279

Am 4. Mai erlag Lenbach in seinem Palaste zu München den Leiden, die ihm die letzten Lebensjahre verbitterten.

Vor wenig Jahren ging ihm sein einstiger Freund und Kunst­genosse Böcklin vorauf. Kein Fürst fand bei seinem Tode eine Aeutzerung des Beileids für die Hinterbliebenen des größten deut­schen Künstlers, wohl aber trauerten um seinen Hingang die Künstler von aller Welt Enden und der Genius der Kunst senkte huldigend und trauernd seine Fackel.

Bei Lenbachs Leichenfeier werden die Fürsten nicht fehlen; ehren sie doch sich selbst, indem sie den Meister ehren, der ihnen oder ihren Vorfahren Denkmale gestiftet hat, die Stein und Erz überdauern dürften. Die Größten unserer Nation, die glorreich­sten Fürsten, Führer und Geistesheroen sind durch Lenbachs Pinsel verewigt.

Mit wenigen Strichen läßt sich sein äußerer Lebenslauf zeich­nen und doch tritt in dem schlichten Verlauf seines Lebens gar bald die besondere Gabe hervor, die es ihm erleichterte, aus den einfachsten Verhältnissen stammend, sich zu einer gesellschaftlichen Stellung aufzuschwingen, wie sie vor ihm unter allen Künstlern nur Rubens hatte: Lenbach war keine zaghafte, abwartende Natur, er war lieber Hammer als Ambos und trotzdem er fand, daß des Künstlers Wert einzig durch sein Werk bestimmt werde, so kräftig wußte er sich doch Geltung zu verschaffen, wenn von Toren oder Jntriguanten seinen Arbeiten nicht die gebührende Achtung gezollt wurde.

Lenbach war am 13. Dezember 1836 zu Schrobenhausen in Oberbayern als Sohn eines Maurermeisters geboren. Daß er seine Kindheit in einfachen, ländlichen Verhältnissen, in völliger Unge­bundenheit und Sorglosigkeit verbrachte, mag das gesunde Unab­hängigkeitsgefühl bestärkt haben, mit dem er später sein Leben ge­staltete.

Der Tiermaler Hosner, der sich Studien halber in Schroben­hausen aufhielt, entdeckte und förderte zuerst das Talent des Knaben. Der Vater Lenbachs wollte nichts von der Kunst wissen und bestand darauf, sein Sohn solle beim Handwerke bleiben. Hofner jedoch setzte es durch, daß Franz zunächst in München unter Professor Gräsle studieren durfte.

Von 185557 weilte er in seinem Geburtsorte, arbeitete un­ablässig nach der Natur und wanderte von Zeit zu Zeit nach München, um sich in die alten Meister zu vertiefen, deren genaue Kenntnis ihn: schon damals als die Vorbedingung jedes echten Könnens erschien. 1857 wurde er Schüler Pilotys und dieser gewann ihn bald so lieb, daß er ihn mit nach Italien nahm. Die Führerschaft Pilotys hätte für ihn genau so verhängnisvoll werden können, wie sie es für die meisten Piloty-Schüler geworden ist. Die scharf ausgeprägte Eigenart Lenbachs jedoch schützte ihn früh vor sklavischer Nachahmung und ließ ihn die Leitung des Meisters nur dankbar annehmen, um tiefer in das Verständnis der Alten ein­zudringen.

Nach seiner Rückkehr aus Italien erhielt Lenbach, trotzdem er damals noch ein völlig unbekannter Künstler war, vom Grobherzog von Weimar einen Ruf als Lehrer an die dortige Kunstschule. Der anregende Verkehr mit Begas und Böcklin konnte jedoch Lenbach nicht über die Oede des kleinstädtischen Geistes Hinwegtäuschen, der die Goethe-Stadt beherrschte.

Nach kurzer Zeit verließen er und Böcklin Ilm-Athen und suchten ihr Heil auf anderen Bahnen. Inzwischen hatte Graf Schack den jungen Künstler und seine Meisterschaft im Kopieren alter Meisterwerke kennen gelernt. So ging Lenbach 1863 in Schacks Auftrag nach Italien, und 4 Jahre später nach Spanien, um verschiedenes von Tizian, Giorgione, Velasquez und Rubens zu kopieren. Auf diese Weise entstanden Werke, die noch heute eine Sterbe, der Schaäschen Gallerte bilden.

