628
die alten, morschen Häuser, die Werkstatt des Stellmachers, die Pferde mit alle dem Vorrat an Heu und Stroh und oben die Frau mit den kleinen Kindern."
„Und die schönen, schönen Gemälde, an denen man so unzählige kleine Striche machen muß und die man so lieb gewinnt! Ach tote furchtbar wäre das!" rief sie schmerzlich die Hände ringend.
„Richtig, Monsieur Hamors Bilder, die hatte ich ganz vergessen. Gut, ich will sehen, daß nichts zu Schaden kommt. Es ist wirklich ein Glück, daß es entdeckt hast, denn heute wäre wohl kaum eine hilfsbereite Hand zum Löschen auszutreiben. Du bist ein gutes Kind, Guenn!"
„Darauf kommt's jetzt nicht an", versetzte sie gleich?- tziltig.
„Nun, und Du — wirst Du auch wach bleiben?"
„Ich werde daheim im Bette liegen, wie alle braven Leute, die nichts davon wissen", erwiderte sie mit schlauem Blick.
Er sah ein, daß ihr daran lag, zu Hause zu sein, um keinen Verdacht zu erregen. „Es war das einzig Richtige, zu mir zu kommen", meinte er lobend. „Du bist doch immer klug und überlegt. Gute Nacht, Guenn!"
„Gute Nacht, Monsieur!" Noch einmal kam sie zurückgesprungen. „Monsieur", flüsterte sie eifrig, „wenn Sie alle Spuren der Lunte vernichten und gegen niemand etwas davon verlauten lassen, so wäre das der sicherste Weg, sie an einer Wiederholung zu verhindern."
„Wieso?"
„Weil er dann — ich meine die Männer — glauben werden, daß Morots Geist über dem Ort wacht", — sie bekreuzte sich hastig, um ihre Ehrfurcht vor den Ueberirdischen zu bezeugen. Hoffentlich beging sie keine allzugroße Sünde, wenn sie bei dieser Angelegenheit sich ihren Einfluß zu Nutze machte.
„Da hast Du recht, Guenn, daran habe ich noch gar nicht gedacht."
Sie zuckte die Achseln. „Die Männer denken überhaupt nie an's Notwendigste; tun Sie nur jetzt genau, was ich Ihnen gesagt habe."
„Gewiß, gewiß", erwiderte der Polizeiches willfährig.
So schnell sie konnte, eilte sie über den Dorfplatz, bis zu der großen Glastür, hinter welcher das gelbe Licht so verlockend schimmerte; dort traf sie Nannic, der auf der Schwelle zusammengekauert saß. Beim Herannahen seiner Schwester öffnete er die Augen. Sie nickte bedeutungsvoll uno fragte, einen ängstlichen Blick auf die Tür werfend: „Kannst Du jetzt mit mir gehen?"
„Ich soll auf ihn warten. Er fürchtet sich vor mir, weil er glaubt, ich habe etwas gehört. Er fürchtet, ich möchte ihn anzeigen. Als ob ich je etwas anzeigte! Darum hat er mich den ganzen Tag über nicht von der Seite gelassen. Als ob ich ihm etwas anhaben könnte! So ein armer kleiner Krüppel wie ich!" In Nannies schlauer Miene lag eine Welt von bitterem Hohn und Triumph.
„Nun denn, so werde ich gehen, ich wollte, Du könntest Mitkommen!" In aufwallender Zärtlichkeit setzte sie hinzu: „Du bist stets ein lieber, guter Junge gewesen, Nannte, der beste Bruder, den jemals eine Schwester gehabt hat, aber was Du heute für mich getan — ich — ich —" Verlegen zupfte sie an ihrer Schürze, ihr bleiches, übermüdetes Gesicht begann sich zu röten. Die kecke Guenn stammelte, zitterte und fand keine Worte.
„Geh Du nur heim", murmelte Nannic mit halbgeschlossenen Augen. „Ihr Mädchen seid törichte Dinger, eine wie die andere.
Guenn vermied ech quer über den geräuschvollen Platz zu gehen, und schlich sich im Dunkeln am Ufer so eilig als möglich davon. Die Fenster eines oberen Zimmers im Grand Hotel, wo die drei Maler mit einen: Freunde Whist zu spielen pflegten, waren erleuchtet, sie stand einen Augenblick still und blickte hinauf. Sie hatte sie auch heute abend zu früher Stunde hineingehen sehen, und als jetzt ein dunkler Schatten hinter dem Vorhang sichtbar wurde, hoffte sie, es sei Hamor, und machte sich durch diesen Gedanken beglückt aus den Heimweg,
Alle ihre Sinne waren geschärft und erregt wie nie zuvor. Ihr war, als höre sie Gras und Kräuter wachsen und die Bäume sich strecken und dehnen. Nebelhafte Gestalten schienen vor und neben ihr aus dem Booen zu steigen. Mechanisch bekreuzte sie sich und setzte ihren Weg nnverraat und ungehindert fort- So fest sie an das Vor
handensein einer übernatürlichen Welt glaubte, so wenig fürchtete sie dabei für ihre eigene Person. „Ich störe sie nie in ihrer Ruhe. Warum sollen sie mir übel wollen?" dachte sie bei sich erreichte bald ihr dunkles Haus und schlüpfte ins Bett. Ihr Gehirn brannte, ihr Körper schien nirgends einen Stützpunkt ftnden zu können. Ihr war, als ob das Bett, das Zimmer, ja die ganze Hütte in bodenlose Abgründe versinken wolle. ,,(£r sagte mir noch ich müsse essen. Vielleicht sehe ich dann morgen hübscher aus." Mühsam erhob sie sich, trank etwas Milch und aß ein paar fcit Srot.
