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Ja von unfreiwilligem Humor hat derselbe Autor sich fernhalten können in der Strophe:
An des Reiches festen: Turme, An des ganzen Volkes Wohl Frißt -gleich einem gift'gen Wurme Der Verderber Alkohol;
Er vernichtet Frucht und Blüten, Die der Frühling uns versprach, Und sein unbarmherzig Willen Ruft das Tier im Menscheu wach !
Da versteht Bruno Hüttchen-Berlin die Sache doch Mit besser. In seinem Lied heißt es flott und frisch:
Russen und Studentinnen an der Heidelberger Universität.
„Da sind in Heidelberg jetzt mehr als hundert russische Studenten. Alle studieren Chemie, Physik, Physiologie — und von etwas anderem wollen sie gar nicht reden hören. Es werden kaum fünf, sechs Jahre vergehen und es werden kaum noch fünfzehn meiner Landsleute die Vorlesungen dieser berühmten Professoren hören . . . Ter Wind wird sich ändern und den Rauch und Dunst auf eine andere Seite werfen . . . Dunst . . . Dunst. . . Dunst!" So pessimistisch läßt ums Jahr 1862 Iwan Dur gen je ff den Helden fernes Romans „Dunst" Litwinoff über seine Landsleute urteilen, wie er sie, die Frage von der Bedeutung und Zukunft Rußlands diskutierend, in Baden-Baden kenrren lernt im Ban,re jenes dunklen Ehrenmannes Gubareff. Der große Romancier hat doch wohl zu schwarz gesehen. Das Interesse der russischen Jugend an den naturwissenschaftlichen Studien und speziell für die Heidelberger Professoren hat dre -gewährten, „fünf, sechs Jahre" überdauert. Seitdem sind vier Jahrzehnte vergangen, und immer hat es in Heidel- berg eine, mit kleinen Schwankungen, zahlreiche Kolonie russischer Studenten gegeben, und, weit entfernt, abzunehmen, hat sie sich gerade in den letzten Fahren bedeutend gesteigert dadurch, daß die Ruperto-Carola — als erste an allen reichsdeutschen Hochschulen — den Frauen das Univer- sitätsstudium eröffnete. ' Seitdem hat sich der Strom russischer Studentinnen, der sich bis dahin den Hochschulen der Schweiz und auch Frankreichs zugewandt, auch nach Heideb- berg ergossen, seit zwei Semestern umsomehr als man ihnen an den preußischen Universitäten neuestens Schwierigkeiten in den Weg legt. Zwar immatrikuliert und so als vollberechtigte „Kommilitonen" behandelt werden sie auch in Heidelberg nicht. Das Abgangszeugnis der russischen Mädchen-Gymnasien wird eben einem deutschen Maturitätsexamen nicht gleich gewertet. Aber als „Hörerinnen" heißt man sie hier willkommen. Die so mindere Rechtsstellung hindert sie in praxi an der Freiheit des akademischen Stu- drums keineswegs. Nur erlaubt es die jetzt übliche Art der Publikation der Universitätsstatistik nicht, sie zählenmäßig zu erfassen. Sie befinden sich eben unter den „62 Hörerinnen" in diesem Sommersemester; nur wenige Nicht- Russinnen werden darunter sein außer den 21 Damen aus Baden. Wie viele „Hörer" aus Rußland gekommen sind, läßt sich ebenfalls nicht ersehen. Jinmatrikuliert sind 92 Russen. 30 studieren davon Medizin, 26 Naturwissenschaften, 28 phylosophische Fächer und 8 Rechtswissenschaft. Man wird die Gesamtzahl der hier in diesem Sommer studierenden russischen Staatsangehörigen auf 150 bis 160 veranschlagen dürfen. Die Gesamtzahl der zum Hören an Vorlesungen Berechtigten beträgt 1884. Doch treten diese acht Prozent Russen im hiesigen akademischen Leben weit über ihren zahlenmäßigen Anteil hervor. Hauptgrund: Sie halten sich wirklich „studierenshalber" hier auf. Das Urvorrecht des deutschen Studenten, das „Schwänzen", ist bei ihnen verpönt; und außerdem haben sie sich für eine Menge Vorlesungen eingeschrieben; manche hören von ftüh bis spät mit bewuudernstverter Regelmäßigkeit und Ausdauer. Ihre beliebtesten Professoren find KUns, Fischer, Windelband, Jellinek und Thode. In dichten Reihen sitzen sie, Männer und Frauen, in deren Kollegien. Ob sie hier noch eine eigene russische Zeitschrift Herausgeber:, wie in Turgenjeffs Erzählung, ich glaube nicht. Dagegen haben sie sich seit vielen Jähren in der Märzgasse ein russisches Lesezimmer eingerichtet. Eine edle Kameradschaft regiert auf Grund der gemeinsamen kulturellen Bestrebungen zwischen den beiden Geschlechtern. Man wohnt meistens in Pensionen oder vereinigt sich doch an gemeinsamer Mittagstafel! in Privathäusern. Ein Verkehr in Gasthäusern findet o gut wie gar nicht statt. Eine abgeschlossene Kolonie, die ihr Sonderdasein führt auf fremder Erde. Anders die deutschen Studenten in Grenoble, Gens oder Paris und London, die gerade in der fremdländischen Gesellschaft untertauchen und im Prinzip den Verkehr mit Landsleuten meiden. Es fehlt eben den Russen das philologische Interesse det Konversation. Es sind auch gewisse Straßen, die sie bevorzugen, den Neuen Stadtteil zwischen Bahnhof und Friedhof. Sie bekunden demnach einen frischeren, fröhlicheren Natursinn als unsere heimischen Studenten, die selbst im Sommer d:e dumpfen, modrigen Stuben in den Winkelgassen der Altstadt beziehen, in denen schon Generationen ihrer Ver
bindungsbrüder gehaust, die j:e allerdings gleichfalls nur als „Schlafstellen" benutzen.
