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Steinmetz faltete den Brief sehr sorgsam zusammen, indem er mit dem dicken Zeigefinger und Daumen über seinen Rand hinstrich.

Ich denke immer zuerst ans Lügen", sagte er.Das ist meine Natur oder mein Unglück. Mr können ja sagen, daß der Moskauer Doktor wieder fort ist; aber dann müssen die armen Teufel in ihren Koben sterben. Katha­rina versteht nicht, mit ihnen umzugehen; sie sind schlimmer, als unsere Leute."

Eins steht fest", fiel Paul ein,ich muß nach Thors hinüber."

Dabei gibt es kein Muß", fiel Steinmetz ruhig, wie in Paranthesis, ein.Niemand muß sich einer An­steckung aussetzen; aber ich weiß, daß Sie hingehen wer­den, ich mag sagen, was ich will."

Höchst wahrscheinlich", gab Paul zu.

Katharina wird Sie sofort erkennen."

Warum?"

Steinmetz zog seine Füße an sich, beugte sich vor und klopfte an einem der Scheite, die zum Anzünden bereit in dem großen, offenen Kamin lagen, seine Pfeife aus.

Weil sie Sie liebt", antwortete er kurz.Ihr werden Sie den Moskauer Doktor nicht Vorspielen, mein Lieber."

Paul lachte etwas verlegen; denn er war einer von den wenigen, täglich seltener werdenden Männer, welche der Ansicht sind, daß die Liebe einer Frau nicht leicht­fertig ins Gespräch gezogen werden darf.

Dann", begann er etwas rascher, Äs fürchte er, daß Steinmetz noch mehr sagen werde.Dann, wenn Sie glauben, daß sie mich erkennen wird, darf sie mich eben nicht sehen", verbesserte er sich.

(Fortsetzung folgt.)

Eine eigenartige Verbrecherlaufbahn.

Gustav George, der von dem Berliner Landgericht I wegen schwerer Beleidigung des Lehrers Weichei, dchl er als den Mörder von Könitz bezeichnet hatte, zu einem Fuhr Gefängnis verrrrteilt wurde, rst anerkanntes Mitglied der Berliner Verbrecherwelt. Als Sproß einer alten Verbrechefr- familie ist er in irgend einer Spelunke an der Friedrichs-- gracht zur Welt gekommen. Sein Vater starb im Zuchthaus; das ihn zuletzt einer Brandstiftung wegen aufgenommen hatte. Wer unter solchen Verhältnissen anfwächst, der muß; wenn nicht ein Wunder ihm zu Hilfe kommt, selbst zum Ver­brecher werden. Ist etwasBesseres" in ihm, so meldet sich das doch erst in den Jahren der Reife, des ruhigeren, kühleren Urteils. Ms dahin prävaliert der Mnfluß; den der Umgang mit lichtscheuem Gesindel ausüben muß; und die Gesetze sind streng. Wer sich wiederholter Eigentums- vergehen schuldig macht, der verfällt sehr rasch dem Zucht­haus. Und wer erst einmal im Zuchthaus war. . . . Noch dazu, wenn er von der Natur so stiefmütterlich ausgestattet ist, wie dieser George es ist! Eine lange, spindeldürre, schlotternde Gestalt, ein hageres, von roten Blattern be­decktes Antlitz, und Mitten im Gesichte eine riesige, purpurrot leuchtende Nase, die ihm in der Verbrecherwelt den Namchl dasGlühlicht" eingetragen hatte. Was Wunder, daß nie­mand etwas von ihm wissen wollte, daß er nur unter der Hefe Kameraden sand. Wie sein -Entwicklungsgang im einzelnen war, gehört nicht hierher; jedenfalls hat er reich­lich die Hälfte feiner 35 Lebensjahre teils im Gefängnis, teils im Zuchthaus verbracht. So kam er auch! in die Braun- schweiger Strafanstalt. Der Anstaltsgeistliche machte dort die Wahrnehmung, dast der Gefangene trotz seines un­günstigen Strafregisters keine Persönlichkeit war, die mit anderen Verbrechern ohne weiteres in einen Topf geworfen werden konnte. George war tzlter geworden und zeigte eine große Sehnsucht nach seiner Entlassung, aus die er sich Jahre lang kindlich freute, um irgend eine geordnete Existenz zu finden. Dazu führte er sich tadellos. Das indessen war nicht die Hauptsache. Der Geistliche und der von ihm auf­merksam gemachte Gefängnisdirektor Regierungsrat kamen zu der Erkenntnis, daß in dem Gefangenen eine ab­sonderliche Intelligenz stecke und zwar nicht nur in krimi­nalistischer Beziehung. Diese machte allerdings zunächst von sich reden. Es gelang ihm durch geschickte Beobachtung seiner Mitgefangenen, eine Reihe schwerer Verbrechen, die bis dahin keine Sühne gefunden hatten, was die Person der Täter anlangte, aufzuklären. Ein Gefangener, der wegen Raubes zu Zuchthausstrafe verurteilt. worden war,

