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1903. — Nr. 115.
Mittwoch den 4. August. / \
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Von der Kathedrale schlug es sechs Uhr, als Steinmetz aus dem Newski-Prospekt auf den großen Platz vor dem Dome trat.
Er fand bald den Kasan-Bazar, ein wahres Nest von Spielzeugläden, stieg, den gegebenen Weisungen folgend, erne enge Treppe empor und klopfte an die Tür links an der obersten Treppe.
„Herein!" antwortete eine Stimme, die ihn zurückfahren ließ. v 0
Im nächsten Augenblick hatte er die Tür aufgerissen. Tas Zimmer war klein, von einer Petroleumlampe hell beleuchtet, und am Tische saß ein alter Mann mit einem breiten, gütigen Gesicht, einer hohen Stirn, dünnem Haar und einem seltsam sanften Lächeln.
„Sie!" rief Steinmetz. „Stephan!"
„Ja, kommen Sie herein und schließen Sie die Tür."
Er legte die Feder beiseite, stand ans unb küßte Karl Steinmetz nach russischer Art auf beide Wangen.
„Ja, mein lieber Karl. Es scheint, daß der liebe Gott für Stephan Lanowitsch noch etwas Arbeit übrig hat. Ich bm ganz leicht, auf dem gewöhnlichen Wege, mit Hilfe bezahlter Flnchtagenten durchgekommen unb seit gestern abend in Petersburg. Aber ich bars nicht lange bleiben, soiibern muß weiter nach Süben. Vielleicht kann ich dort noch gutes tun. Ich höre, baß Paul in Twer Wunder wirkt."
„Wie steht es mit bem Gelbe?" fragte Steinmetz, der immer praktisch war.
„Tas hat Katharina geschickt, bas gute Kinb! Die härteste Bebinguug, bie der Agent stellte, war, daß ich keinen meiner Angehörigen sehen dürfte. Meine Frau, — nun, du lieber Gott, daran liegt mir nicht viel; sie ist zweifellos wohlaiif intb eifrig dabei, sich vor der Kälte zu schützen. Aber Katharina, das ist etwas anderes, — sagen Sie, wie geht es ihr? Tas ist das erste, was ich wissen
antwortete
Erzählen
starrte sie Bremiers. Gefährteil.
„Ich habe sie gestern gesehen, sie ist gesund", Steinmetz. ' a '
„Und Paul?" fragte Graf Lanowitsch rasch.
Sie,mr auch von ihm." 1 '
„Er hat geheiratet."
Graf Lanowitsch betrachtete die Lampe und als interessiere ihn der Mechanismus des
D«nn richtete er seinen Blick wieder auf seinen
„Wissen Sie, wie die Dinge stehen?"
„^ch weiß von nichts", antwortete Steinmetz.
Ter Graf blickte ihn forschend an, stieß einen schwachen
Seufzer aus und ließ das Thema fallen. '^acyen
„Gilt, reden ivir von Geschäften", sagte er. „Ich Habs biet ziu fragen und Ihnen viel zu erzählen. Vor allem bitte ich Sie, Katharina aufzusuchen und ihr zu sagen, daß ich gesund unb in Sicherheit bin, daß sie aber noch mehrere! Jahre lang keinen Versuch machen darf, mich zu besuchen oder mit mir zu korrespondieren. Natürlich sind Jhnett keine Berichte über meinen Prozeß zugekommen. Ich wurde auf die Aussagen bezahlter Zeugen hin wegen Auf-, reiznug zur Empörung verurteilt. Fortan werde ich entweder im Süden ober in Oesterreich leben, aber es ist besser für Sie, wenn Sie nichts Genaues wissen." kurz toiH auct) 0ar "ichts wissen", sagte Steinmetz
„Katharina soll mir auf bent gewöhnlichen Wege Geld schicken, aber nicht mehr als bisher' das genügt für meine kleinen Bedürfnisse. Vielleicht treffen wir uns eines Tages in der Schweiz ober in Amerika. Sagen Sie das meinem teuren Kinde, sagen Sie ihr, daß ich täglich Gott um dieses Wiedersehen anslehe. Was Rußland betrifft, so ist sein Tag noch nicht gekommen und wird auch zu unserer Zeit nicht mehr kommen. Lieber Freund, wir sind nur die Säeleute. Jetzt aber wollen wir von der Vergangenheit sprechen. Ich bin nicht müßig gewesen und weiß, wer die Papiere der Armenliga stahl und verkaufte: ich weiß, wer sie kaufte."
Steinmetz verschloß die Tür und kehrte wieder an den Tisch zurück. Jetzt lächelte er nicht mehr, ganz im Gegenteil.
„Erzählen Sie", sagte er. „Ich bin furchtbar neugierig."
Graf Lanowitsch blickte mit jenem seltsam sanften Lächeln empor, wie man es in Gefängnissen lernt.
„O, ich hege keinen Groll", sagte er.
„Aber ich", antwortete Steinmetz trocken. „Wer hat die Papiere ans Thors gestohlen?"
„Robert Beaumont!"
„Großer Gott! Ist das wahr?"
„Ja, lieber Freund."
Steinmetz strich sich wie betäubt mit der breiten Hand über die Stirn.
„Und wer hat sie verkauft?"
„Seine Frau."
Graf Lanowitsch starrte noch immer den Brenner bei Lampe an. Der Mann hatte etwas seltsam Gebrochenes an sich, als sei er am Ende seines Lebens angelangt, als könne ihn nichts mehr berühren.
„Ich kann erraten, wer sie gekauft hat, — Wassili", sagte Steinmetz.
„Sie haben recht geraten", antwortete Lanowitsch ruhig.
Steinmetz setzte sich nieder unb wischte sich mit einem großen Taschentuche die bleiche Stirn; es kam ihm furchtbar heiß vor im Zimmer.
„Diesmal haben Sie mich überrascht", gestand er. „Ihrs


