Freitag den 24. April.
VST
$1
1903. — Nr. 60
iHMpy U^A-7717^
OM^WD
(Nachdruck verboten.) i
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Nell sagte hieraus nichts. Sie stand unter dem Eindruck der lächerlichen Seite der Sache. Hier war drese I kleine alte Jungfer, auf einen öden Strand geworfen, wohin I von der „Gesellschaft" nie etwas drang, vergessen von aller Welt, ohne Einfluß, die nichts besaß als ihre Ansprüche auf fleckenlose, gute Geburt; die ihre engen kleinen Gesetze für alle Welt aufstellte und von jedermann erwartete, sich mit seinen oder ihren Vorurteilen und Gefühlen diesem prokruster- schen Bett anzupassen. . t .. . ,
Wie töricht ihre Rede aber auch ivar, so war sie doch so aufrichtig und ernst, daß Nells Geist ihren kritischen Bemerkungen sich beugte, und obschon esKostal nicht I gelang, Nell zu überzeugen, so schickte sre das Mädchen doch sehr unglücklich, dem Weinen nahe, nach Hause.
Das schlimmste war, daß die empfindsame, kleine alte Jungfer unter dem Vorwand, ihren Schützling von ihrer unglücklichen Neigung zu heilen, indem sie ihren Gedanken eine dem entsprechendere Richtung zu geben suchte, sich selbst Jems bemächtigte, ihm ihre Hilfe bei Nell anbot, wenn er sich zu bessern versprechen wollte, und den Fischer ermutigte, das Mädchen mehr als je zu verfolgen. Sie war es, die Jem überredte, mit geringerer Anmaßung nm sie zu werben mit dem Versprechen, ihretwillen em neues Leben beginnen zu wollen, und andern schmeichleri- I ^'n^^ob schon Nell erriet, wer diese Veränderung bei ihm bewirkt hatte, wurde sie doch dadurch genötigt, ihrem unwillkommeneren Bewerber gegenüber eine andere Haltung anzunehmen. Es ist leicht, stolz und geflissentlich kalt gegen eine anmaßende Person zu sein, doch wenn diese Person bescheiden und fast unterwürfig rn stlneu Bemühungen sich, selbst bei geringer Fähigkeit, nützlich zu machen, wird, wenn er darauf besteht, auch das Holz zu hacken und das Wasser zu tragen — dann ist es schwer, eine im strengen Sinne frostige Haltung aufrecht zu erhalten.
Auf die Spitze wurde dieses Verhältnis emes Naap mittaas getrieben, als Nell, von Miß Bostal zum Tee eingeladen, bei ihrer Ankunft von dem verhaßten ^em eingelassen wurde. , „ . _
Nell sah ganz betreten aus, als sie beim Erntrete,i ms Haus von den Lippen des jungen Mannes selbst erfuhr, daß er ebenfalls eingeladen worden wäre. .
Das Mädchen wendete sich nach der Tür des Speisezimmers, wo zu Ehren der Gelegenheit ein kleines Feuer brannte, um ihre Wirtin aufzusuchen. ,
Jem, der in seinen Sonntagskleidern war, ttt denen
er einen noch stärkeren Gegensatz als sonst zu dem fein- gebildeten Mädchen mit den zarten Händen darbot, sagte tölpisch, daß Miß Bostal gleich unten sein wurde. Als Nell, diesen Wink nicht beachtend, Miene machte, daS Zimmer zu verlassen, fand er plötzliche den Mut, sich ihr in den Weg vor die Tür zu stellen.
„'s ist absichtlich geschehen; sie hat's mit Wsicht getan , sagte er, es erklärend, wobei ferne Sprache noch bäurischer unter dem Druck der Aufregung wurde, „damit ich Gelegenheit fände, mit Ihnen zu reden."
Nell war aufgebracht und voll Angst, sie blickte ihm aber mit einem Ausdruck ins Gesicht, der ihn etwas em* schüchterte.
„Sie weiß nicht, was ich Ihnen zu sagen wünsche", fuhr er in heiserem Flüsterton fort. „Sie glaubt, daß ich Sie bitten werde, mich zu heiraten. Als ob ich ein so großer Narr wäre! Nein. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist, daß der Karl Hemming sich hier noch immer herumtrerbt. Er hält sich in der „Glocke" in Stroan auf und hat mir eine Fünspfundnote aygeboten, wenn ich ihm sage — was ich Ihnen gesagt habe. Und ich hab's abgeschlagen. So!"
Und ganz überwältigt bei der Betrachtung seiner eigenen Seelengröße, schlug sich Jem auf die Brust und riß die Augen weit auf.
Nell hörte zu, während Furcht und Widerwillen in ihr kämpften. Sollte sie dem Manne trotzen mit der Kenntnis, die er, wie sie glauben mußte, besaß? Oder sollte sre ihren Abscheu überwinden und Zeit zu gewinnen suchen? Miß Bostal hatte ihr geraten, ihm Trotz zu bieten; doch
I damals wußte Miß Bostal noch nicht, was s r e wußte.
Nell zitterte, als der Mann ihr einen Schritt näher trat’„3d) verstehe Sie nicht", sagte sie. „Was wollen Sie eigentlich?" , _ „ , „
„Ich wünsche, daß Sie mir euren Kuß geben.'
Tas Mädchen fuhr mit einer Geste des Abscheus I $ „Nun?" bestand Jem daraus, „'s ist, wohl überlegt, I wenig genug. Besonders, da ich nrir selbst ernen nehmen könnte, wenrr ich Lust dazu hätte." o
| Uud indem er es sagte, trat er noch euren Schritt näher auf sie zu und drohte es auszufuhren.
„Miß Bostal", sagte sre ruhig, als ob fern -Vorschlag I einer Bemerkung nicht wert wäre, „hat mrr geraten, Sie von Ihrer Angabe nach Gefallen Gebrauch machen zu lassem I Sie sagt, daß niemand Ihnen glauben wurde. ,
Und denken Sie's auch?" fragte er mrt eurem unbeschreiblich arglistigen Seitenblick.
Tie plötzliche Angst, die 6et dieser Frage ihr Gesucht I a b erlief, verriet ihm die Gunst seiner Lage.
I Hören Sie an", fuhr er in einem Tonefort, den er I 's,en der Ueberredung hielt, der aber Nell durch seine | grobe, angemaßte Vertraulichkeit abstieß, „ich will Sie zu


