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Wieviel Blut verliert der Mensch im Kriege und wird doch wieder gesund!"

Sprich jetzt nicht mcljt", bat ihn die Frau.

Draußen begann es zu dämmern. Im Sommer pflegen die Nächte ja bekanntlich kurz zu sein.

Die Krankh.it zog sich bedeutend länger hin, als man gedacht hatte. Der Mann ging nicht mehr ins Bureau. Da es ihm besser ging, solange er zu Hause blieb, so gab die Frau noch einige Unterrichtsstunden mehr in der Woche und bestritt damit den Haushalt.

Gewöhnlich ging sie um acht Uhr morgens nach der Stadt. Gegen ein Uhr kam sie auf einige Stunden nach Hanse, um für denn Mann das Mittagessen auf der Spiritus­maschine zu kochen, dann lief sie wieder fort.

Ende August begegnete sie dem Arzt. Sie gingen eine lange Strecke zusammen. Schließlich faßte sie den Doktor bei der Hand und sagte mit flehender Stimme:

Aber bitte, besuchen Sie uns auch ferner. Vielleicht hilft Gott! Er ist jedesmal so beruhigt, wenn Sie da- gewescn sind."

Ter Arzt versprach zu kommen; die Frau kam verweint nach Hause. Auch der Kranke wurde infolge des anhalten­den Sitzens gereizt und unruhig. Er begann, der Frau einzurcden, daß sie sich um ihn zu viel Sorge mache, daß er trotzdem sterben werde, und schließlich fragte er:

Hat Dir der Arzt nicht gesagt, daß ich nur noch wenige Monate zu leben habe?"

Die Frau erstarrte.

Was sprichst Du?" sagte sie.Wie kommst Du auf solche Gedankens

Der Kranke geriet in Zorn.

So komm' 'mal hierher zu mir, hier!" sagte er hastig Uitd zog sie an den Händen herbei.Schau' mir in die Augen und antworte: sagte es der Arzt Dir nichts

Und er versenkte seinen fieberhaften Blick in sie. Es schien, daß unter diesem Blick eine Mauer ein Geheimnis aussagen müßte, wenn sie ein solches besäße.

Auf dem Antlitz der Frau verbreitete sich eine seltsame Ruhe. Sie lächelte sanft und hielt diesen wilden Blick aus. Nur ihre Augen schienen wie verglast.

Der Arzt sagte", entgegnete sie,daß es nichts zu be­deuten habe. Du müßtest nur ausruhen."

Der Mann ließ sie plötzlich los, begann zu zittern und zu lachen, dann machte er eine Bewegung mit der Hand und sagte:

Siehst Du, wie nervös ich bin! Ich habe mir fest eingeredet, daß der Arzt nichts von mir hält. Aber Du hast mich überzeugt jetzt bin ich wieder ruhig!"

Und immer heiterer lachte er über seine Einbildung.

Uebrigens wiederholte sich dieser Verdachtsanfall nie wieder. Der sanfte Frieden seiner Frau war für den Kranken doch das beste Zeichen, daß sein Zustand nicht gefährlich sei.

Bisweilen empfand er eine unbezwingliche Lust nach weiten Spaziergängen, doch fehlte ihm die Kraft. Es kam sogar eine Zeit, da er am Tage nicht im Bett liegen wollte; er saß angezogen, zum Ausgchen bereit, auf dem Stuhl und wartete, bis ihn die augenblickliche Schwäche verließ.

Nur eine Sache beunruhigte ihn.

Als er eines Tages seine Weste anzog, merkte er, daß sie sehr weit war.

Sollte ich so abgemagert sein?" flüsterte er.

,,Cs ist doch ganz natürlich, daß Du ein wenig elend aussiehst", entgegnete die Frau.Aber man darf doch nicht übertreiben."

Der Mann sah sie prüfend an. Sie hob nicht einmal die Augen von der Arbeit auf. Nein, diese Ruhe konnte nicht künstlich sein! Die Frau weiß vom Arzte, daß er nicht so krank ist, sie hat also keinen Grund, sich zu grämen.

Anfang November traten die fieberhaft nervösen Zu­stände immer stärker auf und hielten tagelang an.

Das ist eine Kleinigkeit!" sagte der Kranke.In der Uebergaugszeit vom Sommer zum Herbst fühlt sich der ge­sündeste Mensch nicht so recht wohl und pflegt etwas erregt zu sein. Es wundert mich nur, warum meine Weste immer weiter wird.. Ich muß furchtbar abgenommen haben und kann natürlich nicht eher gesund werden, bis ich wieder zugenommen habe; da hilft nichts!"

Die Frau hörte aufmerksam zu und mußte gestehen, daß der Mann recht hatte.

