215

Rock, ausgeschnittene Schuhe und eine Perlenkette um den Hals und hätte eher für eine andalusische Schöne reinster Abkunft, als für ein hübsches Ladenmädchen aus einer Vorstadt von Madras gehalten werden können. Ihre Gestalt Ivar die verkörperte Anmut; Füße und Hände hätten nicht vollkommener sein können, die Züge waren regelmäßig, um den Mund spielte ein liebliches Lächeln, und die großen, funkelnden Augen glänzten vor Jugendlust. Dieses strah­lende Geschöpf bewillkommnete mich mit einem herzlichen Küß und sagte mit stark fremdländischer Betonung:

Ich bin Eulalie! Wahrscheinlich hat Ihnen Lily be­reits ein Bild von mir entworfen, aber das schadet nichts; ganz so schwarz wie sie mich geschildert hat, bin ich nicht. Sie werden also jetzt auch hier wohnen! Nun, jedenfalls wollen wir alle gute Freunde sein. Tas hier rst Gwen- doline", fuhr sie fort, als ein zweites hübsches Mädchen mit hellbraunem Haar und blauen Augen nun ebenfalls herankam, mich verwundert anstarrte und geziert lächelte. Und hier ist Lola."

Lola sah klug aus, hatte vorstehende Backenknochen und eine dunkle Hautfarbe.Sie ist die Gelehrte unter uns", erläuterte Eulalie kichernd.Alle ersten Preise heimst sie ein, und bald wird sie ihr Doktorexamen machen nnd reich Und berühmt werden."

Als ob man jemals gehört hätte, daß eine Aerztin «eich geworden wäre!" widersprach Lola, den Köpf zurück­werfend. . . .Ta läutet die Tischglocke! Ach ich bin so hungrig, und wenn es heute wieder Curry gibt, dann möchte ich lieber gleich weinen."

O Lola, mein liebes, süßes, goldenes Herzchen! Leih mir acht Anna", rief Eulalie mit bittend erhobenen Hän­den.Ich musst heute abend nach dem Essen unbedingt Noch zur Militärmusik gehen und habe keine einzige Kupfermünze mehr."

Mer Tu schuldest mir ja ohnehin schon zwei Rupien", antwortete Lola streng.

Jawohl, Herzchen! Ich will Tir's ja auch wieder­geben . . . ganz gewiß, sobald ich mein Gehalt bekomme; vorher kann ich es ja doch nicht. Nur noch acht Anna! Bitte, bitte, bitte, liebe, süße Lola."

Ich habe selbst nichts übrig", lautete die kurze Ant­wort, während Lola der Türe zuschritt.

Gwendolin«, Tich brauche ich wohl gar nicht erst zu bitten!"

Und nun richtete Eulalie ihre flehenden Augen auf mich. In meinem Leben hatte ich noch keine solche be­redten Augen gesehen. Ja, ich besaß ein Achtannastück, Und das händigte ich ihr auch! sofort ein, freilich galt die hübsche, ganz ansehnlich aussehende Silbermünze, die früher der indische Schilling war, heute nur noch acht Pence, also etwa achtundsechzeg Pfennig. So war ich denn also kaum zwei Stunden in Frau Rosarios Hause, und trotz der an mich ergangenen Warnung hatte ich bereits Geld ausgeliehen, allerdings nur eine kleine Summe wer hätte aber auch Eulfllies Augen widerstehen können?

*

Eine hinter der anderen traten wir im Sturmschritt ins Eßzimmer ein. Hier überkam mich eine weit pein­lichere Verlegenheit, als ich sie je an Bord des Schiffes empfunden hatte. Tort fah niemand etwas Besonderes an mir, umsomehr aber hier, wo ich die einzige Vertreterin der weißen Rasse war. Ein bestimmtes Gefühl sagte mir, daß meine Ankunft, mein Aussehen und meine Geldverhält­nisse bereits aufs ausführlichste besprochen worden waren, Nno daß alle Blicke sich aus mich richteten, während ich Eulalie und Gwendoline an den Tisch folgte.

Am oberen Ende des langen, schmalen Tisches führte in leichter Musselinbluse, geschmückt mit einem Bernstein­halsbänd, das Gesicht geisterhaft weiß gepudert, Frau Ro- -fario den Vorsitz. Ich hatte den Ehrenplatz! zu ihrer Rechten, während zu ihrer Linken ein dicker, dunkelfarbiger, finster pussehender Mann von etwa fünfzig Jähren saß, der einen Weißen Trellanzug und viele Schmucksachen trug. Das mußte, wenn mich nicht alles täuschte, Friedrich Augustus sein. Mr wären achtzehn Personen, hauptsächlich junge Leute, doch! bemerkte ich auch eine alte Frau und einen ältlichen mageren Herrn. Tas Essen wär reichlich, wenn auch nicht von der besten Qualität: gedämpftes Ochsenfleisch, Gemüse, in Oel gebackene Mehlkuchen; auch das gefürchtete Curry fehlt« nicht. Tie Gesellschaft entwickelte einen kräf­

tigen Hunger, unterhielt fick lebhaft und lachte laut, be­sonders in Eulalies und Gwendolines Nachbaschaft. Zu meiner Rechten saß ein hübscher Eurasier mit kleinem Schnurrbärtchen, tadellosem Hemdkragen, mit Ringen an den Fingern und stark nacy Parfüm duftend der echte Stutzer. Frau Rosario stellte ihn mir als ihren Neffen, Fitz Alan Granville vor.

