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„Sogleich", sagte Fräulein Bassett ruhig. „Mer darf ich zuerst noch etivas mit Ihnen besprechen?"
„O gewiß, wenn es nicht zu (äuge dauert." Und ihr Filzhütchen ans den Tisch werfend, setzte sie sich nieder, während des ernsten Teils der nun folgenden Unterredung ungeduldig mit den Knöpfen ihres Reitkleides spielend.
Fräulein Bassett begann in nervöser Erregung zu sprechen, denn nun stand eine Krisis bevor, auf die sie große Hoffirungen gesetzt hatte: „Ich hoffe, Sie erkennen an, Fräulein Graham, daß mein Amt hier bei Ihnen kein leichtes war. Jetzt, da ich dessen Errde herannahen sehe
— Ellinor blickte auf, errötete, widersprach aber nicht — „muß ich Sie darair erinnern, wie sehr ich mich bemüht habe, treu uud ehrlich bernüht habe (Minors hübscher Mund verzog sich zrr einem ironischen Lächeln), Ihre Manieren, und Ihre Sprechweise in einer Weise zu leiten, daß Sie sich mit Ehren in den englischen Kreisen Bewegen konnten."
„Ich danke Ihnen sehr, daß Sie es getan haben und mich so freundlich daran erinnern", brauste Ellinor aus — denn Fräulein Bassetts beständige „Leitung" hatte sie den ganzen Sommer über unbeschreiblich belästigt. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie meinerseits daran erinnere, daß Ihre Dienstleistungen außerordentlich gut bezahlt wur- den. Wenn Papa herüber kommt, und — andere Einrichtungen getroffen sein werden, werde ich zweifellos rm stände sein. Sie zu entlassen."
Fräulein Bassett verfärbte sich. Sie hatte vorher noch anderes zu regeln, deshalb suchte sie sich jetzt mit Gewalt zu beherrschen.
„Ich glaube", sagte sie, „wir müssen noch eine Angelegenheit ordnen, ehe ich — entlassen werde, wie Sie sagen. Mein Gehalt, dessen Sie gütigst erwähnten, mag vielleicht ungewöhnlich hoch scheinen rm Vergleich zu den Pflichten, die ich zu erfüllen habe. Mer ich muß Ihnen deutlich sagen, daß dieses Gehalt, das ich fünfundzwanzig Jahre lang von Frau Graham, seit fünf Monaten von Ihnen empfing, zugleich eine Bezahlung für Wichtigeres war, als es die Dienste einer Gesellschafterin sind."
„Nun?" fragte Ellinor, als Fräulein Bassett inne hielt, um tief Atem zu schöpfen.
„Für die Bewahrung von Frau Grahams Geheimnis, das auch das Ihrige ist."
" „Mein Geheimnis?" rief Ellinor, ihren Stuhl heftig zurückstoßend, als ob sie fürchte, die Sprecherin habe plötz- kich den Verstand verloren. „Welch' abgeschmackte Erzählung ist' dies? Ich habe kein Geheimnis, für dessen Bewahrung Sie bezahlt werden müßten."
„Eine kleine Aufklärung, und Sie werden anders denken", war die zuversichtliche Entgegnung. „Ein Mann — ich. kann ebensogut sagen, ein Ehemann — würde sicher wünschen, die betreffende Sache geheim zu halten; ich sage, es wäre am besten, sie dem Gatten selbst vorzuenthalten. Meiner Ansicht nach besteht keine Notwendigkeit für Sie, _ einem Manne, der vielleicht auf seine eigene Familie stolz ist, gleichsam die Masse der Geringschätzung für die Ihrige in die Hand zu geben."
„Geringschätzung für meine Familie?" wiederholte Ellinor, sich erhebend und mit verschränkten Armen stolz und trotzig vor Fräulein Bassett hintretend. „Bitte, Fräulein Bassett, was können Sie mir oder meinem — meinem Gatten oder sonst jemandem sagen, worüber wir Grahams uns zu schämen hätten?"
„Nun", begann Fräulein Bassett langsam, „ich könnte Ihnen sagen, daß die Mutter der Grahams ein gewöhnliches Landmädchen war. in einer Hütte geboren, und in Armut ausgewachsen, die Tochter eines Mannes, der weit und breit als der geschickteste Wilderer bekannt war, dessen Söhne aber vollauf den Titel verdienten, den ihnen Oberst Mellin beigelegt, als er sie die unverbesserlichsten Schurken nannte, die jemals ungehenkt Herumliesen! Ich weiß", fuhr Fräulein Bassett hastig fort, denn Ellinors Augen verrieten einen Sturm von widerstreitenden Gefühlen, obschon das junge Mädchen sich totenbleich wieder niedergesetzt hatte — „ich weiß, dies ist nicht Ihre Schuld, und es wäre hart, wenn Sie dafür leiden müßten. Mer Sie würden schwer dafür zu leiden haben, wenn diese Sache in die Oeffentlichkeit käme. Ich habe indessen kein Verlangen, es bekannt, zu machen, daß Tora Stirling Ihre Mutter ist."
