oruß gereichte, doch wagte er nicht dazwischenzutreten, als Nell einem der Leute, die sich eingedrängt hatten, den Auftrag gab, nach einem Arzt in Strvan zu gehen.

Wer hat es getan?" fragte jetzt jemand, doch nicht der Wirt.

Clifford war zurzeit kaum bei Bewußtsein. Er war auf ein Sofa gelegt worden, während Nell, die genug Geistes­gegenwart bewahrte, um nützlich zu sein und zu sehen, worin die Gefahr bestand, die Finger selbst auf me Wunde drückte, um dem Bluterguß Einhalt zu tun.

Sie hörte die Frage und beantwortete sie.

Es ist Jem Stickels gewesen. Er stach nach ihm durch das Fenster der Tür."

(Fortsetzung folgt.)

Im Banne des weißen Todes.

Aus: Kapitän Sverdrup,Neues Land".

(36 reichillustrierte Lieferungen ä 50'Pfg., F. A. Brockhaus in Leipzig.)

Die vierte Lieferung von Kapitän Sverdrups Werk Neues Lau d" (Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig) beginnt mit einem Kapitel über die Polar-Expedition des Amerikaners Greeley, dessen Lagerplatz von Sverdrup auf­gesunden wurde, um nach Resten jener furchtbaren Tragödie zu forschen, die der Rettung der wenigen Ueberlebenden vorherging. Erst wenn man diese Schilderung gelesen hat, weiß mau voll zu würdigen, was für Helden jene Männer find, die im Dienste der Wissenschaft hinausziehen in die Welt des ewigen Eises, ohne die sichere Hoffnung zu haben, zurückkehren zu können in die geliebte Heimat, in den Kreis der Familie. Wie nahe stand Sverdrup und den Seinen vft der Tod! Aber wenn auch seine Expedition zwei treue Mitglieder, darunter den Arzt, verlieren mußte, glückte es ihr doch, nach langen Jahren auf ihrem SchiffeFram" ijts Vaterland zurückzukehren. Wir lassen hier die Schilder­ung, die Sverdrup über die Expedition Greeleys und ihr trauriges Ende gibt, folgen, indem wir im übrigen unseren Lesern die Lektüre des Sverdrupschen Werkes empfehlen.

Dem Kavallerieleutnant A. W. Greeley war 1882 die Leitung zweier Stationen für magnetische und meteorolo­gische Beobachtungen, die die Vereinigten Staaten über­nommen hatten, übertragen worden. Alljährlich sollten die Stationen von einer Hilfsexpedition besucht und die dort Befindlichen der Reihe nach abqelöst werden. Wer weder 1832 bis 1883 konnten die Hilfsexpediionen bis dorthin gelangen. Im letzteren Jahre wurde sogar eines der Schiffe, derProtheus", vom Eise zerdrückt und ging auf halbem Wege zwischen Kap Albert und Kap Sabine unter.

Der Bericht über den Untergang desPvotheus", den Greeley in Brevoort vorfand, war ein harter Schlag für den kühnen Polarreisenden, bildete aber nur den Anfang der Tragödie, die sich im Laufe der nächsten neun Monate auf der öden Insel im Eismeere abspielte, einer Tragödie, die es an Schaurigkeit mit den grauenhaftesten Erzähl­ungen über das Martyrium arktischer Reisenden aufnimmt.

In einem Steinhause mit dem letzten Boote als Dach schleppten sie sich hungernd einen hoffnungslosen Winter hin. Nur einige wenige Seehunde, ein paar Füchse und im April ein kleiner Bär, sowie eine Art Seeflöhe, die sie selbstKrabben" nannten, bildeten den Zuwachs, den ihre kärglichen Vorräte enthielten. Sie machten daraus, was sie konnten, indem sie außerdem Lederriemen kochten, die sie aus Schuhen und Anzügen schnitten.

Die offizielle Dotenliste spricht eine fürchterliche Sprache.

Won 26 überlebten nur sieben die schreckliche Zeit. 14 hungerten, zwei von diesen litten dazu noch an Skorbut und einer an Darmentzündung. Einer starb an Skorbut, einer, Sergeant Elison, an den Folgen von Erfrierung der Glieder. Unter unerträglichen Schmerzen lebte dieser über sieben Monate mit erfrorenen Händen, Füßen und Nase, und um den Löffel zum Munde führen zu können, ließ er ihn sich schließlich au den Armstund festbinden. Einer starb auf einer Schlittenfahrt Vor-Fvost und Erschöpfung, einer ertrank bei der Jagd, und einer, der Gemeine Henry, wurde auf Greeleys Befehl erschossen, weil er von den für alle bestimmten Vorräten stahl und deshalb als gefährlich für das Leben der übrigen angesehen wurde. Da Henry der Riese unter ihNen und infolge der reichlichen Nahrung Mindestens ebenso stark wie zwei von den anderen war,

wurden die drei Sergeanten, denen der Befehl erteilt worden war, zugleich beauftragt, aufzupassen, daß nicht andere dabei verwundet würden.

