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Tula war ein bekannter Trinker, Aufrührer und Rauf­bold, dessen unzufriedener Geist durch die nihilistische Pro­paganda aus Rand und Band geraten war. Paul stolperte zwei Stufen hinab. In der Hütte war es dunkel, der Starost rieb ein Zündhölzchen an.

Ich habe euch den Moskauer Doktor mitgebracht", rief er in die Hütte hinein.

Der Moskauer Doktor!" schrieen mehrere Stimmen. Sbogom, Sbogom! Gott mit ihm!"

Im Nu lagen alle auf den Knieen, klammerten sich an ihn und flehten um Hilfe: Tula selbst, ein wild aus­sehender Russe von etwa fünfzig Jahren, sein Weib, hager, abgezehrt, ein grauenhafter Anblick, denn es war zahn­los und fast blind, zwei Frauen und ein Junge von sechzehn Jahren.

Paul bahnte sich nicht unfreundlich einen Weg in den Winkel, wo unter dem Haufen zerlumpter Schaffelle zwei regungslose Gestalten lagen.

Das Weib ist tot", sagte er.Schafft es hinaus! Wann werdet ihr es lernen, sauber zu sein? Der Junge wird vielleicht am Leben bleiben, wenn er gehörig gepflegt wird. Haltet das Licht näher, Mütterchen. So ist's recht! Er wird am Leben bleiben. Kommt, herumsitzen und weinen dürft ihr nicht. Tragt alle diese Lumpen hinaus und verbrennt sie. Marsch, hinaus mit euch allen! Es ist eine schöne Nacht, und im Stalle liegt ihr besser, als hier. Du, Tula, geh' mit dem Starost, er wird Dir reine Decken aus seinem Laden geben."

Sie gehorchten ihm blindlings. Tula und eine seiner Töchter schleppten die Leiche es war die einer alten Frau in die Nacht hinaus. Der Starost hatte sich, als die Lampe angezündet worden war, bis zur Türschwefle zurückgezogen, denn der Mut entsank ihm, und die Luft war faul, voll Rauch, Schmutz und Ansteckung.

Komm', Wassili Tula", sagte der Dorfälteste mit verdächtigem Eifer,komm' mit, ich werde Dir geben, was , der gute Doktor mir befiehlt, obwohl Du mir Geld schuldig bist, und nie den Versuch machst, es mir wiederzugeben." Aber Tula küßte den Saum von Pauls Rock, indem er fortwährend etwas vor sich hinmurmelte, obwohl Paul nicht auf ihn achtete.

Wir verhungern, Euer Gnaden", sagte der Mann. Ich kann keine Arbeit bekommen. Im Winter hab' ich mein Pferd verkaufen müssen, und jetzt kann ich mein kleines Feld nicht pflügen. Die Regierung will uns nicht helfen, v.Tib der Fürst, Fluch über ihn, tut nichts für uns. Er wohnt in Petersburg, wo er sein Geld verschwendet, und hat mehr zu essen und zu trinken, als er braucht. Der Graf Stepan Lanvwitsch hat uns immer geholfen, G-ott sei mit ihm! aber sie haben ihn nach Sibirien geschickt, weil er den Bauern half. Er war ein großer Bärin, ein großer Herr, und doch hat er den Bauern geholfen."

Paul drehte sich plötzlich um und schüttelte den Mann ab.

Geh'! Geh' mit dem Starost und hole, was ich Dir befohlen habe!" sagte er.Ein großer, starker Mensch, wie Du, darf vor niemandem knieen. Ich werde Dir nicht helfen, wenn Du Dir nicht selbst hilfst, Du bist ein fauler Taugenichts; marsch, hinaus!"

Er stieß ihn aus der Hütte und schleuderte ihm mit deni Fuß ei» paar schmierige Lumpen nach, die auf dem Fußboden lagen.

Großer Gott!" murmelte er leise vor sich hin. lind eine solche Höhle existiert dicht vor den Mauern von Osterno!"

Die ganze Nacht ging er so von Hütte zu Hütte, ohne Begeisterung, ohne hochtrabende Begriffe von der Mensch­heit, ans einfachem Pflichtbewußtsein. Er wagte niemals, seinen Freunden von diesen Dingen zu erzählen, und sprach darüber mit keinem anderen, als mit Karl Stein­metz, der gewissermaßen von ihm abhängig war. Der Moskauer Doktor stand in Osterno und den benachbarten Dörfern dicht neben dem Herrgott. Viele der Bauern stellten ihn sogar über ihren Schöpfer. Es waren dumme, branntweinvertierte, unglückselige Menschen. Den Mos­kauer Doktor konnten sie mit ihren eigenen Augen sehen; da kam er, ein sehr greifbares Wesen aus Fleisch und Blut, packte sie bei den Schultern, warf sie zu ihren eigenen Häusern heraus, schleuderte ihnen ihr Bettzeug nach, zankte, schalt, beschimpfte sie, brachte ihnen Essen

es Ist

einer ernsten Verbeugung.

