447

Wenn Du es wünschest, werde ich es natürlich tun; aber sie wird uns vielleicht ein wenig stören. Ich hoffte, daß Du uns Helsen würdest bei den Frauen"

Auf Ettas Gesicht erschien ein sonderbares Lächeln.

Gewiß, gewiß!" sagte sie.Es ist so hübsch, wenn man mit seinem Gelde Gutes tun kann."

Paul blickte sie mit seinen ernsten Augen an, sprach aber nicht.

Er wußte, daß seine Frau klüger und gescheiter war als er, und hoffte in seiner Einfachheit, daß er diesen überlegenen Geist für das Wohl der Bauern von Osterno würde verwenden können.

Osterno ist nicht häßlich", sagte er.Es ist ein sehr schönes Schloß, eines der schönsten Schlösser von Europa. Bor meiner Abreise gab ich Befehl, Deine Zimmer in Ordnung zu bringen, denn ich möchte, daß es Dir dort gefällt."

Gewiß wird es mir gefallen, lieber Paul", ant­wortete sie mit einem Blick auf die Nhr; der Wagen sollte um ein viertel auf elf vorfahren.In gesellschaftlicher Beziehung werden wir jedoch gewiß ziemlich isoliert sein", fuhr sie fort.Es wohnen wohl einige Leute in der Nach­barschaft?"

Unsere nächsten Nachbarn sind die Lanowitfch", sagte Paul ruhig.

Wer?"

Tie Lanowitfch? Kennst Du sie?"

Woher soll ich sie kennen?" fragte Etta in scharfem Tone.Aber der Name kommt mir bekannt vor; haben sie nicht auch in Petersburg gewohnt?"

Ja, das war der Gras Stephan Lanowitfch", ant­wortete Paul.

Etta blickte ihn jetzt mit einem munteren Lachen an, vielleicht war es etwas gar zu munter, auch ihre Augen glänzten übernatürlich. Sie wußte, daß sie ein schönes' Kleid trug, sie war sich ihrer unvergleichlichen Schönheit bewußt und trotzte daher der Welt, wie ein sehr gut be­waffneter Mann.

Ich bin wirklich eine Musterfrau, daß ich mich Deiner Tyrannei unterwerfe und mich mitten im Winter in Ruß- land begraben lasse", sagte sie.Du darfst jedoch nicht erwarten, daß ich mit Deinen russischen Freunden sehr intim sein werde; ich weiß noch nicht recht, ob ich die Russen liebe", fuhr sie fort, indem sie auf ihn zutrat, beide Hände leicht auf seine breite Brust legte und zu ihm aufblickte. Besonders russische 'Fürsten, die ihre Frauen tyrannisieren. Du kannst mir jedoch einen KUß geben, aber vorsichtig! Jetzt muß ich mich fertig machen, wir kommen ohnehin zu spät."

Cie griff nach Fächer und Handschuhen; denn sie hatte das Paar, das ihr nicht zu passen schien, übellaunig wieder abgezogen.

Wirst Du also Nelly einladen, mitzukommen?" fragte sie, bereits in der Türe.

Ja", antwortete er.Aber warum soll ich sie eigent­lich einladen?"

Weil ich es so haben will."

(Fortsetzung folgt.)

Jahresbericht des Gießener Tierschnßbereins

für das Jahr 1903/3.

Ter Vorstand hielt im Hotel Schütz an den nachstehen­den Tagen Sitzungen ab: am 20. Juni, 17. Oktober, 2. De­zember, 20. Februar und 15. Mai. Besucht waren sie durch­schnittlich von 41 Prozent der Mitglieder, 10 Prozent fehlten entschuldigt. Erwägt man, daß nur 51 Prozent die Summe ^regelmäßigen Besucher bilden, sv kommt man unwill- kurnch zu dem Schluß: 49 Prozent des Ausschusses blieben den Satzungen fern. Führt man, eingedenk der großen An- forderungen unserer Tage, an die Kraft und Zeit vieler, zu rhren Gunsten gleich jeben _ erdenklichen Grund ins Feld, Interesse fehlt! läßt sich dennoch nicht völng dampfen.

Eöie im vorigen Jahre, so haben wir auch diesmal eineu Rückgang der Mitgltederzahl nnseres Vereins zu verzeich- nen; denn im Laufe des Jahres 1902 traten aus oder schieden durch Wegzug oder durch den Tod 21 Mitglieder aus, sodaß die Zahl von 367 auf 346 gesunken ist. Dieser Rückgang steht mit dein Aufblühen Gießens im Widerspruch. Tod und Wegzug schwächen uns und die jungen Bürger und

die neu Zugezogenen sind allzu bescheiden, sich freiwillig als Mitglied anzumelden. Rühren wir darum die Werbe­trommel! Offene Ohren und reichende Hände werden sich noch finden lassen für unsere gerechte Sache.

