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unbefangenen Weise geplaudert, wie sie es in ihren Ateliers gewohnt waren. Die Schönheit und ihre geheiligten For- »len, die Natur in ihrer urcherhüllten Wahrheit war ein Thema, das sie überall und rnit der größten Offenheit zu verhandeln liebten. Sie pflegten ihre Worte durchaus nicht auf die Goldwage zu legen/ aber im Tone des Pro­fessors lag doch etwas, das sie abstieß und anwiderte. Nach einer fite alle Beteiligten ziemlich unerquicklichen Pause nahm Hamor mit ernster Miene das Wort:

Verzeihen Sie, Monsieur, aber Sie scheinen uns falsch verstanden zu haben. Das junge Mädchen ist rauh und wild, aber durch uud durch rein und gut. Wenn meine Morte von vorhin Ihnen eine irrige Meinung beigebracht haben, so sollte mir dies aufrichtig leid sein."

Ter Professor lächelte verbindlich:aber Sie wollen sie doch zum Modell nehmen?"

Mir müssen Ihnen auch noch erklären", fügte Staun­ton hinzu,daß die Mädchen, die uns hier Modell stehen, fehr anständig und ehrenwert sind. Sie besprechen freilich in unserer Gegenwart Sachen, die nicht für salonfähig gelten, und ihre Ausdrucksweise ist oft roh und plump, die armer: Dinger Ivissen's eben nicht besser! Sie würden aber jede Freiheit, die man sich erlauben wollte, mit ebensoviel Entrüstung zurückweisen, wie andere Mädchen, derien eine sorgfältigere Erziehung strengere Formen ein­geprägt hat. W ist eine ganz andere Klasse als unsere getzwhnlichen Pariser Modelle, die Ihnen wahrscheinlich vorgeschwebt haben."

Nun, Ihr Maler bleibt trotz alledem höchst gefähr­liche junge Lpute", neckte der Professor.

Ick habe nur von einem einzigen Fall gehört, daß ein Mädchen hier durch uns ins Unglück geraten wäre", rief Hamor eifrig.Sie hieß, glaube ich, Wonne, uud hat sich ertränkt. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob es nicht doch ein würdigeres Los für sie war, einen Blick in eine höhere Welt zu iverfen, als erhabenes Kunst­motiv zu dienen, und aus Liebesgram zu leiden und zu sterben, nachdem' ihr treuloser Liebhaber sie verlassen, als wenn sie ihn niemals gesehen und gekannt und einfach einen Mann ihres Standes geheiratet hätte. Sie wäre dann, wie die andern, ein armes geplagtes Haustier ge­worden, gestoßen, geschlagen, und vor der Zeit zur alten Brau gemacht. Ich will, wie gesagt, hier nicht meine rivatansicht entwickeln, aber wenn ich die Mädchen so unschuldig !vie die Kinder Modell stehen sehe, sie in ihrer ungebändigten Lebensfreude beobachte, und ihr fpäteres Leben bedenke, da scheinen mir solche Gedanken mcht all- zusern zu liegen."

Der Professor zuckte ungläubig die Achseln.Ihre Angaben, meine Herren, machen Ihrem guten Herzen, so­wie Ihrem Zutrauen zur menschlichen Natur alle Ehre, ich fürchte aber, sie sind nicht ganz richtig. Tie Statistik zeigt, daß es um die Moralität der Fischerbevölkerung der Bretagne, die milde gesagt, doch nur eine halbwilde, traurig unwissende und brutale Kaste ist sehr mißlich

Er hielt erschrocken inne. Eine gebieterische Beweg­ung von Thymerts drohend erhobenem Arm ließ ihn plötzlich verstummen. Zornesbleich, wie ein Racheengel, stand der Priester regungslos auf der Schwelle. Unwill­kürlich erhoben sich die jungen Leute vor seinem Rechen­schaft fordernden Blicke. Niemand wagte ein Wort zu sprechen; Thymert rang sichtlich nach Selbstbeherrschung, endlich begann er mit tiefer, von Leidenschaft durchbebter Stimme:

Mcht weiter, Monsieur, oder Sie zwingen mich zu einer Ungastlichkeit unter meinem eigenen Dache, ja zu einer Sünde in den Mauern unserer heiligen Kapelle. Ihre Statistik es muß heraus ist nichts als Lug und Trug! Wer macht diese Statistik? Ist es einer der unfern? Ist es ein Bretagner? Wer, der sein Land kennt, wird den Bauer schmähen! Man ehrt ihn überall, man preist die Ueberlieferungen, die alten Sagen und Gesänge einer edlen Bolksrasse! Lesen Sie nur unsere Geschichte! Welches Land hat so tapfere Helden hervorgebracht wie unsere kretaguischen Seigneurs und welches Volk hat seinen an­gestammten Herren treuer angehängen? Ihr Fremdlinge vermögt uns freilich nicht zu beurteilen, Ihr lernt uns ja auch,nie kennen, de«n wir sind abweisend, zurückhaltend, schwer zugänglich, mit einem Wort wir sind Bretagner! Was wissen Eure Gelehrten von unseren Mühen, unsern Mmüken um den MUÄen Boden! Wer unter' ihnen hat

je der See und ihren Gefahren getrotzt, unsere Armut gekostet, mit uns gelebt und gelitten?"