Dies eifrige. Kopieren der alten Meister legte neben emsigen Naturstudien den, Grund zu Lenbachs verblüffendem Können. 1870 ließ sich der Künstler in München nieder und widmete sich seitdem ausschließlich der Porträtmalerei.

Gewiß war es ein Glück, daß Lenbachs reifstes Können mit Deutschlands glorreichster Zeit zusammenfiel, aber sein Ruhm wurde ihm doch nicht dadurch, daß er die Heroen seiner Zeit malte, sondern einzig, durch die Art, w i e er sie malte. Wäre dem nicht so, so verdienten ja Anton von Werner, Kiesel, Angeli u. a. unmittelbar neben Lenbach genannt'zu werden. Im Jahre 1887 heiratete Lenbach die Nichte Moltkes. Es dürfte aber wieder ein falscher Schluß sein, wollte man annehmen, daß Lenbach erst durch diese Heirat Zutritt zu den ersten Kre.sen fand im Gegenteil, er konnte sich aus diesen Kreisen die Lebensgefährtin wählen, weil er in denselben bereits heimisch war und allgemein höchste Achtung genoß.

Lehnbach ist nicht plötzlich, mit einem Schlage, zum berühm­ten Manne geworden. Langsam, aber sicher hat er Stufe nach Stufe erklommen. Sein geniales Können hat er seinem ununter­brochenen Studium der Alten und der Natur zu verdanken, die besondere Auffassung aber, die in seinen Bildern, lebt, ist Geist von seinem Geist, hat nichts mit den Alten zu schaffen, sondern steht sogar in direktem Gegensatz zu ihnen. Es wäre töricht, wollte man die lebensprühenden, farbenprächtigen Jugendbilder Lenbachs:Vor dem Wetter flüchtende Bauern" oberDer Hirtenknabe" aus der Schackschen Gallerie als einen Beweis anführen, daß er der realisti­schen Richtung habe auf die Füße helfen wollen. Ein Künstler wie Lenbach malt keinem Programm zu leide oder zu liebe: er malt.

was sein Auge entzückt und was seine Seele entflammt, uitb es ist wohl natürlich, daß er als Jüngling sich an der Farbenpracht oder der äußeren Erscheinung berauscht, es ist natürlich, daß er hin und her tastet, sich in diesem und jenem versucht, bis er endlich fühlte, was seine besondere Gabe von ihm verlangt. Und Lenbachs besondere Gabe war die Seelenkunde. Man vertiefe sich in sein Selbstporträt aus den letzten Jahren in die feinen Linien, die Sorge, Enttäuschung, Lebensfreude und Seelenpein in dies geist­volle Antlitz geschrieben haben, man blicke dem Künstler tief in das innig leuchtende Auge da fällt das Banausenurteil:Phantasie­losigkeit!" in sich zusammen und vor uns steht der Idealist, der Mann mit dem scharfen Blick und dem warmen Herzen, der große Psycholog, der die verworrensten Seelenregungen zu entziffern ver­stand, der die Menschen malte, nicht wie Hinz und Kunz sie sahen, nicht einmal wie sie sich selbst verstanden, sondern einzig, wie er sie sah und verstand.

Menschen, die ihn langweilten, malte er entweder gar nicht oder er malte sie in ihrer ganzen geistigen Jämmerlichkeit und ließ sie durch schweres Geld die Pein büßen, die sie ihm bereitet hatten. Andere, die ihn interessierten, malte er umsonst, malte sie zwei- oder dreimal, immer wieder in anderer Auffassung und Stimmung. Man fabelt von den enormen Preisen, die Lenbach für seine Bild­nisse nahm. Er verfuhr auch in dieser Beziehung durchaus souverän und bestiminte die Preise nach den Lebensverhältnissen der Ge­malten oder nach eigener Laune. Nahm er hohe Summen von den Hochgestellten und Reichen, so gab er auch wieder mit vollen Händen jüngeren Künstlern, die der Unterstützung bedurften.

Der einstige Maurerlehrling hatte sich längst eine gründliche, vielseitige Bildung erworben. Gleich den großen Meistern der Renaissance war er ein eifriger Politiker, interessierte sich für wissenschaftliche Forschungen, vertiefte sich immer wieder in die besten Dichter aller Zeiten und studierte mit besonderem Interesse psychologische Werke.

