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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Ter Baron lehnte sich an den Kamin und blickte nachdenklich auf sie hinab.
„Ich hatte neulich auf der Bärenjagd das Unglück, — nun, düs Unglück, mich mit dem Fürsten zu zanken, — ivir konnten uns über eine Taktfrage nicht einigen. Er war der Meinung, daß ich den ersten Schuß hätte tun sollen, — und ich tat ihn nicht, ich war nicht bereit. Es scheint, daß der Fürst sich in Gefahr geglaubt hat, — er war nervös, aufgeregt —"
„Sie sind im Lügen nicht immer geschickt", unterbrach ihn Etta. „Ich weiß von diesem Vorfall nichts, aber Sie sollten sich bemühen, beim Lügen immer folgerichtig zu bleiben. Ich bin überzeugt, daß Paul weder nervös, noch aufgeregt war."
Ter Baron lächelte: sein Ziel war erreicht. Etta wußte offenbar nichts davon, daß er auf der Bärenjagd den Versuch gemacht hatte, Paul aus der Welt zu schaffen.
„Es war ja nichts, es kam nicht einmal zu einem Wortwechsel", fuhr er fort. „Wir haben jedoch nie viel Sympathie für einander gefühlt, und die Kälte zwischen uns ist durch diesen Vorfall nur noch verstärkt worden, — das ist alles. Als ich daher erfuhr, daß er nicht zu Hause sei, benutzte ich die Gelegenheit Sie zu besuchen."
„Woher wußten Sie, daß er nicht zu Hause ist?"
„Ah, Madame, ich weiß mehr, als man glaubt." Etta zuckte mit leisem Lachen die Schultern.
„Sie lieben wohl Oslerny nicht besonders?" fuhr der Baron fort.
„Ich hasse es."
„Tas dachte ich mir. Nun, ich bin bereit. Ihnen ein für allemal aus Rußland fortzuhelfen. Nein, schütteln Sie nicht den Kopf; eines Tages werde ich Sie vielleicht überzeugen, daß mir einzig und allein Ihr Interesse am Herzen liegt. Fürstin, ich bin gekommen, um ein kleines Ueberein- kommen mit Ihnen zu treffen, — hoffentlich das letzte Uebereinkommen." Er hielt inne und blickte sie mit einem plötzlichen Aufleuchten der Augen an. „Nicht das allerletzte", fügte er mit verändertem Tone hinzu, „das allerletzte wird Sie zu ineiner Gattin machen."
Etta ließ diese Behauptung ohne Antwort; ihr Mut und ihre Energie waren nicht erschöpft, aber sie lernte ihre Kräfte sparen.
„Ihr Gatte ist ein mutiger Mann", fuhr der Baron fort, nachdem er sich tut dem Klange seiner Worte genügend ergötzt hatte. „Wenn man ihn erschrecken will, muß man zu starken Maßregeln Zuflucht nehmen. Das letzte und schwerste Gewicht c::f der Wage eines Diplomaten ist das
Volk. Madame, das ist ein Spiel, das ich schon einmal gespielt habe, ein gefährliches Spiel, aber ich fürchte mich nicht."
„Geben Sie sich keine Mühe, vor mir zu schauspielern", fiel Etta zornig ein.
Sie saß scheinbar ruhig da, aber ein hochroter Fleck brannte auf jeder ihrer Wangen. Dieser Mann hatte manchmal die Macht, sie zu rühren, und sie fürchtete diese Macht. Sie kannte ihre eigene Schwäche, ihre unmäßige Eitelkeit; dentt Eitelkeit ist die Schwäche starker Frauen. Sie ivar der Schmeichelei stets zugänglich, unb der Baron Chauxville schmeichelte ihr mit jedem Worte, das er sprach; denn alles, was er sagte und tat, sollte ihr beweisen, daß sie die treibende Kraft seines Daseins war.
„Wer um einen hohen Einsatz spielt, muß bereit sein, all' sein Gut auf den Tisch zu werfen", fuhr der Baron mit ruhiger Stimme fort. „Heute in acht Tagen — Donnerstag, den 4. April, — werde ich alles, was ich besitze, auf eine Karte setzen. Das Volk ist einmal so, rouge ou noir, man weiß es nie; wir wissen nur, daß es eine dritte Farbe, ein Kompromiß, nicht gibt."
Etta hörte jetzt mit schlecht verhehltem Interesse zu; endlich gab er ihr etwas Bestimmtes, ein Datum.
„Am Donnerstag werden die Bauern demonstrieren, das übrige müssen wir der, — nun, dem Glück überlassen. Ich zweifle nicht, daß unser schlauer Freund Karl Steinmetz sie im Schach halten wird, aber wie die Demonstration auch enden mag, das Ergebnis wird sein, daß es dem Fürsten Pawel Alexis fortan unmöglich ist, in diesem Lande zu bleiben. Nicht einmal ein Regiment Soldaten wird ihm das möglich machen."
„Ich verstehe Sie nicht; was nennen Sie eine Demonstration, — Empörung?"
Der Baron nickte lächelnd.
„Sie werden das, was Sie wollen, mit Gewalt nehmen?" fuhr die Fürstin fort.
Chauxville zuckte die Achseln.
„Das hängt davon ab."
„Unb was soll ich dabei tun?" fragte Etta mit derselben Ruhe.
„Erstens sollen Sie überzeugt sein, daß Ihnen weder direkt, noch indirekt etwas geschieht. Sie werden es nicht wagen, den Fürsten anzurühren, sondern sich begnügen, ein paar Fensterscheiben einzuwerfen."
„Und was soll ich dabei tun?" wiederholte Etta.
Der Baron schwieg einen Augenblick.
„Nun eine Tür offen lassen, — eine Seitentür", sagte er dann in leichtem Tone. „Wie ich höre, befindet sich im alten Schloßflügel eine Tür, von der man über eine Treppe in das Rauchzimmer und von dort in den neuen Flügel gelangt."
Etta antwortete nicht.
Der Baron warf einen Blick auf seine Uhr, trat anK Fenster und schaute hinaus. Er war zu wohl erzogen, um