Niemand regte sich, feierlich fuhr der Priester fort: Und unsere jungen Mädchen" er hob wie schützend beide Arme emporder Heiland gebe ihnen seinen reichsten Segen! Tas junge Kind aber, das vorhin Ihr Hauptthema bildete" seine Stimme schmolz zu zärtlicher Weichheit, sein Antlitz strahlte vom reinsten Mitleidmeine Herren, meine werten Gäste das ist ein mutterloses Kind; sie ist aus meiner eigenen Verwandtschaft."

Hamors Mienen zeigten die tiefste Bestürzung.Können Sie mir vergeben!" begann er hastig.Ich allein bin der Schuldige. Ich brachte jenes unglückliche Gespräch auf, ich wollte freilich nichts Böses sagen, weder gegen Sie noch gegen das Mädchen, ich wußte ja auch nicht, daß sie Ihnen nahe steht. Nun sehen Sie mich beschämt, bestürzt, ich weiß nicht, ivie ich mein Bedauern ausdrücken soll!"

Thymert sah dem Maler mit seinen dunklen, durch­dringenden Augen prüfend ins Gesicht:Monsieur", sagte er bann etwas ruhiger,sie steht mir sehr nahe, sie ist meine Nichte a la mode de Bretagne. Anderswo wären wir wohl Vetter und Base. Bei uns ehrt man seine Familie. Mein Herr, was würden Sie empfinden, was würden Sie tun, wenn ich in Ihr Land, in Ihr Haus käme und von Ihrer Schwester so spräche, wie Sie von der meinen ge­sprochen haben? Tenn sie ist mir teuer wie eine Schlvester."

Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanken an gewisse Aeußernngen, die er vernommen.

Sie würden sagen, daß ich ein halbwilder, unwissender Bretagner bin? Sie würden mich zu Boden schlagen, mich niederschießen. Sagen Sie mir, Monsieur, was tun die Leute Ihres Landes, wenn man Ihre Schwestern be­leidigt?"

Hamor stand ihm sprachlos gegenüber. Was hätte er auch, Vorbringen können.

Ich hörte Ihre Beleidigung", fuhr der Priester bitter fort,aber", stieß er mit Anstrengung heraus,ich hörte auch Ihre Verteidigung. Und dafür danke ich Ihnen. Ich glaube Ihnen auch, Monsieur, wenn Sie mir sagen, daß Ihnen Ihre Worte leid sind." Erft jetzt ergriff er langsam Hamors dargebotene Hand.

Es ist uns allen herzlich leid", nahm Staunton freund­lich das Wort;wenn wir auch nicht wissen konnten, daß unser Gespräch einen so persönlichen Charakter annehmen würde, so war es an und für sich doch durchaus ungehörig. Nehmen Sie die Versicherung, daß wir alle es sehr be­dauern."

Sie sind gut und freundlich", sagte Thymert, be­friedigt von Stauntons ehrerbietigem Wesen.Ich danke Ihnen, lassen tote3 nun gut sein, Messieurs; ich bin über­zeugt, Sie werden nichts weiter über das junge Mädchen sagen, das in seinem unschuldigen Leben gar nichts getan hat, um wie heute die Aufmerksamkeit von fünf Männern auf sich zu lenken. Reden wir nicht weiter davon; ich war auch zu hastig, ich bin so wenig an die Welt gewöhnt und habe ein sehr heißes Blut. Entschuldigen Sie mich nur einen Augenblick." Damit schritt er schnell über den Vor­platz in sein Schlafgemach-.

Was für eine wundervolle Stellung", rief Hamor enthusiastisch und starrte dem Priester unverioandt nach. Er hat wirklich etwas von einem Othello an sich wenn ich ihn nur einmal im vollsten heiligen Zorn sehen könnte !"

Er zog sein Skizzenbuch hastig hervor und entwarf mit flüchtigen Strichen ein Paar mächtige Schultern, einen zornig zurückgetoorsenen Kopf und warnend erhobenen Arm.

Als Thymert zurückkehrte, war er sichtlich, bemüht, den unbefangenen Ton von ftuiher wieder herzustellen. Aber sein innerstes Wesen blieb unzugänglich und verschlossen. Wir scheinen diesen liebenswürdigen Wilden aufs ernstlrchste verwundet zu haben", überlegte er bei sich;wie kann rch nun jemals sein Vertrauen zurückgewinnen?"

Der auf allen lastende Druck war nicht wieder abzu- schütteln. Es schien, als ob sich an Stelle des freundlichen St. Kadoc, der mit seinem geliebten Virgil unter dem Arme Frieden und Behaglichkeit verbreitet hatte, eine Keine zornige Gestalt zwischen sie gedrängt habe, die ihre un­bedachten Worte von vorhin heraufbeschworen, und die nun niemand mehr zu bannen vermochte. Das zürnende, schone Gesicht unter hier weißen Coiffe, die furchtlosen Madchen- augen, schienen Rechenschaft zu fordern, weshalb man sre in das Gespräch der Männer gezogen habe. So stand ne