"Stirling?" wiederholte Ellinor, „die Tochter jener
„Ja, jener armen, alten Frau, die Sie schon mehrmals besucht haben. Sie ist genau, so mit Ihnen verwandt, wie es Frau Graham war."
Ellinor blickte an die Wand des Bibliothekzimmers, wo jener reichen Großmutter Bildnis hing, scheu und stolz, gegenüber den mehr zarten Zügen ihres früh verstorbenen Gatten. Konnte man dieser Erzählung Glauben schenken? — dachte sie verwirrt. Lag hier die Erklärung jenes leicht erkennbaren, aber schwer zu beschreibenden Unterschiedes zwischen ihren Eltern, der ihr so oft aufgefällen war? War dies der Grund, warum ihr Vater fern von seinem Vaterland lebte und seinen Kindern nie von ihren fernen Verwandten sprach, noch ihnen zu sprechen erlaubte? Arm und ungebildet war ihre Mutter gewesen? „Schurken" nannte man die Männer ihrer Familie? Ein solch' doppelter Makel tvürde in der englischen Gesellschaft nie übersehen werden, darüber war Ellinor sofort sich klar.
Schweigend dachte sie einige Minuten über ihre Lage nach — Minuten, die Fräulein Bassett fast eine Ewigkeit dünkten. Endlich schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben.
„Sind Sie vollkommen von der Wahrheit Ihrer Aussage überzeugt?" fragte sie.
„Vollkommen."
„Wie kam es, daß Sie davon erfuhren, und sonst niemand?"
Der Ton war herrisch, wie der einer echten Graham. Fräulein Bassett's erste Neigung war, sich beleidigt zu zeigen; aber sie besann sicy eines Besseren.
„Ich kam etwa einen Monat nach dem Weggehen Ihres Vaters hierher", antwortete sie. „Ich ivar in diesem Zimmer anwesend, als Ihre Großmutter seinen Brief erhielt mit der Nachricht, daß er das Mädchen, das er liebte, geheiratet habe. Es war ein fast tötlicher Schlag für sie, und in ihrer ersten Schwäche und Erschütterung teilte sie mir den Inhalt des Briefes mit. Obgleich sie der verkörperte Stolz war, tvürde es sie, glaube ich, getötet haben, ihren Kummer allein zu. tragen."
„Und Sie waren Ihre einzige Vertrante?"
„Die einzige."
„Warum teilte man den Stirlings nichts hiervon mit?" —
„Weil Ihr Vater der echte Sohn seiner Mutter ivar. Er konnte eine niedere Heirat schließen, die ihr fast das Herz brach; er konnte auf die Hoffnung verzichten, einst ihren Reichtum zu erben, aber diesen einen armseligen Trost gab er ihr aus eigenem Antrieb. „So lange Du lebst", schrieb er, „wird keine Seele in England erfahren, wer meine Frau ist. Ich verspreche dies in ihrem und meinem Namen." Und daratr haben sie festgehalten und wütrschen dies ohne Zweifel auch für die Zukunft zu tun."
Ellinor's ausdruckvolle Züge zeigten ein Gemisch von Schmerz und Scham, als sie jetzt die Frage stellte: „Also jene einsame alte Frau Ur der Hütte da drunten weiß nicht, wo oder wer ihre Tochter ist?"
„Nein", versetzte Fräulein Bassett eifrig. „Sie weiß gar nichts."
„Dantr", sagte Minor, und erhob sich latrgsam, denn der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken, „dann ist es Zeit, daß sie es erfährt. Ich iverde hingehen, und ihr alles sagen!"
„Fräulein Graham!" rief Fräulein Basfett heftig. — Denn alle Entschädigung für das Erbteil, das ihr entgangen, alle die großartigen, gewinnbringenden Pläne, die sie auf diese Eröffnung gebaut hatte, schienen sich in Mchts aufzulösen. „Bitte, bedenken Sie erst, was Sie tun wollen! Es hat nicht den geringsten Zweck, die Sache bekannt zu machen. Lassen wir sie ruhen. Ich kann das Geheimnis für Sie ebensogut bewahren, wie ich es für Frau. Graham tat."
„Für die gleiche Bezahlung?"
„Ja", stimmte sie sehr eifrig bei, erfreut über die erneuerte Aussicht auf jenes behagliche Einkommen.
„Und es auch vor meinem — meinem Gatten geheim halten?"
„Ganz etitschieden."
„Dann werde ich Sre „ganz entschieden" zu nichts Derartigem verpflichten!" rief Minor verächtlich. „Ihre Mitteilung ist teilte angenehme, das gestehe ich. Aber ich bin nicht so feige, um noch längeres Schweigen zu erkaufen