wurde durch ihn als mehrfacher Mörder entlarvt. George wurde später aufgesordert, die ihm bekannten Ausdrücke der Verbrechersprache zusammenzustellen. Seine Arbeit wurde dem Material des Königl. Polizei­präsidiums zu Berlin einverleibt. Dabei wurde seine Fähigkeit, schriftstellerisch zu schreiben, entdeckt. Durch Ver­mittlung der Direktion der Strafanstalt wurden seine Auf­sätze, die sich meist auf PsydhÄogie des Verbrechens be­zogen, einer Reihe Redaktionen angesehener Zeitschriften zugänglich gemacht. Ihres eigenartigen Inhaltes wegen' fanden sie Aufnahme. Als George nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe auf Grund seiner guten Führung versuchsweise aus dem Zuchthaus entlassen wurde, ver­fügte er über einen leidlichen Sparpfennrg, den ihm lite­rarische Honorare eingebracht hatten. Mit seiner damaligen Entlassung aus dem Zuchthause beginnt der Teil feiner Existenz, der feinemFall" eine allgemeinere Bedeutung gibt. Er hatte etwas Geld, hatte ausgezeichnete Empfehl-- ungen und war zweifellos voll der besten Vorsätze. Dem Geistlichen hatte er -gelobt, nie wieder straucheln zu wollen. Trotzdem er nach alledem weit günstiger situiert war, als die große Mehrzahl anderer ehemaliger Verbrecher bei der Entlassung aus dem Gefängnis, erwies er sich bald, d-ast es unmöglich war, ihm irgend eine geregelte Tätigkeit zu verschaffen. Für grobe Arbert war er seiner Schwächlich­keit und Hinfälligkeit nicht zu verwenden. So kam er auf die Idee, sich, nach Art ferner Tätigkeit im ZuchthaW, in Könitz um die Aufklärung des dort begangenen Ver­brechens zu bemühen. Die Verwaltung des Zuchthauses wußte eine Berliner Persönlichkeit für ihn zu interessieren, und diese ließ ihm das Geld für feinen Aufenthalt dort eine Zeit lang Mr Verfügung stellen, lieber die Ergebnisse seiner Konitzer Bemühungen soll hier kein Urteil ausge­sprochen werden. Eines Tages fand der Gönner, daß es nun der Nachforschungen genug sei. Er hörte auf, den Rechercheur, der sich unterdessen auch den Mtel eineA Schriftstellers" Mgelegt hatte, zu unterstützen. George bot seine Dienste zunächst den verschiedenen Auskläruugskomitees an. Viel war bei ihnen nicht zu holen. Und dann kehrte er nach Berlin zurück, um hier Beschäftigung zu suchen, gleichviel, welcher Art. Er suchte und suchte. . . Jahre lang Hat er sich trotz fortgesetzter drückendster Not ordent­lich gehalten. Einmal, als er gar nicht mehr aus und ein wußte, fuhr er nach Braunschweig und bat, seine Beurlaub­ung rückgängig zu machen, damit er wieder ein Unter­kommen habe. Es wurde ihm zugeredet, den MUt nicht zu verlieren. -Er kehrte nach, Berlin zurück und suchte weiter. Schließlich ist er doch gestrauchelt und jetzt kommt er wieder ins Gefängnis.

Das Fräulein."

DerZeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachver­eins" seien nachstehende interessante Mitteilungen ent­nommen : Im Zweigverein Zwickau hielt kürzlich Professor Tr. Matthias einen Vortrag über die Geschichte von Made­moiselle, Mamsell und Fräulein. Tas Wort Fräulein ist uralt, recht alt auch seine Verwendung als Standesbezeich- uung für Töchter aus fürstlichen und adeligem Hause, aber sehr jung als solche für ledige Bürgerliche. Diese Ver­wendung wurde erst zum Neujahr 1794 durch eine Flug­schrift des Leipziger Rechtsanwalts und Verlngsbuchhänd- lers Baumgärtner angeregt, die zu einer lebhaften Erörter­ung in ganz Deutschland, auch in WielandsTeutschem Merkur", führte. Diese Erörterungen werfen Helle Streif­lichter auf die ganze damalige Zeit mit der Pariser Staatsumwälzung und den Frauzosenkricgen im allge­meinen, rind zugleich sind sie ein Stiick Sprachreinigungs- geschichte im besonderen. Es ist lehrreich, zu verfolgen, wie die französischen Titel mit deni dreißigjährigen Kriege ihren Eirrgang halten und um 1750 selbst in den B.nefen einer so deutschbewußten Frau wie der Gottschedin durch­dringen, die Madame und Mademoiselle bis dahin nut

I von Künstlerinnen und geborenen Französinnen gebrauchte. Die Bedeutungen von Hausfrauzösinnen oder Wirtschafterin für Mamsell entwickelten sich jene von oben herab, diese von unten hinauf, indem die adeligen Kreise für ihre Lehrerinnen des Französischen bewußt dauernd den fran­zösisch-bürgerlichen Titel sesthielten oder indem die niedere Hausbedientenschaft der leitenden, besser gebildeten Vor­steherin des Hauswesens, namentlich bewußt auf Schloß und Gehöft, den städtischen vornehmeren Titel gaben, der