Der Kranke stand jeden Tag auf und kleidete sich an, ovglerch er ohne Hilfe seiner Frau kein Kleidungsstück an- legen konnte. Es gelang ihr, ihn wenigstens dazu zu be­wegen, daß er nicht den Noch sondern den Ueberziehe« Lnzog.

Da soll man sich wundern, daß ich schwach bin", sagte er manchmal, wenn er in den Spiegel sah,ist's ein Wunder, wie sehe ich denn aus!"

Das Gesicht verändert sich immer leicht, bemerkte! die Frau.

Das ist wahr, aber ich nehme auch am Körper ab." Scheint es Dir nicht bloß?" fragte sie mit dem Aus- druck großen Zweifels.

Er wurde nachdenklich

,^>a, vielleicht hast Du recht. Denn seit einigen Tagen! fällt es mir sogar auf, daß meine Weste"

Laß doch fein!" unterbrach die Gattin,Du bist doch nicht dicker geworden."

Wer weiß? Nach der Weste zu urteilen"

Dann müßtest Du Dich auch kräftiger fühlen."

Phü! Du möchtest gleich alles haben. Zuerst muß ich doch ein klein wenig zunehmen. Ich muß Dir sogar sagen, daß ich dann auch noch nicht gleich kräftiger fein werde."

Aber was machst Du dort hinter dem Schrank?" fragte er plötzlich.

Nichts! Ich fuche ein Handtuch int Koffer und weiß nicht, ob es sauber ist."

Streng Dich nicht so au, Deine Stimme schnappt ja! beinahe über; der Koffer ist doch schwer."

Der Koffer mußte tatsächlich schwer sein, denn sie bekam ganz rote Flecken im Gesicht. Aber sie war ruhig.

Seit jenem Tage schenkte der Kranke seiner Weste immer größere Aufmerksamkeit. Alle paar Tage rief er seine Frau herbei und sagte ihr:

Nun sieh her. Ueberzeuge Dich selber: gestern konnte ich hier noch den Finger hineinstecken, hier. Heute geht eS nicht mehr. Ich beginne wirklich zuzunehmen!"

Mer eines Tages hatte die Freude des Kranken keine Grenzen. Als die Frau von den Stunden zurückkam, be­grüßte er sie mit leuchtenden Augen und sagte sehr bewegtr

Ich will Dir ein Geheimnis sagen. Ich habe mit dieser Weste ein wenig geschachert. Um Dich zu beruhigen, schnürte ich den Gürtel jeden Tag selber fest, und deshalb wurde die Weste eng. Auf diese Weise zog ich gestern den Gürtel bis ans Ende. Ich fürchtete schön, daß mein Ge­heimnis nun verraten werden müßte, indessen weißt Du, was ich Dir sagen werde? Ich gebe Dir mein heiligstes Wort, heute mußte ich den Gürtel ein wenig lockern, anstatt ihn fester zu ziehen! Er war mir direkt eng, obgleich er gestern noch etwas lose war. Jetzt glaube ich auch, daß ich gesund werde! Ich selber! Mag der Arzt denken, was er will!"

Die lange Rede hatte ihn so angestrengt, daß er zum Bett flüchten mußte. Dennoch lehnte er sich an seine Frau und umarmte sie.

Nein", flüsterte er,wer hätte es gehofft? Zwei Wochen lang betrog ich meine Frau und redete ihr ein, daß die Weste zu eng fei, und heute ist sie tatsächlich zu eng!"

Und sie saßen den ganzen Wend aneinandergeschmiegt.. Der Kranke war so bewegt, wie nie zuvor.

Mein Gott!" flüsterte er und küßte die Hände seiner Frau,und ich dachte, daß ich immer weiter abnehmen würde bis zum Schluß. Seit zwei Monaten glaube ich heute zum erstenmale daran, daß ich gesund werden kann. Denn einen Kranken belügen alle, und die Frau am meisten! Aber die Weste kann nicht lügen!"

Wenn ich heute die alte Weste betrachte, so sehe ich, daß zwei Personen an ihren Schnallenbändern gearbeitet haben. Der Mann rückte die Schnalle jeden Tag, um seine Frau zu beruhigen, und die Frau verkürzte den Gürtel, um ihrem Mann Mut einzuflößen.

Werden sich diese beiden noch einmal begegnen, um sich das ganze Geheimnis der Weste zu gestehen?" dachte ich und schaute zum Himmel empor.

Man sah den Himmel über der Erde fast nicht mehr. Der Schnee fiel in so dichten, kalten Flocken herab, daß selbst in den Gräbern die Menschenasche fror.

Wer will jedoch sagen, daß es hinter diesen Wolken keine Sonne gibt?

Redaktion: Euer Plato. Rotationsdruck und Lerloa der Trübt scheu Universitäts-Luch» und Lteindruckerei (Putsch Erden) in Gieben.