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ließe sich drüber reden. Ich schlage nächstens auch den Sturmmarsch."
„Wieso?"
„Zum Angriff, Junge! Denkst Du, ich will ewig Briefe schreiben? Fällt mir nicht im Traum ein! Ich muß das entzückende Mädel mit seiner prächtigen Frische kennen lernen. Tas ist noch ein Weib, wie's in die Welt paßt. And wenn ich ans Heiraten denk, ist das ja auch was anderes."
Kurt Unruh empörte sich.
„Etwa weil Tu Mei Jahre älter bist? Wer lacht da? Und ein preußischer Assessor ist wahrhaftig genau soviel wie ein Toctor medicinae ohne Praxis und hat vor allem die größere Wahrscheinlichkeit für sich, eine Frau auch mal ernähren zu können."
Gutmütig schmunzelte Fred Richter und klopfte seinem Metter auf die Schulter.
„Reg Dich nicht auf, Mensch, sondern versuch lieber zu begreifen, daß ein unverheirateter Arzt in den Augen der Leute nur ein halber ist. Besonders die Weiber sind darin komisch. So ist es sehr wohl überlegt, wenn ich auf Freiersfüßen gehe."
„Und wenn der „Taugenichts" arm ist?"
Mit einer großartigen Handbewegung wehrte Fred Richter alb.
„Wer im Anfang des Mai jungen Spargel zu Mittag ißt, hat Geld, Sänftling", sagte er. „Und hat sie wirklich keins, dann findet sich das weitere von ganz alleine. Jedenfalls will ich das herrliche Göhr kennen lernen. Und ich wette: ich seh' den „Taugenichts" eher als Du die „Viola"."
„Sei nicht zu sicher, Fred. Wir beide verstehen uns großartig."
„Na also — wetten wir doch! Ein paar Flaschen Josefshöfer — ich lieb' die Marke. Gilt's?"
Die Barthaare des Assessors sträubten sich.
„Unter einer Bedingung nur", sagte er. „Vor drei Wochen darf keiner von uns beiden den Brief absenden, der um das Rendezvous bittet."
„Schön — trotzdem mir die Tinte leid tut, die inzwischen verschwendet wird. Prost, stoßen wir mal an! Auf den „Taugenichts" und auf „Viola" — haha, der Name ist zu dumm! „Viola", Violine, krumm wie ein Fiedelbogen —"
„Fred!"
„Na ja, ja, ich trink' auf die „Viola" extra. Sie lebe hoch •— hoch — hoch!"
„Wer?" fragte plötzlich Resr Bergmanns lustige Stimme. „Ihr bringt hier einen Tusch aus, von dem niemand was weiß. Kinder, das ist gefährlich! Was meist Tu, Hete?"
Hedwig von Versen lächelte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Roman einer Familie.
Ter kürzlich in 5. Auflage bei S. Fischer in Berlin erschienene Roman „Buddenbrooks" gibt die Zuversicht, daß Thomas Mann, sein Verfasser, früher Redakteur des „Sirn- plizissimus", niemals Romanfabrikant, niemals einer jener talentvollen Vielschreiber werden wird, die schließlich zum Durchleben ihrer Stoffe keine Zeit mehr finden. Seine Frguren, seine Situationen, die alltäglichen Vorgänge, die er schildert, an sich unbedeutend und gleichgültig, gewinnen einen eigenartigen Reiz nur dadurch, daß sie für einen Dichter, daß sie gerade für Thomas Mann zum inbrünstigen Erlebnis wurden. Ohne dieses Erlebnis wären sie gar nicht denkbar, weil sie ein Dasein nur durch das Auge ihires Scyopfers führen. Andererseits unterscheidet sich Thomas Mann auch von den Anfängern, die wohl vieles wollen yi!; up.®ar aber nicht gestalten können, durch eine hi.rA Schuck, durch Kraft der Zeichnung und Farbe, durch verblüffende Anschaulichkeit und lebhaften Vortrag, nnm1„,auc^ durch einen echt epischen Stil, der reich &iAC Egweil ohne Absicht, kunstvoll ohne
sehr einfaches Motiv, durchaus kein hohes Ziel, keine schwierige Aufgabe, die der Erfasser sich in weiser Selbstbeschränkung gestellt hat. Er verzichtet auf jede Verwicklung, schürzt keine Knoten, konstruiert keine Konflikte, verschweigt seine Ideen und seine Hoffnungen, sucht vielmehr allen Ruhm hauptsächlich darin, gelassen, doch eindringlich darzustellen, wie vor seinem inneren Auge das Leben sich abspielt, nämlich als ein entrinnbares Verhängnis armer, schuldloser, meist lächerlicher Menschen, die man um so inniger liebt, je mehr man sie mißachten muß. Ter Dichter erklärt sich weder für noch gegen das Milieu; von religiösen und ethischen Grundsätzen wird berichtet ohne die leiseste Kritik; die verschiedenartigsten Leute werden dorgefübrt nebst einer Fülle kleiner, bezeichnender Auftritte, aber oie wenigsten Personen ließen sich als „sympathisch" oder „unsympathisch" bezeichnen; nur ein schmerzlich mitfühlendes Lächeln glaubt man fortwährend aus den Zügen des Dichters zu erblicken. Er findet die Menschen, wenigstens diese Durchschnitts-Lübecker, um die es sich hier ausschließlich' handelt, mit all ihren kleinen Schwächen und Eitelkeiten, ihrem nutzlosen Treiben und ihren kindlichen Klagen, mehr oder weniger drollig. Nur ein Paar rührende Kindergestalten besitzen seine tiefernste, uneingeschränkte Liebe. Ueber ihnen allen aber, über dem Dichter wie über seinen Gestalten, waltet das grausame Leben und vergiftet seinen Humor mit einer schrecklichen Bitterkeit.
