Nr. 62.
1903.
Momag den 27. April.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Wählend einiger Minuten hatte aus beiden Seiten Stille geherrscht, als sich das Pochen des Obersten an der Vorderiür vernehmen ließ. Bevor man von den Diebereien im „Blauen Löwen" zu munkeln begann, hatte er sich gewohntermaßen selbst durch einen einfachen Druck auf den Türgriff ins Haus eiugelassen. Jetzt aber hielten sie es in gemeinsamer Vorsicht für nötig, die Tür von Innen verriegelt zu halten.
Mit einem Atemzug der Erleichterung sprang Miß Bostal auf und eilte hinaus, ihrem Vater aufzumachen.
„Aber, Papa, warum kommst Du so spät? Nell ist bei mir gewesen, sonst würde ich mich ganz nervös gefühlt haben."
Der Oberst trat mit viel rascherem Schritt als gewöhnliche herein, blieb aber plötzlich stehen, da er den Namen des Mädchens hörte.
„Nell!" ries er. Und aus' seinem Benehmen erkannte Miß Theodora, daß etwas Ungewönliches vorgesallen war. Ehe sie jedoch Zeit hatte, ihn befragen zu können, fügte er mit einem leichten Emporwerfen des Kopfes hinzu — „O, gut, das Mädchen muß es ja doch hören. Wo ist sie?"
Nell hatte sich nicht von ihrem Sitz am Feuer bewegt, sie hatte aber den Kopf aufgerichtet und horchte.
In dieser Stellung wurde sie Oberst Bvstal gewahr, als er die Tür des Speisezimmers" aufriß und eintrat, hinter ihm seine Tochter.
„Nun, Papa, was für eine wundersame Neuigkeit bringst Du denn mit?" zirpte Miß Theodora, ganz erpicht auf ein klein wenig Klatsch
„Es ist etwas sehr Ernstes, sehr Schreckliches, in der Tat. Ein Mann ist heute abend außerhalb Stroans an der Straße ttegend gefunden worden, und es' scheint Jem Stickels gewesen zu sein."
„Gott! Gott! doch nicht wieder berauscht, will ich hoffen, nach all seinen Versprechungen!" sagte Miß Theodora besorgt.
„Nein", antwortete ihr Vater ernst. „Der arme Kerl? Er war tot!"
Beide Frauen stießen Schreie des Staunens und Entsetzens aus.
„Mer es ist nicht möglich Man muck sich geirrt haben", eiferte Miß Bostal. „Wir haben ihn ja noch ein wenig vor Sieben gesprochen, Nell und ich und er war dann ganz wohl, vollkommen wieder hergestellt."
Ter Oberst blickte verwundert von einer zur andern.
»,Jhr habt ihn gesprochen? Und wo?"
„In Mr. Manns Hütte, wo er wohnt. Er stand an der Tür und sprach selbst mit uns. Er war sehr unangenehm und roh gegen uns, der arme Kerl", sagte Miß Theodora, die unfähig schien, die Tatsache zu fassen, daß der Mann, der drei Stunden vorher so ganz voller Leben und Leiden-i schuft gewesen war, nun tot daliegen sollte.
„Ah, nun — dann werdet ihr beide als Zeugen mit zu erscheinen haben, das ist sicher, denn morgen wird ein Untersu chun gsv erhör stattfmd en."
„Als Zeugen! wie schrecklich! Ueberdies, was können wir denn bezeugen? Er war dann ganz wohl."
„Tas ist, was ihr zu bezeugen habt. Und ich hoffe, daß ihr damit durchdringt, sagte der Oberst zweifelhaft. „Tenn, wenn nicht, so wird der junge Bursche, der ihn niedergeschlagen und betäubt fyat", — Nell blickte aus, bleich vor Furcht, „dieser King, sicher wegen Dodschlags vor Gericht gebracht werden."
Nell fuhr mit einem herzbrechenden Schrei empor.
„O nein! O nein! Wie könnte das möglich sein? Ev war ganz wiederhergestellt, als wir ihn sahen, Miß Theo- dvra sagt es Ihnen ja; Mr. und Mrs. Mann können es gleichfalls bezeugen Er sprach ganz so wie Sie. Er sah ganz so wie immer aus. Er muß sich daher betrunken haben, jedermann weiß, daß er immer zu viel tränt Und er muß Mit jemand in Stteit geraten und niedergeworfen worden sein, oder muß in den Graben gestürzt und darin erstickt sein. Oder — oder —"
„Ich glaube nicht, daß Sie neue Beschuldigungen auf den Toten werfen sollten", sagte Miß Bostal ernst. „Er war ganz nüchterir, als wir ihn sahen, und es muß nur wenig später gewesen sein, als er starb."
„Aber wenn ihn der Fall im Garten meines Onkels ge- tötet hätte —"
„Ter Schlag, meinen Sie", warf Miß Bvstal ein.
„So würde er ihn sofort getötet haben", entgegnete Nell. „Man kann nicht betäubt und ganz wiederhergestellt werden und dann eine Stunde darauf von dem Schlage, der die Betäubung verursachte, sterben! Ist das möglich^ Oberst?"
„Ich habe, soviel ich mich! erinnere, nie von einem solchen Falle gehört", sagte er mit Zurückhaltung. „Doch Möchte ich keine Meinung abgeben, bis wir das Beweismaterial feinten."
„Aber haben Sie nicht die Aussage des Arztes gehört? Haben Sie nicht gewartet, sie zu erfahren?" fragt« Nell dringend.
„Ich wartete darauf, aber vergeblich", sagte der Oberst in gereiztem Tone.
Tatsache war, daß er und eine Zahl anderer unbedeutender Persönlichkeiten, die aus einer oder der anderen Ursache sich für Personen von großer Wichtigkeit in der Gegend hielten, von den beiden Aerzten, die die Leich«, nachdem sie in die Stadt gebracht worden war, einer Untersuchung unterzogen hatten, schrecklich, kurz abgefertigt wor-


