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Vermag. Thymert war auch aus Fleisch und Blut und die hämische Freude in dem verzerrten Gesicht des kleinen Buckligen, der sich ihm stets abgeneigt erwiesen hatte, brachte ihn zu sich selbst.
„Ich komme Ihren neulichen Besuch zu erwidern, Monsieur Hamor", begann ex schwerfällig, aber mit einer gewissen, rauhen Würde. „Ich habe heute morgen im Dorfe zu tun, eS sollte mir jedoch leio sein, wenn ich Sie störe."
„Ganz und war nicht — nicht wahr, Guenn?" sagte Hamor verbindlich und mit sonnigstem Frohsinn. „Wir machten nur eben einen Versuch Vielleicht gefällt es Ihnen, uns bei der Arbeit zu sehen?"
„Ja", sagte er langsam, „ich möchte sehen, was hier vorgeht." Sein Blick gtttt unruhig in dem ganzen Raum umher, über die granitenen Fenstersitze, das glimmende Feuer inr Kamin, den Tisch mit den Buchern und Mappen, über Staffeleien und Paletten, Feldstühle und Draperien und alle das fremdartige Gerät und Zubehör des Künstlers. Was er sah, war wenig besorgniserregend — und doch vergaß Thymerts gequältes Herz nie den Eindruck, den er Lei diesem Besuch zuerst empfangen; niemals vermochte er anders als schaudernd daran zurückzudenken.
(Fortsetzung folgt.)
Männer in Frauenkleidern.
Vor kurzer Zeit starb in Freienwalde ein 82jähriger Greis, der fast sein ganzes Leben lang Frauenkleider getragen hat. Der Mann, Namens Klemens Jung, hatte sich als junger Bursche bet einem unglücklichen Sturz eine schwere Verletzung am rechten Oberschenkel zugezogen, sodaß ihm das Bein abgenommen werden mußte. Als er geheilt war, schämte er sich, mit dem hölzernen Stelzbein vor den Leuten herumzugehen und zog deshalb Frauenkleider an, durch die sein Gebrechen mehr verhüllt wurde. Beinahe 70 Jahre lang ging der Mann, der von seinen Ortsgenossen „die alte Klementine" genannt wurde, in Frauenkleidern einher.
Es ist dies wohl die seltsamste Ursache, wegen welcher ein Mann in seiner äußeren Erscheinung sein Geschlecht verleugnete. Indessen gab es und gibt es wohl heute noch zahlreiche Männer, die, sei es in einzelnen Fällen, sei es dauernd, Frauenkleider anlegten.
Es hat Männer gegeben, die zu bestimmten Zwecken, so um ihre Verfolger auf der Flucht zu täuschen, Frauenkleider für kurze Zeit anlegten. So floh z. B der bekannte holländische Gelehrte und Staatsmann Hugo Grotius im Jahre 1621 in den Kleidern seiner hochherzigen Frau aus dem Gefängnis und rettete sich nach Frankreich. Und es hat andere Männer gegeben, welche zu anderen Zwecken der Täuschung die Maske der Frau annahmen, sei es als Spione im Kriege, sei es um Betrügereien auszuführen. So erregte beispielsweise im Jahre 1807 in England ein Gauner großes Aufsehen, der sich in Damenkleidern bewegte und insbesondere in Postwagen bei vornehmen Herren Diebstähle ausführte, nachdem er die betreffenden Opfer zu allerlei Liebenswürdigkeiten und zärtlichen Annäherungen veranlaßt hatte. Und derartige Gauner sind wohl oftmals vor- und nachher in großer Zahl bis auf unsere Zert ausgetreten.
Weit interessanter aber ist das Gebiet der Männer in Frauenrollen auf der Bühne. In unserer heutigen Zeit wirkt die Darstellung einer Frauenrotte durch einen Mann wenn nicht gar unästhetisch, so doch höchst komisch, und nur zu komischen Zwecken legt der männliche Darsteller aus /der Bühne Frauenkleider an. Besondere Sensation erregte in dieser. Buchung der Schwank Charleys Tante, der vor zehn Jahren ettva von England nach Deutschland importiert wurde und noch heute manchmal gegeben wird, well die männliche Hauptrolle, eine Verkleidungsrolle, ungemein komisch wirkt. Auch auf den VariStübühneu treten oftmals Komiker in Damenkleidung auf, doch wirken diese sogenannten Damenimitatoven zumeist unästhetisch und widerlich. Der Unterschied zwischen diesen und den Daritellern der Hauptrolle von Charleys Dante liegt freilich auf der Hand. Die letzteren IvoHeit keine Frau in Wirk- ^chkeit darstellen, das Publikum, das die Jntrigue des Stückes kennt, ergötzt sich daran, wie im Stücke eine Person gesoppt wird dadurch, daß ein Mann, der jedem Zuschauer als Mann bekannt und erkennbar ist, sich, für eine Frau
: ausgibt. Je weniger dieser Komiker ivirklich als Frau erscheint, je mehr seine linkischen Bewegungen in den Frauen- kleidern das Publikum immer wieder an den Mann erinnern, desto komischer ist die Wirkung der Rolle.
