Mmüsg dru 5. Januar.

1903 Nr. 3.

Eine Skizze.

Von Ruth Reinhardt.

(Nachdruck verboten.)

Es war in *6dt 50 er Jahren. Die äußeren Lebens- verhältnisse waren weniger kompliziert als heutzutage, die Menschen dagegen werden Wohl ziemlich dieselben gewesen sein.

Am Tage vor Neujahr rumpelte die schwerfällige Post­kutsche durch die holprigen Straßen der Stadt S. Der Postillon, voller Ehrfurcht vor dem dahinsterdenden alten Jahre blies feierlich den Choral:Das alte Jahr ver­gangen ist". Hinter den frostbemalten Fenstern tauchten hie und da die Silhuetten Neugieriger empor vor dem Posthause hatte sich eine Schar Wißbegieriger angesammelt, verlief sich aber Lis auf wenige alte Männer ebenso schnell, nachdenr als einzige Insassen ein alter Handels- Wann und ein junger Herr dem Innern des Postaugetüms entstiegen waren. 'Der letztere wäre Wohl int stände ge­wesen, in seiner schmucken Jägertracht, mit dem jugend­lichen Blondkopfe und den blitzenden blauen Augen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenkem Er ließ den Blick Über die Gaffer schweifen und fühlte sich ab gestoßen durch das forschende Mißtrauen, das ihm aus allen Augen entgegenblitzte. Er liiftete zu flüchtigem Gruße den Hut, warf eine vollgepackte Reisetasche über die Schulter, griff Nach einem festen Knotenstock und schritt, keck und hochmütig den Kopf zurückwerfend, an der kleinen Gesellschaft vor dem Posthause vorüber, dem Stadttore zu.

Ist das nicht Karl Thieß aus Hiesdorf?" brummte ein Graubart.Der scheint ja ganz aus der Art ge­schlagen, mag seinem Alten ein gut Stück Geld kosten." »,Na, dem wird bald das Lachen vergehen"ist doch eilt Skandal, daß er nicht früher kam", so knurrte Und brummte es durcheinander, während die Männer Wit den Füßen stapften, sich den Schnee von den Stieseln schlugen, und dann zu den dampfenden Punschgläsern in die behagliche Wirtsstube des Posthalters zurückkehrtcn.

Nur gut, daß Karl Thieß nicht vernahm, was die alten WirtshausphUosophen in bedächtiger Rede über ihn und die Seinen verhandelten; ihm möchte doch bange Iums Herz geworden sein bei den Auspizien, " die sie ihm für seine Zukttnft stellten.

, Er atmete erleichtert auf, als er die Stadt hinter M hatte. War's ihm doch gewesen, als ob aus allen Ecken uvd Winkeln der engen Gassen neugierige vorwurfs­volle BMe ihm gefolgt wären.

Rüstig schritt er durch das wette glitzernde Schueefeld Dem WEe entgegen, der sich tote eine majestätische dunkle Masse inmitten der weißschimmernden Felder erhob.

. Der Wend war völlig yereingebrochen, als Karl Thieß M den Wald hineinbvg. Er hatte lustig vor sich yin- tzepftfsen, verstummte aber wie in unwillkürlicher Ehr­

furcht, als die Einsamkeit des Waldes ihn Umfing. FH« war hier jeder Schritt und Tritt vertraut; iw Walde hatte er sein halbes Leben verbracht, er kannte ihn zu jeder Jahreszeit, in jeder Stimmung. Wer von solchen^ fast andächtigem Schauer batte er sich noch nie erfaßt gefühlt. War es das Heunatsgefühl, das ihn beschlich oder war es die hehre Schönheit der Winternacht, die ihkl umgab? Die ehrwürdigen Tanuen und Buchen, die zarten Erlen und Mrken, die tausenderlei Farren, Gräser und Moose wirkten in ihrem schneeigen Schmuck wie verzauberte Wesen im Märchenlande. Es war, als ob die Natur in Schlummer gesunken wäre: nur dann und wann ging ein Aechzen dttrch den Wald wie von schweren Träumen, oder ein Rauschen und Raunen, als hielten die Wald geister Zwiesprache mit einander.

Ter Mond warf sein nrildes Licht über all die feier­liche glitzernde Pracht, einige Teile des Waldes ganz' in Tunkel hüllend, andere wieder neckisch mit seinen Strahlen durchflutend. Karl Thieß war ein leichtlebiger froher Gesell, die schneidende Kälte schien seine Lebens­geister nur doppelt anzuregen. Energtsch schritt er vor­wärts und kraus wirbelten die Gedanken durcheinander.

Was es nur mit dem Vater sein mochte? Ob et wirklich ernstlich krank war? Ach wo das war nun einmal Schwester Mnna's Art. Sie mußte gleich alles zu wichtig uno schwer nehmen. Immer wußte sie seinen Frohsinn zu dämpfen.

Es war ja freilich dumm, daß der Brief ihn nicht zu Hause traf acht Tage waren vergangen da konnte es mit dem Vater schlimmer geworden sein, aber er konnte auch längst wieder gesund sein wer wollte denn gleich das Schlimmste denken? Anna hatte ihn nur zum Weihnachtsfest zu Hause haben wollen so ängstlich, so dringend hatte sie geschrieben aber das tat sie ja immer.

Was hatte er inzwischen für eine lustige Zeit durch­lebt. Da würde doch sein Wer stolz sein, wenn er hörte, in welcher noblen Gesellschaft er die Festzeit verbracht batte. Tie Feiertage waren schon herrlich gewesen in der Forstmeisterei mit den lustigen alten Herrschaften und den feinen jungen Damen. Aber als dann der Erbprinz kam mit seinem lustigen Gefolge, da fing doch erst das schönste Leben an. Tag für Tag die flotten Jagden und abends Tanz und Spiel bis in die tiefe Nacht hinein.

SNn Alter wollte ja immer, daß er sich feine Lebens­art an eignen sollte. Was er wohl sagen würde, wenn er hörte, daß sein Karl ganz gemütlich mit Grafen und Baronen und mit einem wirklichen Prinzen verkehrte? Da fanden sich die feinen Manieren ganz von selbst und unwillkürlich richtete sich Karl strammer empor. Freilich mit dem Spiel das traute er sich nicht, seinem Vater zu sagen! Mein Gott, wie diese vornehmen Mensche« doch das Geld zum Fenster hinauswarfen, rein, als wäre« SVu51 ctj't'CtTi'C!

Eine Mutwelle schoß ihm Ws Gesicht am Ende hätte