Stärker als das Geschlecht erweist sich die nationale Zusamnlengehörigkeit. Kein Commercium besteht zwischen den russischen und den deutschen Studentinnen. Sie ignorieren sich völlig. Die Russen verkehren ausschließlich unter sich, uno andererseits die Deutschen, und auch bei den Deutschen die Kameradschaft von Student und Studentin. Ausschließlich Deutsche sind als Studentinnen rite immatrikuliert. Es sind im laufenden Semester ihrer 30, von denen 13 erst in diesem Sommer hierher gekommen sind, 16 sind in der medizinischen, 11 in der philosophischen, 2 in der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät eingeschrieben; 1 Dame studiert Nationalökonomie. Der Staatsangehörigkeit nach find von den Damen 14 Preußen, 9 aus Baden, 3 aus Sachsen, je 2 aus Bayern und Hessen. Von den Badenerinnen widmen sich drei der „Philosophie", 5 der Medizin und 1 der Zahnheilkunde.
Noch ein Wort über das Aeußere, doch für Frauen nicht Aeußerliche, die Toilette. Die studierenden Damen bekennen sich durchweg zur Einfachheit. Selbst die man später auf der Straße oder im Konzert als „grande dann" gekleidet trifft, auf dem Weg zum Kolleg befleißigt sie sich! unscheinbarer Gewandung. Bei den Deutschen hat das Reform kleid gesiegt. Von den Russinnen aber wird es verabscheut: bei ihnen herrscht ausschließlich noch Korsett, Bluse und Rock, in der Regel in geschmackvollem Arrangement; die nachlässigen und schmierigen Typen, wie sie Johannes Scherr aus dem Zürich der 70er Jahre schildert, trifft man glücklicherweise höchst selten.
Das Semester geht zu Ende. Die Russen rüsten sich zur Heimkehr. Doch mancher bleibt hier, muß hier bleiben, weil am Tore der Heimat für ihn der Wegweiser aufgerichtet steht, der nach — Sibirien zeigt, wohin der Freund, der Bruder oder die Gattin bereits „administrativ verschickt" sind ob des Verbrechens, den Strahl westlicher Kultur geleitet zu haben in die Kirchhofsruhe des heiligen Rußland.
Heidelberg ist nicht blos die „Stadt fröhlicher Gesellen . . . ." H- H-
Alkoholfreie Trinklieder
wird man in den nächsten Tagen in Berlin zu hören bekommen. Der er st e deutsche Abstinententag wird nämlich vom 8. bis 10. August in der Reichshauptstadt seine Sitzungen abhalten, in denen u. a. der bekannte Psychiater Pros. Dr. Forel, sowie Eisenbähndirektor de Terra, der Gründer des Vereins abstinenter Eisenbahner, sprechen werden. Natürlich. fehlt es auch üicht an geselligen Festlichkeiten, und aus ihnen werden dann herzerhebende Lieder zum Preise der Enthaltsamkeit gesungen werden. Ob während des Gesanges dieser Carmina dieselbe Begeisterung herrschen wird, wie wenn Hunderte froher Keheln das „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun" oder das „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein" anstimmen, das läßt sich ja jetzt noch nicht sagen. Aber so ganz leicht haben es die Festdichter ihren Gesinnungsgenossen nicht gemacht, in die rechte frohe Stimmung zu kommen: dazu sind ihre poetischen Produkte viel zu didaktisch, zu polemisch gehalten. So singt beispielsweise Hubert Röver-Hamburg:
Kamps der Sitte, die nur Wehe, Leid und Gram den Menschen bringt, Die ins Heiligtum der Ehe, Zwischen Kind und Eltern dringt, Die dem Volke Milliarden Steuern jährlich auserlegt. Und trotzdem von Wirtshausbarden
Wird gepriesen und gepflegt!


