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„Guten Wend", sagte sie.
„Guten Abend, Frau Fürstin", antwortete er. Dann machte er die Tür sorgsam hinter sich zu.
19. Kapitel. Freundschaft.
Etta rührte sich kaum, als Steinmetz näher trat; sie schob nur einen ihrer kleinen, zierlich beschuhten Füße etwas näher an das Feuer. Steinmetz war einer der wenigen Männer, die ihrem Zauber nicht unterlegen waren, aber sie verzweifelte noch nicht; trotz seiner grauen Haare und seines kolossalen Umfanges war er ein Mann, also ein letcyres Opfer der Schmeichelei und dem Einflüsse der Schönheit zugänglich.
„Warum hassen Sie mich?" fragte sie, indem sie ins Feuer blickte.
Steinmetz sah mit seinen: finstern Lächeln auf sie nieder. Die Pose, von dem nachdenklich gesenkten Köpschen an bis zu dein unschuldig vorgeschobenen Füßchen, war tadellos.
„Warum glauben Sie das?"
„Was so deutlich gezeigt ivird, das sieht man schon."
„Was mit Absicht deutlich gezeigt wird, dient vielleicht dazu, das zu verbergen, was dahinter steckt", ant- toortctc er.
Etta wurde nachdenklich. Hatte Steinmetz die Absicht, ihr den Hof zu machen? Sie war kein unerfahrenes Mädchen und wußte, daß so etwas weder unmöglich, noch unwahrscheinlich war. Wie mochte Karl Steinmetz als junger Mann wohl ausgesehen haben? Selbst jetzt konnte er, wenn er sich Mühe gab, interessant sein. Woher sollte sie wissen, daß er gerade gegen die Frauen, die er verachtete, am liebenswürdigsten, am höflichsten war?
„Sie glauben wohl, daß mir nichts daran liegt?" sagte die Fürstin Alexis.
„Und Sie glauben, daß ich Sie nicht bewundere", antwortete Steinmetz mit unerschütterlicher Ruhe.
„Geben Sie mir keinen Grund, das zu glauben?" i „Nicht mit Absicht, Fürstin. Sie wissen, ich bin ein deutscher Dickkopf, und meine Stellung in Ihrem Hause ist, wie nur scheint, nur wenig von der eines Dieners verschieden, obwohl der Fürst fo gütig ist, mich als Freund zu behandeln, was denn auch seine Bekannten uachahmen. Ich klage nicht, durchaus nicht! Ich werde gut bezahlt, meine Arbeit interessiert mich, ich bin mehr oder weniger mein eigener Herr und außerdem liebe ich den Fürsten. Sie sind sehr — gütig und nachsichtig, ich tue daher mein möglichstes, um Sie mit meiner Gesellschaft zu verschonen; aber natürlich wage ich es nicht, mir eine Meinung von
I Ihrem — von Ihnen zu bilden."
„Ich möchte aber, daß Sie sich eine Meinung von m:r bildeten", sagte sie in schmollendem Tone.
„Dann müssen Sie auch wissen, daß ich nur die beste Meinung von Ihnen haben kann."
„Das weiß ich durchaus nicht. Was sie da von Stellung und Arbeit sagen, ist natürlich die reine Ironie, denn in Pauls Augen kommt Ihnen kein Mensch auf der Welt I nieidj."
I Steinmetz warf einen scharfen Blick auf sie. Die Möglich keit daß sie Paul vielleicht lieben könne, hatte er me in Betracht gezogen. War das Eifersucht? Er hatte es immer für Eitelkeit gehalten.
„Und Paul hat gewiß recht", fuhr sie lächelnd fort. „Verstehen Sie denn nicht? Ich möchte Sie gern zum I '^ieU<3ie hsal/"i'hn dabei nicht an, streckte ihm aber mit I reizendem Schmollen die Hand hin. , ,
° Diese kleine, weiße Hand brachte Stemmetz, der doch an vieles gewöhnt war, etwas in Verwirrung; er nahm sie jedoch in seine großen, warmen Finger, hielt sie eilten Augenblick fest und ließ fie dann wieder fallen. ,
Warum sprechen Sie immer nur mit Nelly und igno- nieren mich? Halten Sie Nelly für gar so hübsch?"