Mitten in dieser schwarzen Nacht des Hungers und der Krankheit leuchten in vollem Glanze die Sterne des Pflicht­gefühls, der Selbstaufopferung und der Freundschaft. Die Augen müssen uns feucht werden, wenn wir davon lesen.

Leutnant Lockwood z. B. verhungerte am 9. April; aber bis zum 7. April hat er sein stenographiertes Tagebuch geführt und mit großer Genauigkeit Barometer- und Thermometerstand fast ohne Ausnahme von jedem Tage notiert. Um einen spärlichen Fleischvorrat zu holen, den Rares 1875 beim Kap Isabella hinterlegt hatte, zogen vier der ausgehungerten Unglücklichen auf eine freiwillige Expe­dition, aus. Sie bemächtigten sich des kostbaren Schatzes. Aber unbarmherzig fegt der Novembersturm über die Ebenen hin, wirbelt gewaltige Schneemassen auf, und der Frost packt den unglücklichen Elison. Das kostbare Fleisch müssen sie opfern, um ihren Freund zu retten, was ihnen aber rtotz allem nicht gelingt. Der kräftigste von ihnen, der kühne Sergeant Rice, soll Hilfe holen, während sich die beiden anderen in den Schlafsack legen und ihren er­starrten Kameraden zwischen sich nehmen, um ihn warm zu halten. Der Sack fror steif, und als die Hilfe kam, hatten sie 18 Stunden regungslos in derselben Lage dagelegen! , Gegen das Frühjahr 1884 machten zwei von diesen vieren, die Sergeanten Rice und Frederick, wieder einen Versuch, sich des Fleisches zu bemächtigen. Doch wieder sollte er mißlingen. Sie wurden von einem heftigen Schnee­sturm überfallen, und Rice wird schwerkrank. Um seinen sterbenden Freund zu erwärmen und zu schützen, zieht Frederick seinen Timiak, seine Eskimojacke aus Bogelbälgen, aus und deckt ihn damit zu. Umsonst, Rice beginnt von seinen Lieben in der Heimat und von all dem guten Essen, das er bekommen würde, wenn er nach Hause käme, zu phantasieren. In einem klaren Augenblicke nimmt er seinem Freunde das Versprechen ab, seinen Nachlaß mit heim- zun^hmen und seine Manuskripte an ein bestimmtes Blatt zu senden.

Halb entkleidet, in einem fürchterlichen Schneesturme bleibt Frederick mit seinem Freunde im Arme mehrere Stunden auf dem Schlitteu sitzen, bis Rice ausgelitten hat. Er kann selbst nicht mehr, aber das dem entseelten Freunde gegebene Versprechen und die Pflicht gegen sein Land und seine Kameraden stählen seine Willenskraft. Er tastet sich dorthin, wo sie den Schlafsack zurückgelassen hatten, um das Fleisch schneller transportieren zu können, und ruht sich bis zum nächsten Tage aus. Dann kehrt er nach dem Schlitten zurück, nimmt das, was er nach! Rices Bitte mit heimnehmen soll, an sich und hackt und gräbt mit einem Beile und seinen bloßen Fingern dem Toten im Eise ein Grab.

Im Jahre 1884 zog eine Entsatzflotte von drei Schiffen unter Führung des Kapitäns zur See W. S. Schley, des jetzigen Admirals, zwischen Grönland und Ellesmereland nach Norden. Sie legten Depots an verschiedenen Stellen an, und am 22. Juni kamen zwei Schiffe nach Kap Sabine. Schon waren Partien an Land gesandt, um Depots an­zulegen, als die an Bord Gebliebenen trotz des Heulens des Sturmes Hurrarufe hörten und gleich darauf Signale sahen, welche meldeten, daß ein Bericht von Greeley ge­sunden worden sei.

Die Mitteilung verbreitete sich mit Blitzesschnelle, und es ertveckte unermeßliche Freude, als man hörte, daß es Greeley gut gehe, er aber nur noch 40 Rationen habe. Leider folgte sofort die Enttäuschung, denn als sie an die letzte Seite kamen, lasen sie mit Bestürzung das Datum des 21. Oktober 1883, das war also vor acht Monaten!

In größter Spannung wurde eine Schaluppe nach Norden geschickt. Sie spähen und spähen, und endlich sehen sie in der trüben Luft oben auf einen: kleinen Bergrücken die Umrisse eines Menschen. Es wird signalisiert; die Gestalt antwortet und kommt herunter, sie geht aber wie ein Trunkener und fällt zweimal. Sie sieht aus wie ein Gespenst mit eingefallenen Wangen, wilden Augen und zottigem Bart und Haaren. Leutnant Colwell, der Führer des Bootes, füllt seine Taschen mit Brot und Pemmikan und eilt mit mehreren Begleitern in Greeleys Zelt.

Dort wartete ihrer ein grauenhafter Anblick. Der Tür zunächst lag ein Mann, der tot zu sein schien, mit herab­gesunkenem Unterkiefer und offenen, ftarrblickenden Augen.