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-leiben und tont neuen zu horchen. Auch abwärts machte er ein Stück des Weges, spähte vergeblich und eilte dann, von plötzlicher Angst gefaßt, bergauf. Wenn Edith nun ton Der" anderen Seite kam, ton Bezzngtto her und ihn vergeblich suchte! Atemlos gelangte er zurück zur Bank, aber die Bank war leer. Kein Don, kein Schritt, kein fernher dringendes Geräusch als das gedämpfte Brausen des Wildbachs in der Tiefe zwischen seinen rötlichen Felsen.
Tie Minuten enteilten; zuvor waren sie mit lahmen Schritten torübergeschlichen, jetzt flohen sie dahin, und jede von ihnen nahm, indem sie entschwand, ein Stückchen von Hoffnung und Glücksgefühl mit sich hinweg. Eine Viertelstunde war vorüber, — nun schon eine halbe! Sie kam nicht mehr, die Erwartete, Ersehnte, sein Herz fühlte es bereits als Gewißheit, und doch mochte es ttoch nicht! aufhören, zu hoffen. Er war wie im Fieber, seine Hände zitterten; sie waren eiskalt, aber in den Schläfen klopfte das heiße Mut mit vernehmlichen Schlägen. Und "nun meinte er, das Herz versage völlig seinen Tienst; für einen Moment stockte der Pulsschlag, ein Gefühl des Erstickens, des Schwindels kam ihn an. Zugleich aber auch das Gefühl einer ungeheuren Freude, einer höchsten, letzten Erwartung^. Ein Schritt war erklungen, vom Tal her sich nähernd, langsam, ganz langsam. Tie Wegesbiegung verbarg noch die kommende Gestalt, und der Sänger hatte die Fähigkeit verloren, sich zu bewegen. Er hatte mit der Hand einen am Wegrand wuchernden Lorbeerbaum erfaßt, als müsse er sich halten, und starrte mit brennenden Augen auf die Stelle, wo jetzt — fett —. Er wunderte sich nachher, daß er nicht aufgeschrieen hatte vor Schmerz und Enttäuschung beim Anblick der Gestalt, die nun wirklich vor seinen Augen erschienen war: eine Bauersfrau aus einem der Dörfer hoch oben, die mit den ruhigen Schritten der Bergbewohner den Pfad emporgestiegen war und nun mit einem höflichen „reverisco" an Rauchmauu vorüberging. Er nickte nur zur Antwort, er konnte nicht sprechen. Wie zermalmt sank er auf die Bank und begrub in der tiefen Stille, die dem Verhallen der Schritte folgte, die letzte Hoffnung.
Es war vorüber, — Edith hielt ihn keiner Antwort würdig. Ties verachtungsvolle Schweigen war schlimmer als die härteste Zurückweisung. Es war vorüber, alles vorbei! Noch ein Weilchen saß er regungslos in seinem dumpfen, erstickenden Schmerzgefühl, dann stand er auf. Tief unten hatte es sechs Uhr geschlagen; nun hatte er eine Stunde vergeblich gewartet, nun mußte er gehen. Bei dem Gedanken aber, ins Hotel zurückzukehren und der Kollegin zu begegnen, faßte ihn ein tiefer Widerwillen, und so ging er bergauf, durch Bezzuglios kiihle Schatten hindurch, dann weiter auf einem der Wege, die nach Fasano di sopra führen. Als er in diesen Ort hinabgestiegen war, sah er mit einem Lächeln voll Schmerz den Wegweiser, der die Inschrift „Lorbeerweg" trägt. Zeigte der hölzerne Weiser ihm den Weg in die Zukunft? War es der Lorbeer nur, der einst so heiß begehrte, jetzt beinahe verachtete, beit das Leben ihm bot? Sollten die Rosen der Liebe für immer seinem Tasein versagt bleiben? Er fragte sich's, indem er dem Weg folgte, der wenigstens noch nicht zur Tiefe führte. So kam er langsam nach Gardone di sopra, schritt an den grauen Bauernhäusern und den tropisch umgrünten Villen mit gleicher Achtlosigkeit vorüber und stand plötzlich vor der Kirche, die, auf mächtigem Unterbau- weit vorgeschoben, die Umgebung beherrschte.
Es fiel ihm ein , daß Edith einmal die Aussicht von. der die Kirche umziehenden Steingalerie gerühmt hatte; auch war ein rötliches Leuchten um ihn her, dessen er sich in seiner schmerztollen Versunkenheit halb bewußt wurde, und das Besonders zu künden schien. So umschritt er die Kirche, trat auf die Galerie hinaus und sah eine Batik vor sich an der Mauer des heiligen Gebäudes. Hier ließ er sich nieder, er war allein.
