Moncag den 29. Juni.
Nr. 95.
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(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clara R h e i n a u.
(Fortsetzung.)
„D, dies ist aber wirklich nicht der Fall", rief Minor sehr bestimmt. „Ich habe sie schon oft in dem kleinen Gefach mit der Aufschrift „postlagernd" auf dem Postamt liegen sehen. Deshalb geht er auch wahrscheinlich so oft nach Bcarsord hinüber, und so dachte ich ihm einen Weg zu sparen."
„Sehr liebenswürdig von Ihnen", sagte Frau Wilson. „Aber Sie sind entschieden besser über seine Angelegenheiten unterrichtet als ich", fügte sie in etwas scharfem Tone bei, der Ellinor erschreckte.
„Nun, schelten Sie aber nur nicht mit ihm", bat sie schmeichelnd, besorgt, ein Geheimnis verraten zu haben; „es ivird irgend ein ausländischer Freund sein, der ihm auf diese Weise schreibt. Bitte sprechen Sie doch nichts mehr darüber."
„Nun, so will ich es nicht tun, wenigstens nicht jetzt", versprach! Frau Wilson gutmütig. Wenn Ellinor nicht eifersüchtig war, warum sollte sie es sein? Nichtsdestoweniger grübelte sie nach der Entfernung der jungen Dame etwas unbehaglich über die Neuigkeit nach und besann sich, wie sie den Namen des unbekannten Brief- schreibers erfahren könne. Ein günstiger Znfall wollte, daß ihre Neugierde sehr bald befriedigt wurde.
Ihn die Mittagszeit kehrte Richard kotbespritzt von seiner Arbeit heim. Nachdem er seine Kleider gewechselt hatte, setzte er sich an den Schreibtisch in seinem eigenen Zimmer, um seinen zweiten wöchentlichen Brief an Aimee abzufassen. Heute fiel ihm diese Aufgabe doppelt schwer, denn wieder mußte er von einem neuen Aufschub melden. Zweimal begann er seine Epistel, zerriß aber jedesmal die unvollendete Seite in kleine Stücke. Dann schrieb er die Adresse auf die Brieshülle und begann zum drittenmal. Aber kaum hatte er die ersten Worte „Meine Liebe" geschrieben, als er hinunter gerufen wurde, um mit dem Berlvalter von Westfields zu sprechen.
Er eilte hinaus, die Türe weit offen lassend, so daß seine Schwester, die eben über den Vorplatz ging, seine beschmutzten Kleider gerade vor Augen hatte.
„Unordentlicher Mann!" murmelte sie vor sich hin und betrat das Gemach in der Absicht, Ordnung zu schaffen. Ihr erster Blick fiel auf die weiße Briefhülle mit der Adresse:
„Fräulein Forest
St. Marienhaus
Brüssel
Prinzenstraße" —
und in einem Augenblicke wurde ihr klar, daß dies die Schreiberin von Richards postlagernden Briefen war.
Einige Sekunden betrachtete sie die Adresse, die sie sich, fest ihrem Gedächtnis einprägte. Dann warf sie einen forschenden Blick auf die zerrissenen Bogen und in den gerade begonnenen Bries.
In sehr unbehaglicher Stimmung suchte sie das Speisezimmer auf, entschlossen, ihren Bruder am Nachmittag zu einer Spazierfahrt zu bereden und bet dieser Gelegenheit volle Aufklärung von ihm zu verlangen. Mer dieser Plan sollte ihr gänzlich durchkreuzt werden.
Oben in seinem Zimmer hörte sie ihren Bruder herumhasten, und als er sehr bald herunterkam — in den wenigen Minuten hatte er ein paar Zeilen an Aimee aufs Papier geworfen — rief er nur an der Türe seiner Schwester zu, sie möge mit dem Essen nicht auf ihn warten. Seine Anwesenheit in Westfields sei dringend nötig, um mit Oberst Mellin, der bereits dort angekommen sei, gewisse Wassergrenzen festzustellen. Wahrscheinlich werde er auch noch nach Vearford hinüber gehest, zum Wendessen aber wieder zu Hause sein.
„Also bis dahin lebe wohl, sagte Frau Wilson, deren Miene sich bei der Erwähnung Bearfords verdüstert hatte. Richard sollte und mußte ihr dieses Geheimnis erklären, ehe es viele Stunden älter war, und sie würde vermutlich ihren Willen dnrchgesetzt haben, hätten ihr nicht die nächsten Stunden eine schwere Sorge gebracht, die für eine Zeit lang die kleinere Unruhe gänzlich in den Hintergrund drängte.
Jnzlvischen kehrte Ellinor, noch immer in heiterster Stimmung, von ihrem Morgenritt zurück. Sobald sie das Haus betreten hatte, begann sie eine Reihe von Fragen: „War Herr Morgan hier gewesen? Hatten die Diener ihn gesehen? Hatte Harris nicht gesagt, ob er diesen Nachmittag käme?"
Als sie von Herrn Morgans Verabredung mit Oberst Mellin hörte, betrat sie rasch das kühle Bibliothekzimmer, in das sich Fräulein Bassett zurückgezogen hatte, und kündigte dieser an, daß sie sich ebenfalls bei dem Zusammentreffen einsinden werde. „Bitte, klingeln Sie", fuhr sie fort, „und geben Sie Austrag, daß man rasch etwas zu essen hierher bringe."
Fräulein Bassett legte das Erbaunngsbuch bei feite, in dem sie gelesen hatte, und heftete ihre harten grauen Augen auf die junge Herrin des Hauses.
„Das Gabelfrühstück wird zur passenden Zeit am passenden Ort bereit sein", sagte sie kalt. „Ich wünschte, meine Liebe, Sie würden nicht vergessen, daß in einem Haushalte Ivie in diesem Ordnung und Pünktlichkeit vor allen Dingen notwendig sind. Gute, englische Dienstboten, erwarten dies."
„Dann werden gute englische Dienstboten sich in meinem Hause anders gelvöhnen müssen", entgegnete Ellinor kurz. „Bitte, klingeln Sie".