Mir nennen ibn aber alle einfach Fitz", fügte sie hinzu,und ich weiß, daß er sich freuen würde, wenn Sie es ebenso machten."

Fitz" lächelte verbindlich wobei seine tadellosen Zähne zum Vorschein kamen, und begann sofort eine lebhafte Unterhaltung. Begeistert erzählte er mir, daß er für das Radfahren schwärme und sich soeben ein neues Rad ge­kauft habe. Tann sprach er durcheinander vom Tanzen, Tennisspielen und von hübschen Mädchen.

Sie kennen ohne Zweifel alle Anwesenden hier?" fragte ich während einer kurzen Pause.

O ja, gewiß; die Hälfte davon sind Verwandte von mit", antwortete er, ein nack Moschus duftendes Taschen­tuch entfaltend.Lily ist meine Kusine, und das Mädchen dort drüben mit den roten Bändern und langen Zöpfen ist meine Schwester Jocasta, eine schlagfertige, durchtriebene klein« Hexe."

(Fortsetzung folgt.)

Recht und Sprache.

Aus der Volkstümlichkeit des alten Rechts erklärt es sich, daß in unsere Umgangssprache allmählich viele Ausdrücke aus dem Rechtsleben Lbergegangen sind. Eine gute Zusammenstellung solcher Wendungen gibt der Gießener Professor Günther in seinem bei Grü­now in Leipzig erschienenen, von uns bereits wiederholt erwähnten Buche: Deutsche Rechtsaltertümer in unserer heutigen deutschen Sprache, dem wir nach derKöln. Ztg." einige täglich gebrauchte Beispiele entnehmen. Klage erheben wir heute ohne jede drama­tische Erregung durch einen höchst nüchternen Schriftsatz; einst mußte der in seinem Recht Verletzte tatsächlichMage erheben" und mit lauter Stimme, mit Wehgeschrei das vorbringen, wodurch er sich gekränkt fühlte. Tie Aus­drückeFeuerprobe",für einen durchs Feuer gehen",weiß brennen",Gift auf etwas nehmen", werden, wie bekannt, von den uralten Beweismitteln des germanischen Rechts, den Gottesurteilen, abgeleitet; von dem Gottesurteil durch Zweikampf rührt aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Redensart her:einem die Stange halten"; sie be­zieht sich auf den vom Richter bestellten Aufseher, den Märtel, der als Sekundant die Kämpfer nötigenfalls mit seiner Stange zu trennen, namentlich aber eine solche zum Schutz über den zu halten hatte, der zu Fall gekommen war. Humoristisch gebrauchen wir heute die rätselhafte Wendung:Manschetten vor etwas haben"; dabei ist an die Handschellen zu denken, die der Henker dem bang erschauernden armen Sünder vor dem Gang zum Richt­platz anlegte. Vom Ricktplap stammt das Wortr a brechen", das heute nickt mehr an Menschen, sonder vornehmlich an fremden Sprachen verübt wird, und die Redensart:über jemanden den Stab brechen". Nach neueren Forschungen bedeutet das Stabbrechen nicht so­wohl, wie bisher angenommen wurde, den Tod des Ver­urteilten, sondern das Urteil selbst; indem der Richter seinen Amtsstab zerbricht, deutet er an, daß der Verbrc _r bei ihm kein Recht und keinen Schutz mehr finden weroe; die durch den Richter vertretene Rechtsgemeinschaftbricht" mit dem Verurteilten und stößt ihn von sich aus. Auf die Symbolik der altgermanischen Besitzübergabe ist die Wend­ung ,/duf einen grünen Zweig kommen" zurückzu- führen, denn einst wurden die Landübertragungen durch Uebergabe einer Hand voll Erde oder einer Erdscholle, in die ein Zweig gesteckt war, vollzogen, zum Zeichn, daß der Boden und alles, was darauf gewachsen, nun dem neuen Erwerber gehöre.Unter den Hammer kom­men" noch heute schwingt der Auktionator den Hammer, indem er so wenig an den rotbärtigen Gewittergott denkt, wie ein Laternenanzünder an Prometheus; der Hammer^ die geheiligte Waffe Dors, spielt im deutschen Besitz- und Eigentumsrecht eine große Rolle, der Hammerschlag ist daÄ Bekräftigungszeichen für den rechisgiltigen Uebergang des Eigentums. Ein Seitenstück dazu ist das Fre'mdwort Sub-