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so viel als möglich zu entäußern. Sie sind auf neue Moden so erpicht, wie J-rauen selbst; sie lassen sich von geschickten Putzmacherinnen herausstaffieren, und- die erste Aktrice eines Theaters ist meist glücklich genug, ihren Zweck zu erreichen. Was die Nebenrollen betrifft, so sind sie meist nicht zum besten besetzt; und es ist nicht zu leugnen, daß Colombine manchmal ihren blauen Bart nicht völlig verbergen kann. Allein es bleibe auf den meisten Theatern mit den Nebenrollen überhaupt so eine Sache; und aus den Hauptstädten anderer Reiche, wo man weit mehr Sorgfalt auf das Schauspiel tvendet, muß man oft bittere Klagen über die Ungeschicklichkeiten der dritten und vierten Schauspieler, und über die dadurch gänzlich gestörte Jllnsion vernehmen. Ich besuchte die römischen Komödien nicht ohne Vorurteil; allein ich sand mich bald, ohne daran zu denken, versöhnt; ich fühlte ein mir noch unbekanntes Vergnügen, und bemerkte, daß es viele andere mit mir teilten. Ich dachte der Ursache nach, und glaube sie darin gefunden zu haben, daß bei einer sülchen Vorstellung der Begriff der Nachahmung, der Gedanke an Kunst, immer lebhaft blieb, und doch das geschickte Spiel nur durch eine Art von selbst- bewußter Illusion hervorgebracht wurde. Wir Deutschen erinnern nns, durch einen fähigen jungen Mann alte Rollen bis zur größten Täuschung vorgestellt gesehen zu haben, und erinnern uns auch des doppelten Vergnügens, das uns jener Schauspieler gewährte. Ebenso entsteht ein doppelter Reiz daher, daß diese Personen keine Frauenzimmer sind, sondern Frauenzimmer vorstellen. Der Jüngling hat die Eigenheiten des weiblichen Geschlechts in ihrem Wesen itnb Betragen studiert; er bringt fte als Künstler wieder hervor; er spielt nicht sich selbst, sondern eine dritte und eigentlich fremde Natur. Wir lernen diese dadurch nur desto besser kennen, weil sie jemand beobachtet, jemand überdacht hat; nnd uns nicht die Sache, sondern das Resultat der Sache vorgestellt wird."
Goethe schildert dann im weiteren noch, wie er die Locandieva von Goldoni von einem Jüngling dargestellt gesehen habe; die Rolle ist durch die Düse in Deutschland vielfach bekannt geworden — und Goethe meint, daß gerade in dieser Rolle, in der die unmittelbare Wahrheit durch eine Darstellerin vielfach empören müsse, ein männlicher Darsteller mit seiner Nachahmung mehr befriedige, und kommt zu dem Schluß, „daß, wenn nicht jeder sich daran ergötzen sollte, so findet der Denkende doch Gelegenheit, sich jene Zeiten gewissermaßen zu vergegenwärtigen, und ist geneigter, ben Zeugnissen der alten Schriftsteller zu glauben, welche uns an mehreren Stellen versichern: es sei männlichen Schauspielern oft im höchsten Grade gelungen, in weiblicher Tracht eine geschmackvolle Nation zu entzücken."
Indessen hat man sich in Deutschland schon zu Goethes Zeiten schon lange von solchen Anschauungen entwöhnt- wie ja bekanntlich die wenig naturwahre Bühnenkunst Weimars stets angefochten wurde. Schon zu Goethes Zeiten benutzte man die Darstellung von Frauenrolleu durch Männer, ebenso wie die sogen. Beinkleiderrollen der Frauen, um Heiterkeit zu erregen, und einige Jahre nach GoekheA Tod war es einer der tollsten Bühnenschwänke, die auf allen deutschen Bühnen die größte Heiterkeit erregte, Das Fest der Handwerker, dieses noch heute zuweilen gegebene Possenstück „mit verkehrter Besetzung" darzustellen, d. h. die Männerrollen dnrch Frauen, die Frauenrollen durch Männer geben zu lassen, und bis in unsere Tage tauchte von Zeit zu Zeit solche Harlekiuade auf, in denen der Komiker sich Franenkleider anlegte. Kurz vor Charleys Tante wurde ein deutscher Schwank, betitelt Amerikanisch, gegeben, in dem mit demselben Mittel der gleiche komische Effekt erzielt wurde.
Im Zirkus und auf der Spezialitätenbühne soll es übrigens heute noch nicht selten vorkommen, daß Männer in weiblicher Verkleidung in allen möglichen Künsten sich zeigen. Bei einem Zirkus wirkte auch der bekannte Zirkusschriftsteller Emil Mario Vacano einst als „Signora San- gumetta".