„Ist das die ganze Freundschaft, die Sie wünschen I antwortete er, während es unter dem grauen Schnurrbart zuckte. „Ich fürchte, Frau Fürstin,, daß meine Freund- I schäft schwereres Geschütz ist, als Sie voraussetzen.,
Einige Augenblicke schwieg sie, indem sie müßig Mit beiU Di? Nähe^von Karl Steinmetz hatte etw^ Bemchigen- | des, Vertrauenerweckendes, das selbst auf Gtta Eindri
Neuigkeiten werden mich die ganze Nacht nicht schlafen, lassen, mein lieber Stephan. Wissen Sie näheres? Un- I glaublich, unglaublich ! Ja, es giebt einen Gott im Himmel, — wie können <die Menschen nur daran zweifeln!" I
„Ja, es giebt einen Gott im Himmel", sagte Stephan I Lanowitsch ruhig. „Gewiß weiß ich Näheres. Robert Beaumont war in Thors, und, wie Sie sich erinnern, genau über die Armenliga orientiert. Es scheint, daß seine Frau ihn und die Papiere in Twer erwartete. Er stahl sie aus meinem Zimmer, aber sie fielen ihm nicht alle in die Hände; I sonst würden Sie nicht hier sitzen, lieber Freund. Er er- wischte die Liste des Komitees, der einheimischen und ausländischen Agenten, aber die vollständige Liste der Liga sand er nicht. Er stahl die Liste der Beiträge, hatte aber nichts davon; denn die Summen waren nur mit einer Ziffer bezeichnet; und den Schlüssel zu diesen Ziffern bil- I bete die vollständige Liste, die ich verbrannte, als ich die anderen Papiere vermißte." I
„Tas war klug", sagte Steiumetz, mit dem Kopfe nickend. „Sie sind ein kluger Mann, Lanowitsch, aber zu gut für diese Welt und die Schurken, die darin leben. Erzählen Sie weiter." , , I
„Wie cs scheint, ritt Beaumont mit den Papieren nach Twer und übergab sie dort seiner Frau, die sie nach Paris brachte, während er wieder nach Thors zurückwollte; I denn er war grenzenlos unverschämt. Aber er verschwand, wie Sie vielleicht wissen."
„Ja, er verschwand", wiederholte Steinmetz, sicy die Stirn reibend.
„Noch eins", sagte der Graf in seiner geschäftsmäßigen, ruhigen Weise. „Wassili bezahlte dem Weibe zweimal- hunderttauseud Francs für die Papiere." I
„Seinen Vorgesetzten hat er wahrscheinlich dretmal- hunderttausend ungerechnet", fügte Steinmetz hinzu.
„Jetzt aber müssen Sie gehen", sagte der Graf, indem I er sich erhob und Steinmetz mit seinem sonderbaren, wie verwaschenen Lächeln die Uhr zeigte.
Tie beiden Männer et mannten sich innig.
„Gott beschütze Sie, mein lieber, mein teurer Freund", sagte der Graf. „Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder, — vielleicht auch nicht."
Steinmetz kehrte auf dem linken Trottoir des Newski- Prospektes — auf dem anderen geht kein Mensch — zurück, während der Schlitten ihm folgte. Nach einiger Zett trat er in ein großes, glänzend erleuchtetes Cafs und knöpfte feinen Rock auf. . . a .... „
„Geben Sie mir ein Glas Bier, em großes Glas Bier >"
,',Friert cs Euer Exzellenz M fragte der Kellner ehr- | xrbietig, während er den schäumenden Krug vor ihn stellte. _ .
„Nein, im Gegenteil", antwortete Steinmetz.
Er trank das Bier aus, hielt dann seine Hand in den Schatten des Tisches und sah, daß sie nur noch wenig zitterte. _ .
„Ja, jetzt ist es schon besser, aber ich muß noch ein bischen sitzen bleiben", murmelte er vor sich hin. „Ich war ganz aus Rand und Band, — das ist mir noch me passiert. Diese Laternen aus dem Prospekt! Gott, wie sie hin und hertanzten!"
Er legte die .Hand über die Augen, als wollte er das helle Zimmer, das grelle Gaslicht, die glänzenden Flaschen und die Tische, die noch immer nicht stillstehen wollten, nicht mehr sehen. t ,
Plötzlich stand er auf, stieg schwerfällig wieder in den Schlitten und fuhr in dem gewöhnlichen, halsbrecherischen Tempo in den Palast am oberen Ende des Englischen Quais zurück.
Dort angelangt, lieh er Paul sagen, daß er zuruckgekehrt sei und sich zum Diner umkleiden wolle. Seinem Diener, einem flinken, schweigsamen Menschen, fiel sem seltsames Benehmen auf; denn er bewegte sich beim Ankleiden ganz langsam, wie jemand, der von einem schweren Fall oder einer starken Ueberanstrengung betäubt ist.
Als Steinmetz sich in den Salon begab, warf er einen Blick auf seine Uhr. Sie zeigte, zwanzig Minuten nach sieben; er hatte also noch zehn Minuten Zeit.
Gleich darauf öffnete er die Tür des Salons- Etta saß allein vor dem Kamin und warf einen jener raschen, unstäten, wie fgiehetzten Blicke auf ihn, die Steinmetz erst seit der Ankunft in Petersburg an ihr bemerkt hatte.