Die Buddenbrooks werden vorgeführt in ihren vier letzten Generationen. Noch blüht um das Jahr 1830 die Firma in gesegnetem Wohlstand. Ihr Chef, der alte Johann Buddenbrook, versammelt seinen frischen Nachwuchs, seine zahlreichen ^Verwandten und Freunde um sich zu munteren Biedermeier-Festen, schwatzt ihnen, französisch und plattdeutsch durcheinander, seine Schnurren vor und erlaubt sich dabei als Jünger der einst modischen Aufklärung gern ein Späßchen mit der Religion. Man diniert bei ihm sehr umständlich und gehaltvoll, gibt Anekdoten von Napoleon zum besten, und der Poet der Stadt preist das ehrwürdige Haus mit artigen iVerslein: „. . . Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne Sich vor unsrem Blick verband, Venus Anadyomene Und Vulkani fleiß'ge Hand ..." — Söhne hat der alte Johann Buddenbrook. Mit dem Ael- teren freilich, der ein Mädchen aus dem Mittelstand heiratete und ein Geschäft mit offenem Laden gründete, ist er zerfallen; der Jüngere dagegen, bereits Konsul, arbeitet neben ihm als Kompagnon, sehr gottesfürchtig und gediegen, dabei auf seinen Vorteil stets bestens bedacht. Auch dessen Söhne Thomas und Christian, geben vorläufig zu Besorgnissen keinen Anlaß. „Prächtige Bursche, Frau Konsulin!" kom- plinrentiert der Stadt-Poet. „Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden, darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig incroyable . . . allein ich verhehle nicht mein engouement: Er wird studieren, dünkt mich; er ist witzig und brillant veranlagt." — Aber während die Geschicke der Familie nun eintönig weiterrollen, die Großeltern zur Grube fahren und neue Enkel geboren werden, wächst unmerklich die Ahnung von sinkenden Kräften. In den Spielen der Kinder offenbaren sich kleine Charakterzüge, die zu denken geben. Christian kehrt gern den grotesken Komödianten heraus, macht mit vierzehn Jahren einer Diva des Stadtthcaters so wirkungsvoll den Hof, daß die lockeren „Suitiers" vom Klub ihre Helle Freude daran haben; das eine Schwesterchen, Tony, ergötzt sich an Claurens „Mimili", das andere zeigt körperliche Schwäche und pietistische Verdüsterung. Als Tony kaum herangewachsen, kommt ein Herr Grünlich ins Haus, mit unwahrscheinlich blonden Favoris, geschäftlich aber allem Anschein nach gut fundiert. Und Tony, obgleich fie ihn widerwärtig findet und eigentlich für einen revolutionären Studiosus schwärmt, nimmt schließlich Herrn Grünlich, weil sein Werben zähe ist und der Vater ihr zuredet. Bald jedoch, nach Grünlichs allseitigem Bankerott, kehrt sie ins elterliche Haus zurück, entrüstet, doch keineswegs gebrochen/ Sie hat nunmehr „das Leben kennen gelernt" und spricht daher
... Roman führt den Untertitel „Verfall einer Fa- L'"^und rn der Tat handelt es sich um nichts anderes X um das Sterben der letzten Buddenbrooks, die als alte Lübecker Patrrzier rn ihrem Handelshause und ihrer Kaste eine letzte, kurze Blüte genießen, dann aber, rasch degeneriert, an Entkräftung zu Grunde gehen. Also ein
von ihrem Mißgeschick nicht ohne Genugtuung. — Tas Revolutions-Jahr achtundvierzig macht sich auch in Lübeck bemerkbar, weniger schreckeuerregeud, als kläglich; die gutmütigen Hafenarbeiter fühlen sich in ihrer Auflehnung ziemlich unwohl; nachdem Konsul Buddenbrook im Namen der geängsteten Bürgerschafts-Behörde sie ironisch abgekanzelt, zerstreuen sie sich in bester Laune. Dieser Miniatur-Auf-