Als ihr Vater und Nannic heimkehrten, sah Rodellec jte anscheinend im tiefsten Schlafe liegen, sie zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als er argwöhnisch das Licht der Kerze auf sie fallen ließ. Sobald er aber fort war, öffnete sie die Augen wieder und starrte noch stundenlang ins Dunkle; es war immer dasselbe Bild, das sich,vor ihren geisttgen Blicken entrollte: Die Menge zu Nevin um sie her, und Hamors Gesicht, unter allen das einzige, das sich von ihr abwandte. „Wenn er mich nur noch einmal anschauen wollte, dann könnte ich gewiß einschlafen, und ich muß schlafen, denn ich soll morgen hübsch aussehen. Warum kann ich aber auch mcht zur Ruhe kommen, da ich doch weiß, daß die herrlichen Bilder gerettet sind? Er liebt sie so von ganzem Herzen und arbeitet so fleißig daran." Hier hielt sie sich krampfhaft an der alten eichenen Bettlade fest, um sich vor dem Fallen, dem Versinken zu bewahren.
In dieser Nacht ereignete sich in Plouvenec nichts Schlimmes. Gegen Mitternacht landeten zwei Männer geräuschlos am Strande, nicht weit von Morots Speicher, schlichen behutsam über den Grasplatz, bückten sich- flüsterten eine Weile zusammen und kehrten nach ein paar Minuten eilig dahin zurück, woher sie gekommen waren. Als das leichte Plätschern ihrer Ruder verklungen war, kam ein kleiner Mann, der sich bis dahin hinter einem benachbarten Hause verborgen gehalten und gewissenhaft vermieden hatte, das Inkognito der beiden zu durchdringen, schnell aus seinem! Versteck hervor, ging aus das Gebüsch zu und trat mit dem Fuße einen einzigen kleinen Feuersunken aus, der im Grase flimmerte.
„Die hübsche, kleine Guenn", sprach er dabei lächelnd zu sich selbst. „Sie ist wirklich ein gutes Kind, jetzt wird sie ja wohl mit mir zufrieden sein. Seltsamer Weise ist auch mir wohler zu Mute, als wenn ich den alten Rodellec und Loic Nives hätte einsperren müssen. Denn natürlich ist Loic Nives der andere. Das kluge, kleine Ding! Leider scheint sie keine besonders hohe Meinung von mir zu haben."
Der Polizeichef seufzte und dachte auf dem Heimweg an Guenns schöne, strahlende Augen.
16. Kapitel.
Des morgens arbeitete Hamor jetzt regelmäßig auf einem alten Strandboot, das Guenn geschickt in die Nähe der Fähre gebracht hatte. Er begann damit von hier aus die Wälle, die Festungswerke, den steinernen Torweg und die Felsen aufzunehmen; daheim int Atelier entwarf er dann zahlreiche Skizzen von Guenn, wie sie das große Ruder handhabte; erst nachdem wohl ein halbes Dutzend größerer und kleinerer Entwürfe entstanden waren, meint« er die rechte Auffassung gefunden zu haben. Es herrschte ein stillschweigendes Uebereinkommen, daß ihn sein kleines Gefolge überall hin begleitete. Jeanne, wie immer mit ihrem Strickzeug bewaffnet, nichts ahnend von dem, was sich in ihrer Nähe entwickelte; Nannic, stundenlang schweigend vor sich^ hinbrütend, mit undurchdringlicher spöttischer Miene alles beobachtend, einen eigentümlichen, erwartungsvollen Ausdruck in seinen bleichen Zügen. Die Leute, die den Tag über mit der Führe kamen und gingen, sahen nur den eifrig beschäftigten Maler von einem Boot aus zeichnen, das w einiger Entfernung draußen ankerte und in dem ein junges Mädchen stand, mit dem Ruder kräftig gegen die Strömung ankämpfend, außerdem zwei Kinder am Steuer. Das fiel niemand aus. Die Maler waren ja alle ganz versessen aus das alte graue Gemäuer, obwohl, nach der Meinung der Bauern und Seeleute, die Plou- venecer Kirche mit den neuen, frisch geweißten Wanden weit schöner anzusehen war. Jeder wäre jedoch mit Hamors Wahl einverstanden gewesen, der gewußt hätte, daß Guenn Rodellec, das Kleinod des Dorfes, dazu erkoren war, dem Bilde erst warmes Leben zu verleihen, wie die Sonne den kalten Steinen der Festung.