Der seltsamste Mann, der je in Frauenkleidern lebte, war der bekannte Chevalier d'Eon, von dem es freilich nicht ganz feststeht, ob er eine Frau oder ein Mann gewesen. Die neuesten Forschungen neigen der zweiten Annahme zu. Er tourbe int Jahre 1723 zu Tounerre in Bour-
gogne geboren unv tour De, nachdem er die Rechte studiert hatte, vom Prinzen Conti dem Könige Ludwig XV. für den diplomatischen Dienst empfohlen. Bei verschiedenen Gelegenheiten trat er schon in diesen diplomatischen Missionen, die ihm nun übertragen wurden, in Frauenkleidnng auf. Später muß er dann auf ausdrücklichen Befehl Ludwigs XVI. weibliche Kleidung dauernd tragen. Seit dem Jahre 1783 lebte er wieder in Loudon und ernährte sich durch Fechtunterricht, doch ging er stets in Damenkleidern, glich auch in seinem völlig bartlosen Gesicht und mit seiner zarten Gestalt einem Weibe. Er starb in London im Jahre 1810. Völlig aufgelöst ist das Rätsel seines Lebens nie, und trenn auch neuerdings festznstehen scheint, daß er zu den Männern gehörte, die in Weiberkleidern ein!)ergingen, so bleibt es umsomehr rätselhaft, toarum dies geschehen.
Literarisches.
— Friedrich Hebbels sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe besorgt von Richard Maria Werner. 12. Bde. Berlin, B. Behrs Verlag, Steglitzerstr. 4. — Die Hebbelausgaben mehren sich in einer für die Verehrer des großen Dithmarschen erfreulichen Weise; ob wir ihre zunehmende Zahl als gütigen Maßstab für das im Volke der Dichter und Denker vorhandene Verlangen nach dem Besitze des getoattigen, geistigen Schatzes, den der Name Hebbel bezeichuet, nehmen dürfen? Em lecher Zweifel ist leider berechtigt. Denn Hebbel, der unnahbare Bergriefe, der so lange nur kühnen, schwindelfreien Bergsteigern, die herbe Höhenluft vertragen und an Abgründen vorüberzuwandeln keine Scheu haben, zugänglich war, wird wohl noch eine zeitlang den Scharen der leichten Genuß begehrenden Spaziergänger als ein zu mühsames Ziel erscheinen. Indes haben die Zeit und begeisterte literarische Pioniere manchen Pfad geebnet und Viele zum tieferen. Verständnis des großen Denkers und Dichters hingeleitet; und mit dem Verständnis wird auch die Liebe kommen. Das Wort, das ein bekannter liebenswürdiger Dichter unsrer Tage über den Dichter der „Judith" und der „Nibelungen" sprach, dessen „Phantasie unter dem Eise brüte", muß allmählich seine abschreckende Kraft verlieren. Jede neue Hebbel-Ausgabe dürfen wir freudig begrüßen als eine erneute Anregung, als ein Werben für den noch immer zu wenig gewürdigten Dichter, das nicht ohne jeden Erfolg bleiben kann. - Die große von dem Lemberger Professor Werner besorgte Hebbel-Ausgabe, die unlängst fertig geworden ist, überragt natürlich alle anderen Ausgaben unt ein Bedeutendes. Werner hat wohl keine Zeile übersehen, die Hebbel geschrieben hat, und ist mit der ganzen Gründlichkeit bei der Herausgabe verfahren, die man von jeljer dem deutschen Gelehrten nachrühmt. Die Einleitungen des Herausgebers zu den einzelnen Hauptwerken tote zu den kleineren Schriften, sind klar und verständig und vor allem tiefgründig. Der echte Hebbelverehrer wird fortan me mehr zu einer der dielen vorhandenen Auswahlen feiner Werke, sondern nur noch dieser vortrefflichen Gesamtausgabe des eigenartigen Dichters greifen, der auch tu feinen Irrtümern groß und lehrreich bleibt.
Worträtsel.
Nachdruck verboten.
Der erste zieht durch schöne Zweite Mit nimmermüden Wandersinn. Mit hundert Sagen im Geleite lind tausend Liedern zieht er hin. . Fügt sich das erste Wort zum zweiten. Dann bin ich's selbst ich deutscher Mann. Und willst du mich zum Ball begleiten, Zeig ich dir, wie man's tanzen kann.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Austösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.: M E I I N N SOHN ELISA
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Aerlag der Brndl'schen Univerkitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