Er bildete sich stets sein eigenes Urteil und wußte seine Ueber- zeugung und seine Begeisterung auch seiner Umgebung mitzuteilen und aufzuzwingen. Ties allein ist der Schlüssel zu der Sieghaftig- keit, mit der er sich neben seiner künstlerischen auch seine gesellschaft­liche Stellung zu schaffen wußte. Durch seine Eigenart ist seine Stellung zu den Alten, sind mehr oder minder auch seine künstleri­schen Vorzüge und Nachteile bedingt.

Wie wir bereits erwähnten, hat Lenbach in Beziehung auf die Technik den Alten sehr viel zu danken. Erinnerungen an Rem­brandt, an Tizian oder Rubens tauchen auf, wenn man vor seinen Werken weilt, aber diese Verwandtschaft ist eine rein äußerliche; im übrigen, d. h. dem seelischen Gehalte nach steht er, wie schon oben erwähnt, in direktem Gegensatz zu den Alten. Tiefe zeichnen sich in ihrer Auffassung durch die strengste Sachlichkeit aus. Ich möchte sagen, sie gebenDas Ting au sich", Lenbach dagegen ist völlig subjektiv, legt eigene Stimmung und Wertschätzung in feine Bildnisse, läßt fort, unterstreicht ganz vom Empfinden des Augenblicks geleitet.

Ihm ist es nicht um die äußere Aehnlichkeit zu tun, ihm liegt nur daran, so viel wie möglich von dem Flüchtigen,Unbestimmbaren, die Form und durchleuchtendemEtwas" zu erhaschen, das man bt* Seele nennt. Er benutzt die Photographie, etwa wie der Ge­schichtsschreiber die Aufstellung dürrer Tatsachen; im übrigen unter­bricht er seine Sitzungen durch längere Pausen, plaudert mit feinen Modellen, sucht sie zutraulich zu machen, regt sie zu offener Aus­sprache an, bis es ihm gelingt, einen Blick in die geheimsten Triebfedern dieser besonderen Seele zu tun. Dieser Begabung haben wir vor allen Dinegn die interessanten Frauenbildnisse zu danken. Soll dereinst dieEntwickelung der Frau int 19. Jahrhundert" geschildert werden, so werden Lenbachs Bildnisse einer der wichtig­sten Faktoren sein unter dem reichen Material, das zu einer solchen Arbeit herangezogen werden müßte. Es sind freilich leider möchte man fast sagen nur die oberen Zehntausend von Len­bachs Pinsel sestgehalten und so eigenartig und verschieden sie alle untereinander sind, die zarten Kinder, die eben erblühten Mädchen, die alten und jungen Frauen, so ist doch den meisten ein Zug ge­meinsam, der einst vielleicht dem Psychologen zu denken geben wird? Etwas vom Geiste des viel berufenenfin de siöele", etwas Müdes, Perverses, Sensibles oder Rätselhaftes ist fast all diesen Frauen eigen. Nur hier und da taucht ein geistvolles Matronen­antlitz auf, das nicht nur von Kampf und Resignation, sondern auch von Sieg zu reden weiß. Kaum je verrät ein Antlitz jugendfrohe Lebensfreude. Da fragt man sich: war dies das eigenste Wesen aller dieser Frauen oder reflektieren sie mit ihrem weiblichen An­passungsvermögen mehr oder minder die innerste Seele des Künst­lers?

Trat Lenbach eine volle, geschlossene Persönlichkeit entgegen, wie in Kaiser Wilhelm L, Bismarck, Moltke, Döllinger, Wagner, Lißzt, so versenkte er sich mit feinstem Verstehen in ihre Eigenart und wußte Bildnisse zu schassen, wie sie sich für immer der Vor­stellung des Volkes einprägen werden.

Leider blieb Lenbach nicht ganz frei von Manier. Je mehr seine Meisterschaft zunahm, mit wenigem viel ausdrücken zu können, um so flüchtiger und skizzenhafter wurden seine Darstellungen, um so eigensinniger ließ er die äußere Aehnlichkeit außer acht und benutzte das Material einzig, um seine eigensten Empfindungen zum Ausdruck zu bringen. Aeußerlich war seit 1870 Lenbachs Leben ziemlich gleichförmig fein Aufenthalt wechselte zwischen München,