Montag den 31, Dezember.
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(Nachdruck verboten.)
Wotans Aerloöung.
Novelle von Robert Kohlrausch!.
(Fortsetzung.)
„Was machen Sie für Szenen und wie kommen Sie hierher?" war seine erste Frage.
„Aber ich bitte, mein Herr", gab sie lächelnd zurück, >,sert wann sagt man denn „Sie" zu seiner Braut? Muß ich an unseren Kontraktabschluß im „Cafe Luitpold" erinnern? Ja, Wotan, Wotan, was ist denn mit Dir los?"
Er blieb vor ihr stehen, mit blitzenden Augen, die Stirn drohende Falten gelegt. „Daß ich hier keine Ko- mvdre sprelen will, "das ist mit mir los", antwortete er gedampft, aber heftig.
„Wer spricht von Komödie? Ich komme in sehr wich- trgen Angelegenheiten. Mein Gastspiel an der Skala, das in fünf Tagen anfängt, ist die eine, die andere geht uns beide an."
„Wieso?"
„Wir müssen uns heiraten, Wotan."
Er lachte kurz auf, hart, unfreundlich, bitter. Das Lachen war beredter als Worte, sie aber ließ sich nicht irre machen.
„Wenn ich sage, „wir müssen", so kannst Du doch denken, daß ich meine Gründe habe. Du weißt ja, ich hatte ebenso wenig Lust dazu, wie Du selbst."
„Ich weiß, daß bei allen Weibern, auch den scheinbar vernünftigsten, der Refrain des Lebensliedes das Heiraten ist." d
„Laß Dir nur erst erzählen." Sie hatte sich auf den einfachen, hellbezogenen Tivan niedergesetzt und zog ihn an der Hand auf den Platz an ihrer Seite nieder. Jetzt ^?ugte sre sich nahe zu ihm heran und flüsterte ihm ihre Erzählung ins Ohr; einzelne Worte nur klangen vernehm- licher. „Neulich habe ich gastiert in der — der Fürst — sehr gnädig/ sehr gnädig, — goldene Medaille — wünscht es, wünscht es dringend —" | ;
Sie war ihm beim Schluß ihrer Rede so nahe gekommen, daß die Zitvonendame, die merkwürdig häufig an der Glastür des Lesezimmers vorüberging und mit den Augen aufzufangen suchte, was das Gehör ihr versagte Mnz aufgeregt ausrief: „Eben hat sie ihn nämlich gekißt wahrhaftig, sie hat ihn gekißt." 0 p
Rauchmann beugte sich zurück vor der unwillkommenen Annäherung und sagte zornig: „Das ist ja hübsch! Dazu gut genug, - es ist ja reizend. Meine Meinung über diese Sache werde ich Ihnen, — werde ich Dir nock recht gründlich sagen. Aber nicht hier und nicht jetzt. Wir haben bereits Publikum da draußen, und daß ich nicht gesonnen bin, hier eine Gastrolle zu geben, das sagte ich
Außerdem habe ich eine Verabredung, die keinen! Aufschub duldet. Gestatte mir also, daß ich Dich zunächst' auf Dem Zimmer führe, falls Du bereits eins! erhalten hast."- „O nein, bis jetzt noch nicht. Ich hätte mir und Tip . Überraschung verderben können. Aber ich- wäre wirklich nicht böse, wenn ich den Reisestaub ein wenig abschütteln könnte, und nebenbei hoffe ich;, daß mein Wotast etwas besserer Laune ist, wenn er von seiner Verabredung« — sie betonte das Wort sehr malitiös — „von seiner Verabredung zurückkommt."
Er Kickte die Achseln, ohne noch Antwort zu geben, und geleitete sie in das Bureau des Hotels, wo er sitz der Fürsorge der Signora Gigolä überantwortete.
Seine hoffnungsvolle Stimmung war durch diesen! Zwischenfall arg gestört worden; es schien ihm ein böses Omen, daß seine Pseudobraut gerade an diesem Tage, der über fein Gluck entscheiden sollte, ihm in den Weg getreten war. Er atmete erleichtert auf, als er sich- von ihr befreit hatte und nun unter duftendem Lorbeer langsam hinauf- stteg in die Einsamkeit der Berge. Biel zu früh ttieb ihn die Erwartung hinan, aber hier war er wenigstens allein gttt sich selbst, mit den neuen, großen, ungewohnten Ge- fuhlen, die ihm das eigene Ich und zugleich die ganze Welt zu verändern schienen. Seit er in den Bergesfrieden swfftteten war hatte er wieder zu hoffen angefangen; er suhlte sich Edith naher in dieser Natur, die ihr so eng befteundet war, wenn ste zu ihm selbst auch noch immer nicht sprach.
Fast eine Stunde vor der Zeit gelangte er zu der bezeich!-, neten Bank am blütenumspvnnenen Abhang der Bezzuglio- Schlucht. Hier setzte er sich nieder, aber es duldete ihn nicht lange auf fernem Platz. Er begann, den fast Horizont talen, breiten Weg hin und wieder zu wandeln, der am Ab- hang entlang führt. Alles war wie an jenem Morgen, als er mit Edith hier gewesen war; nur auf dem Gipfel des Pizzoeolo ruhte eine schwere, grauweiße Gewitterwolke, unter deren Schatten die Farbe der Felsen sich verwandelte. Ein dunkles Graublau färbte dort oben das Gestein, in finsteres Violett vertiefte sich das Rotbraun der dürren Bäume, die noch vergeblich auf den Frühling warteten.
Rauchmann runzelte die Stirn, als er das Gewitter^ drohen dort oben sah. Sonnenschein wollte er haben; Hellen, bleibenden Sonnenschein für sein Leben sollte diese Stunde ihm bringen! Er zürnte der lastenden Wolke, die den Gipfel des Berges nicht freigab: an übler Vorbedeutung war der Tag auch obuehin schon reich genug. Unablässig ging er auf und nieder, um dann plötzlich mit seufzendem Atemzuge stehen zu bleiben, als der Klang einer Dorfglvcke verweht zu ihm heraufdrang. Es war fünf Uhr, die Stunde, die er bestimmt halt». Kam durch die Stille kein Geräusch von Schritten, kein leises Zeichen vom! Nahen der Geliebten? Er stand, er horchte, er ging bis' zur nächsten Biegung des Pfades, nm wieder stehen zu


