche Summe in seinen kühnsten Träumen nicht beieinander gesehen. Wer er ist auch ohne das an dasselbe Ziel gekommen und vielleicht manchmal glücklicher gewesen als dieser verwöhnte Liebling des Berliner Publikums, die trotz aller Huldigungen, die ihr der grüne Strand der Spree geboten, nun im Tode den Berlinern untren wird. Sie hat es sich ausbedungen, ihr Grab in der Wiener Erde zu erhalten, obgleich Wien ihre eigentliche Hei­mat auch nicht ist. Und so ist ihr Sterbliches denn nach der Stadt an der schönen blauen Donau überführt worden, um dort bestattet zu werden. Peter Hille, der ein echter Philosoph war, mu§te, daß der weiße märkische Sand nicht schlechter ist als die rote Erde seiner Westfalischen Heima.t Er ruht draußen auf dem Matthiaskirchhof rn Marienhöhe und harrt dort ebenso gut aufgehoben fröhlicher Ur­stand' . . . A. R.

Kind und Kund.

Unsere Kinder", so erzählt Heinrich Seidel in seinem herzigen BucheLeberecht Hühnchen",hatten alle etwas

Sonniges in ihrem Wesen, das mochte wohl eine Erbschaft von ihrem Großvater sein, aber Helen^hatte diese Eigen­schaft im höchsten Grade. Wir nannten sie nur das Sonnen­kind oder Großpapas Sonnenschein. Von ihrem freund­lichen Gesichte ging stets ein Heller Schimmer aus, und auf ihrem braunen Haar lag es wie ein goldiger Glanz. Sie hatte auch mit dem Sonnenschein ein besonderes Verhält- ms und spielte sogar mit ihm. Als das Kind fast vier Jahre alt war, rief mich meine Frau einmal um die Mittagszeit, als die Sonne Zwischen den Vorhängen hin­durch einen breiten Strahl in das Schlafzimmer sendete, und zeigte mir ein holdes Bild. Dort kniete Helenchen vor einem Stuhle, auf den das himmlische Licht mit ganzer Kraft funkelte, und griff mit den zarten Händchen in den hellen Sonnenschein und versuchte ihn mit zierlicher Be­wegung der Finger in die dunklen Ecken zu streuen. Außer dem Sonnenschein liebte sie die Blumen, die seine Kinder sind, und oft rührte es mich tief, wenn sie bei unseren Spaziergängen das kleine dürftige Blumenwerk, das an den staubigen Wegen wuchs, mit heller Freude begrüßte und die kümmerlichen Glöckchen und Sterne sorglich in der kleinen warmen Hand nach Hause trug.

Onkel Nebendahl und seine Frau, die ebenso behäbig, rundlich und glänzend aussah als ihr Mann, hätten unsere Kinder in ihrer Gutmütigkeit fast umgebracht, wenn wir nicht stets auf der Hut gewesen wären. Wie so manche Landleute geneigt, das städtische Leben als ein Hunger­leben anzusehen, waren sie stets darauf aus, sowohl wäh­rend als außerhalb der regelmäßigen Mahlzeiten, deren es täglich fünf gab, unsere Kinder bis oben hin voll guter Sachen zu stopfen.

Helene, obwohl sie den guten Onkel im Punkte des Essens nicht befriedigte, war sein Liebling.Die kleine Dirn'", sagte er,is immer vergnügt und so fix zu Bein wie'n Brummküsel, un tanzt un singt un springt den ganzen Tag. Wenn ich manchmal so sitz und grätz" mich un ärger' mich über die Wirtschaft, un die kleine Dirn' kommt rein, un so drat sie man in der Tür is, da is sie auch schon bei mir un sitzt mir auf 'n Schoß un kuckt mich cm mit 'n Gesicht, als wenn die Sonn inn goldenen Becher scheint ja, dann is aller Aerger gleich weg. Un alle Kreatur is ihr gut, das mit Wasser werd' ich mein Lebtag nicht ver­gessen."

Wasser" hieß nämlich ein ungemein böser Kettenhund, der einzig und allein nur vor dem Onkel und dem Manne, der die Kühe fütterte und auch ihn mit Nahrung versorgte, Achtung hatte, die übrige Menschheit aber ohne alle Aus­nahme in die Waden biß, wenn er ihrer habhaft werden konnte. Diese bösartigen Natirranlagen hatten ihm, nach­dem er eine genügende Anzahl von Kindern und großen Leuten in unverantwortlicher Weise geschädigt hatte, eine dauernde Anstellung als Kettenhund eingetragen, und die ewige Gefangenschaft, die solcher Beruf mit sich brachte, hatte sein Gemüt natürlich nur noch mehr verdüstert. So lebte er denn in seiner geräumigen Hütte einsam als ein Sonderling und Menschenfeind, keine andere Freude kennend, als, sobald ein fremder Mensch den Hof betrat, an der rasselnden Kette einem Teufel gleich herum zu toben und zu rasen und seinem sinnlosen Zorn und Ingrimm durch ein fanatisches Gebell und Beißen in Steine Luft zu machen. S&gen der oftmaligen Wiederholung dieses Manövers war rings um seine Hütte ein tief ausgetretener Kreis beschrieben, und in diesen wagte sich weder Mensch noch Tier, mit Ausnahme der frechen Sperlinge, die vor nichts in der Welt Respekt haben..

Nun ward am zweiten Tage unserer Anwesenheit aus dem Gute bald nach Tisch bemerkt, daß Helene verschwunden war. Man suchte und rief sie im Hause und im Garten, allein es kam keine Antwort. Endlich sah jemand zwei zierliche Kinderstiefel neben dem Kopf des bösen Ketten­hundes, der scheinbar tückisch brütend in seiner Hütte lag. Ein tödlicher Schreck befiel uns alle, als dies bekannt wurde, Frieda (die Mutter) ward leichenblaß und selbst Onkel Nebendahl verfärbte sich. Er ging allein auf die Hütte zu, indem er uns anwies, im Hintergründe zurückzubleiben. Der Hund richtete sich auf, als er seinen Herrn sah, fletschte die Zähne und knurrte bedenklich. In diesem Augenblicke vermochte sich Frieda nicht, mehr zu halten und sie ries mit lauter Stimme §Helene! Helene!"

Da rappelte sich in der Hütte etwas empor, und neben dem zottigen Kopf des Hundes erschien das rosige Angesicht