Ein paar Sekunden schloß er die Augen, dann blickte er auf. Und nun sah er etwas, das auf ihn wirkte wie eine Offenbarung, — die Offenbarung von der ewigen Schönheit, Größe und Majestät der Natur, die ihm bisher ein schweigsames, unlesbares Buch gewesen war. Tie Sonne ging nieder hinter den Bergen, die Salo beschirmen. Jene drohende Gewitterwolke hatte sich nun doch von Pizzocolo gelöst und sich zerteilt in unzählige, locker geballte Dunst- massen, die in reinem Grau vor einem Himmel von unsäg- licher Klarheit und Reinheit schwebten. Und über ihr Grau
schüttete die sinkende Sonne jetzt ein Meer von Glut, dessen etnzelne Wellen rot und gelb, goldig und grünlich erstrahlten. Hier und da ein Glanz wie von weißglühendem Metall, und unter diesem himmlischen Farbenspiel, vom Wiederschein, übergossen, das wundervolle Stück von Erde und See, diese Kette von Buchten und Vorgebirgen, diese Wälder von immergrünen Bäumen und die gewaltige, ruhige Fläche des Wassers mit sanftem Rot auf dem stumpfer gewordenen Blau. Da drüben im Osten aber wie ein Beherrscher dieser schönen Welt der gewaltige, breit hingelagerte Monte Baldo, von ungeheuren Schneemassen bedeckt, feurig rosa erglühend über verblauender Tiefe. Bläuliche Schatten auch in den Abgründen zwischen tortretenben Felsensprossen, hoch oben aber am äußersten Raub entlang ein schmaler Streifen von Licht, bas ganze Profil bes Berges mit silbern em Band umgrenzend, eine leuchtende Scheidelinie zwischen Erde und Himmel.
In dieser Stunde des Sonnenuntergangs öffnete sich Rauchmanns Seele für ein neues Gefühl; wie der Held im Märchen durch die Berührung des Drachenblutes die Sprache der Vögel verstehen lernte, so tat sein Herz blutend sich auf für die Sprache der gesamten Natur. Er sah, fühlte, atmete diese erdrückende Schönheit, und wenn sie ihm im Augenblick * auch keinen Trost gewährte, sondern eher das Weh noch zu erhöhen schien, so sagte ihm doch zugleich ein dunkles Ahnen, daß seinem Leben etwas Neues, Großes zu teil geworden sei. Klarer durchströmte ihn ein anderes Gefühl; es gab etwas Mächtigeres als die Kunst, — die Natur, es gab etwas Schöneres als Erfolg und Ruhm, — die Liebe. Tas aber war der herbste Schmerz von allen: indem sie ihm entschwand, erkannte er zum erstenmal ihren ganzen Wert; wie das Rot am Himmel allmählich erlosch und verglühte, so starb auch für ihn das Licht, von dem die Seele lebt. Tort hinten am Monte Baldo schienen die bläulichen Schatten emporzukriechen, rasch, wachsend, mörderisch für das weichende Licht, bis es ganz entschwunden und vergraben war unter einem kalten, toten, nächtlichen Blau. Majestätisch war er noch immer, der gewaltige Berg; aber die Schönheit und Anmut ivaren von ihm genommen mit der gestorbenen Farbe der Liebe.
So blieb auch er, der Mann, der mit brennenden Blicken das Schauspiel des Sterbens verfolgte, des Schönsten int Leben beraubt, einsam zurück. Groß, bewundert, berühmt wohl noch immer; aber allein geblieben mit dem letzten und einzigen, was fhm das Lehen ließ, — allein mit seiner Kunst.
Dem traumhaft schönen Sonnenuntergang war ein Umschlag des Wetters gefolgt. In der Nacht hatte sich der Wind aufgemacht und seine Stimme von Stunde zu Stunde lauter erhoben; mit Anbruch des Tages war er bann zum tu Üben Südoststurm angewachseu, der auch in die stille, geschützte Bucht von Fasano heulend hineinfuhr.
Fast ausnahmslos waren die Gäste des Hotels Gigola gedrückt oder mißmutig diesen Morgen. Sie waren so sehr verwöhnt durch die Gunfi der Sonne, daß sie das eilig vorüber gepeitschte Grau dieses Tages nur mühsam ertrugen. Auch fehlte dem Auge die gewohnte Abwechslung. Kein Boot wagte sich hinaus auf den wütenden See, die Dampfschiffe hatten die Fahrt eingestellt, und wenn die Generalin fest entschlossen gewesen wäre, mit Edith abzureisen, heute hätte die Flut sich geweigert, sie zu tragen. Ihnen hätte nur der weite, mühsame Landweg offen gestanden, und schon eine geringere Schwierigkeit Ijatte Die Generalin bestärkt in ihrem Zaudern und leisem Hofstn, daß sich die Reise noch verschieben lasten wurde. Aber verstimmt und ungeduldig war auch sie durch das immer noch zunehmende Unwetter, und in dieser Laune gtng fie nach dem Frühstück, das sie mit ihrer Tochter auf dem stimmer einaeitontmen hatte, ohne deren Begleitung in bin Speisesaal hinunter. Eine größere Zahl der Gäste war hier noch unschlüssig, gelangweilt sitzen geblieben.
Nach einem kurzen Aufleuchten ber Mienen, das heute jeder kleinsten Zerstreuung folgte, versanken die Anwesenden, als die Generalin sich zu ihnen gesetzt hatte, sehr schnell wieder in ihr ärgerliches Brüten. Umso lieber be- merkte sie unter den mürrischen Menschen zwei, die sich von der grauen Stimmungsfärbung der übrigen _ Nicht hatten anstecken lassen, sondern ihre alten Gesichter m ungewohnt fröhliche Falten legten. Es waren Fraulem Haseler und Oekonomierat Mmmermann. Jene hatte ihren Polly