Anders bei den Damenkomikern und Damenimitatoren, bel deren Auftreten der Witz darin liegen soll, daß sie durch Stimme, äußere Erscheinung und Allüren vollkommen den Mann zu verleugnen suchen und als Frau auftreten, um plötzlich dann am Schluffe ihrer Vorführung durch Rückfall ins männliche Organ sich als Männer zu decouvrieren. Alles das wirkt auf das feinere ästhetische Empfinden des modernen Geschmacks widerlich; das ist nuittsreilich nicht immer der Fall gewesen, die Anschauungen haben in dieser Beziehung vollkommen gewechselt. Es hat eine Zeit gegeben, wo die Bühne von Frauen überhaupt nicht betreten wurde und Männer in weiblichen Rollen aufttaten.
Das englische Theater zuin Beispiel wurde erst ungefähr im Jahre 1760, unter Karl II., von Damen betreten, deren Rollen bis dahin von Knaben und deni Alter dieser nahestehenden Jünglingen gespielt worden waren. Der letzte Schauspieler, welcher sich in weiblichen Rollen als Knabe berühmt gemacht hatte, sodaß er der Liebling aller Damen war, lebte noch weit ins 18. Jahrhundert hinein und hieß Khnaston. Häufig fuhren die vornehmsten Ladys, wenn er die Rolle der Julia oder Cordelia gespielt hatte, mit ihm im Hydepark umher und weideten sich an seiner Grazie, Zurückhaltung und dem schönen Anstande, sowie an der Täuschung, von welcher das große Publikum befangen Ivar, wenn es den Knaben für ein junge, reizende Miß hielt. Als endlich in England auch die Frauen die Bühne betraten, erregte es zuerst sittliche Entrüsttmg, und ein Epi- gramni aus jener Zeit lautet:
Da jetzt die Tugend farblos geht
Unds weibliche Geschlecht selbst ohne Scham dastehk, So hat es sich den Männern zugesellt
Und tritt nun im Theater auf fürs Geld.
In Italien hatte sich diese Sitte noch am längsten ev- halten; noch im 19. Jahrhundert, und in der Oper bis in unsere Zeit hinein, wurden Frauenrollen von Männern gegeben. Goethe widmete be seinem zweiten Aufenthalt in Italien im Jahre 1790 dieser seltsamen Erscheinung eine längere Betrachtung. „Es ist kein Ort in der Welt", so meint er, „wo die vergangene Zeit so unmittelbar und mit so mancherlei Stimmen zu dem Beobachter spräche, als Rom. So hat sich auch dort unter mehreren Sitten zufälligerweise eine erhalten, die sich an allen anderen Orten nach und nach fast gänzlich verloren hat. Die Alten ließen, wenigstens in den besten Zeiten, keine Frau das Theater betteten. Ihre Stücke waren entweder so eingerichtet, daß Frauen mehr und weniger entbehrlich waren, oder die Weiberrollen wurden durch einen Aktgur vor- gestettt, welcher sich besonders darauf geübt hatte. Derselbe Fall ist noch in dem neueren Rom und dem übrigen Kirchenstaat, außer Bologna, welches unter anderen Privilegien auch die Freiheit genießt, Frauenzimmer auf seinen Theatern bewundern zu dürfen." Goethe findet die Ursache der Erscheinung, daß sich in Rom die Sitte am längsten erhalten habe, darin, „daß die neueren Römer überhaupt eine besondere Neigung haben, bei Maskeraden die Kleidung beider Geschlechter zu verwechseln". „Im Karneval", so erzählt er, „ziehen viele junge Burschen im Putz der Frauen aus der geringsten Klasse umher, und scheinen sich gar sehr darin zu gefallen. Kutscher und Bediente sind als Frauen oft sehr anständig und, wenn es junge, wohlgebildete Leute sind, zierlich und reizend gekleidet. Dagegen finden sich Frauenzimmer des mittleren Standes als Pulcinelle, die vornehmeren in Offiziersttacht gar schön und glücklich. Jedermann scheint sich dieses Scherzes, an dem wir uns alle einmal in der Kindheit vergnügt haben, in fortgesetzter jugendlicher Torheit erfreuen zu wollen. Es ist sehr auffallend, wie beide Geschlechter sich in dem Scheine dieser Umschaffung Vergnügen, und das Privilegium des Tjresias so viel als möglich zu usurpieren suchen."
, „Ebenso haben", so fa$t Goethe dann weiter, „die jungen Männer, die sich den Weiberrollen widmen, eine besondere Leidenschaft, sich in ihrer Kun sb vollkommen zu zeigen. Sie beobachten die Mienen, die Bewegungen, das Betragen der Frauenzimmer auf das Genaueste; fie suchen solch« nachzuahmen, und ihrer Stimme, wenn sie auch den tiefen Ton nicht verändern können, Geschmeidigkeit und Lieblichkeit zu geben; genug, sie suchen sich ihres eigenen Geschlechts