Trotzdem sagen Sie, daß sie nichts davon erfahren soll?"

Gewiß. Ein Geheinmis, das zwei Leute teilen, wird beträchtlich angespannt, und wenn man es zwischen dreien auszieht, wird es wahrscheinlich zerreißen. Sie können " ihr ja erzählen, wenn Sie mit ihr verheiratet sind.

sie einverstanden damit, in Osterno zu wohnen?" Ja ich glaube"

Was sagen Sie?"

Hm!" wiederholte Steinmetz, und es sah aus, als würde das Gespräch nun verstummen.

In dieseni Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Diener in reicher Livree mit gepuderter Perücke, Seiden­strümpfen und einem Gesichte, das wie von Holz aussah, brachte auf einem silbernen Servierteller einen Brief her­ein. Paul ergriff das viereckige Küvert und drehte es utn, wodurch auf der anderen Seite eine Krone in Schwarz und Gold zum Vorschein kam.

Karl Steinmetz sah die Krone, und sein ruhiger, unauffälliger Blick wich uicht von Pauls Gesicht, während jener den Brief öffnete und las.

Eine neue Schwierigkeit", sagte Paul, indem er seinem Gefährten den Brief über den Tisch zuwarf.

Steinmetz sah ernst aus, während er den dicken Brief­bogen auseinanderfaltete.

Lieber Paul!" lautete der Brief.Ich höre, daß Sie in Osterno sind, und daß der Moskauer Doktor sich in Ihrer Gegend aufhält. Bei uns in Thors steht schlecht; ich fürchte, es ist die Cholera. Der Ruhm Doktors ist zu meinen Leuten gedrungen, und sie jammern nach ihm. Können Sie ihn mir nicht bringen oder schicken Sie wissen, Ihr Zimmer hier ist immer bereit. Kommen Sie also bald mit dem großen Doktor und nnt H Steinmetz. Ihre alte Freundin Katharina Lanowuich.

P. S. Meine Mutter fürchtet sich weaeu der Ansteck miß, auszugehen; fte glaubt, daß sie ein w g erkältet ist."

und Arznei, verstand die Krankheiten, die von Zeit zu Zeit durch die Dörfer zogen, und keine Kälte war so groß, daß er ihr nicht getrotzt hätte, wenn sie in Not waren. Er verlangte kein Geld und gab ihnen keines; aber sie lebten durch seine Güte und waren weise genug, das zu erkennen.

10. Kapitel.

Kath arin a.

Paul war ein einfacher Mensch. Er fürchtete sich nicht vor der russischen Regierung, aber er fürchtete sich vor dem Entdecktwerden; denn das bedeutete ein sofortiges! Aufhören des guten Werkes, das ihn beglückte.

Als er mit Etta Beaumont in London war, vergaß er Osterno nicht; er sehnte nur die Zeit herbei, da er Etta offen ins Vertrauen ziehen und für den Gegenstand seines Ehrgeizes interessieren durfte, der darin bestand, seine riesigen Güter in jenes Stück Hefe zu verwandeln, das mit der Zeit das ganze Reich mit Sauerteig erfüllen sollte.

Ich habe große Lust, Frau Beaumont zu schreiben, und ihr alles zu erzählen", sagte er eines Morgens zu Steinmetz.

Ich würde das an Ihrer Stelle nicht tun", ant­wortete Steinmetz ruhig.

Warum nicht?" ftagte Paul.

Des Prinzips wegen. Man soll einer Frau nie etwas erzählen, was nicht interessant genug ist, um ein Ge­heimnis daraus zu machen."

Paul blätterte eine Weile in seiner Zeitung, dann blickte er plötzlich auf.

Wir sind veblobt", bemerkte er mit Nachdruck.

Steinmetz nahm langsam die Pfeife aus dem Munde. Ihm eine Neuigkeit mitzuteilen, machte niemals Ver­gnügen; denn er kannte sie entweder schon, oder zeigte kein großes Interesse an der Sache.

Desto schlimmer", sagte er.Eine Frau verbirgt nur das Schlechte an ihrem Gatten; wenn sie etwas weiß, wodurch die Männer anderer Frauen kleiner erscheinen, schwatzt sie es aus."

Sie kennen Etta nicht", meinte Paul halb schüchtern. Sie ist voll Teilnahme und Mitleid für das Volk."

Daran zweifle ich nicht", antwortete Steinmetz mit