Was wir anstreben, möchte ich an dieser Stelle mit den Worten des Prof. Dr. V. Wiedmann darlegen:Wir wollen die Tiere schützen gegen Willkür und Grausamkeit, gegen leichtsinnige, mutwillige und boshafte Quälerei und Miß­handlung, wir suchen von der Verfolgung nützlicher oder verkannter Tiere abzuhalten, wir treten ein für möglichste Schonung der Tiere beim Transport, Fangen und Töten, für gute Behandlung der Haustiere, für Erhaltung der Sing­vögel und anderer in ethischer, wissenschaftlicher und volks­wirtschaftlicher Beziehung wichtiger Mere, wir suchen Gesetze und Verordnungen im Sinne unserer Bestrebungen zu er­wirken und die Bestrafung der Uebertretung dieser Vor­schriften herbeizuführen; wir wollen durch den Tierschutz zugleich einen sittlich hebenden und erziehenden Einfluß auf die Menschheit, insbesondere auf die Jugend, ausüben und der Roheit steuern. Dabei halten wir uns aber fern von überschwenglichen und sentimentalen Bestrebungen, wir wollen nicht das Tier dem Menschen gleichstellen, sondern wir sind der Ansicht, daß überall da, wo es das berechtigte Interesse des Menschen) sei es wissenschaftlicher oder prak­tischer Art, unbedingt verlangt, dem Menschen die Benutzung und Tötung des Tieres freisteht."

Wer obigen Grundsätzen zustimmt, sollte den Mindest­beitrag von 1 Mk. nicht scheuen, sondern unverweilt unser Mitglied werden und so selbst beitragen zur Besserung des Loses der Tierwelt, zum Vorteil der Menschheit. Anmeld­ungen nehmen unser Vorsitzender, Rektor Hahn, sowie die übrigen Vorstandsmitglieder gerne entgegen.

Eine kleine Aenderung trat int Vorstand insofern ein, als Schlachthofdirektor Dr. Liebe und Oberlehrer Prof. Wiederhold durch Kooptation neu in ihm ausgenommen wurden.

Ter Vorsitzende verteilte die eingelaufenen Zeitschriften, Jahresberichte und Flugblätter unter die Mitglieder des Preßausschusses mit dem Ersuchen, sie zu lesen und später kurz oder auch in längerem Vortrage wichtige Artikel oder wertvolle Aufsätze zur Kenntnis des Vorstandes zu bringen. Mit Eifer unterzogen sich die Herren dieser Aufgabe. Hier­durch wirkten sie anregend auf den Ausschuß ein.

Im Laufe des Jahres wurden zwei Vorträge gehalten. Hauptlehrer Knauß sprach über Tierquälereien in Haus und Küche, .der Berichterstatter zur Katzenfrage.

Lehrer Fritzel erstattete den Bericht über die einge!- reichten Tierschutzkalender für das Jahr 1903. Als die weit­aus besten bezeichnete er den Kalender des Berliner Tier­schutzvereins und den Kalender vom Verbände der Tier­schutzvereine des Deutschen Reiches. Daraufhin bezogetr wir von ersterem 2350, von letzterem 1250, insgesamt 3600 Exemplare. Von jenen erhielt das Gymnasium 150, das Realgymnasium und die Realschule 400, die Höhere und Erweiterte Mädchenschule 600, die Knabenschule 600 und die Mädchenschule 600. Die 1250 Verbrauchskalender kamen den Mitgliedern und den Unterklassen der Volksschule zu gut.

Wie in den Vorjahren, so kamen auch diesmal Prämien zur Verteilung an Gendarmen und Schutzleute für Anzeigen über Tierquälereien, die die Bestrafung der Schuldigen herbeiführten. Tie Gendarmerie erhielt 50 Mk., die Schutz­mannschaft 90 Mk. Dank beiden für ihre Wachsamkeit, ihren Vorgesetzten für das Entgegenkommen!

Was den Vogelschutz betrifft, fo arbeiteten wir atlch im verflossenen Winter in der bewährten Weise. Unsere zahlreichen Futterbretter sowie die Futterhäuschen versah der Vereinsdiener bei Frost und Schnee gewissenhaft mit Futter. Verfüttert wurden 5 Ctr. 20 Pfd. Vogelfutter im! Betrage von 94.20 Mk. Dankbar heben wir noch die Für­sorge vieler Bewohner Gießens für die darbende Vogelwest hervor.

Leider verschwinden die natürlichen Nistplätze mehr und^ mehr von bett Fluren. Daher bezogen wir aus der Fabrik von Berlepscher Nistkasten zu Büren i. W., Inhaber H.Scheid, 120 Stück Nistkasten mit Zubehör für Meisen, Rotschwänz­chen usw. im Betrage von 77.21 Mk. Teils haben wir sie in den Anlagen Gießens aufhängen lassen, teils unentgeltlich an Private abgetreten. Sie haben sich nach Aussage meh­rerer Beobachter sehr bewährt.

Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Curschmann hat unferm