1903.
Mittwoch den 4. Hlovemöer.
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(Nachdruck verboten.)
I« UschemüHeii m der BretsWe.
.Bon B. W. Howard.
(Fortsetzung.)
„Gnade Dtr Gott, wenn Du mich belügst! — wenn Du ihm gesagt hast, heute nicht diesen Weg zurückzukommen!"
„Nein, und abermals nein!" rief Guenn heftig. „Ich, tnache mich nicht zur Angeberin von Plouvenecer Männern, wenn nicht gerade ein Menschenleben auf dem Spiele steht. Soll ich, Guenn Rodellec, einem fremden Manne sagen, daß drei bretagnische Seeleute gemeine, schmutzige Feiglinge sind? Lieber bisse ich mir die Zunge ab. Seht Ihr denn nicht, wie ich mich schäme, mich zu Tode schäme, Eurer und meiner selbst, weil ich zu Euch gehöre? Ich möchte lieber sterben, als ihm so etwas sagen, als ihn mit etwas so Gemeinem, Elendem in seinen reinen, edlen Gedanken stören! — Ach, wozu sage ich Euch das alles?" fuhr sie verächtlich, fort, „Ihr kriecht im Staube, und er hebt sein Haupt HU den Wölken. Er ist weiter von Euch entfernt, als der Himmel von der Erde. Ich weiß es ja, ich habe es ja Tag für Tag mit angesehen. Zuerst, da habe ich's freilich nicht so recht verstanden. Ich war wie Ihr 1— nur daß ich niemals so erbärmlich, so feige war. Ihr haßt ihn, weil er gut und freundliche zu allen ist, weil ihn ganz Plouvenec lieb hat, weil er kein Trunkenbold ist, der von Sinnen gerät und in viehischem Zorn drauf los geht! Weil er fleißiger arbeitet als Ihr alle von früh bis spät/ und wenn er müde und mutlos ist, !— was er manchmal sein kann, das habe ich ihm angesehen
geduldig bleibt, und nicht flucht und schwört wie Ihr! Weil sein Leben so rein ist, wie seine Hände — darum haßt Ihr ihn, Ihr Feiglinge! O, ich war so stolz aus mein Plouvenec, — und jetzt — jetzt schäme rch mich seiner!"
Tie trockenen Matter rauschten fort und fort wie unzufrieden, aber Guenn gab nicht acht darauf, auch ihres Vaters drohende Miene schüchterte sie nicht ein.
Ich will jetzt sprechen, keiner kann mir's wehren. Ich hätte es nie für möglich gehalten, so etwas zu sagen, aber Ihr könntet einen Stein zum Reden bringen. Ich kam hierher, um herauszubekommen, wie weit Ihr Eure Schlechtigkeit zu treiben gedenkt; Euch Hoel kann ich nur soviel sagen —" sie lachte verächtlich auf — „daß, wenn Ihr gegen Monsieur Hamvr so dumm angerannt wäret wie gegen mich, er Euch mit Leichtigkeit über die Mauer geworfen hätte. Wollt Ihr aber wissen, was ich ferner zu tun gedenke, so sage ich's Euch Dreien hier in's Gesicht: bisher habe rcy über Eure Bosheit stets geschwiegen. Sie, die nicht mehr ist, weiß das —" ihr Mick ruhte fest und durchdringend auf ihrem Vater —
„sie weiß, daß ich's noch niemals über's Herz gebracht habe. Euch anzuklagen." Ein halb ersticktes Schluchzen entrang sich ihrer Brust. „Ich will es auch ferner nicht tun, wenn sich's vermeiden läßt; aber ich werde nicht zugeben, daß Ihr auch nur ein Haar seines Hauptes krümmt. Ich werde immer zwischen Euch und ihm stehen. Bei keinem ehrlichen Kampfe würde ich mich auf die Seite eines Fremden stellen, gegen meine Landsleute, aber Feiglinge und Mörder sollen einem Manne, wie er ist, nicht nach dem Leben trachten, wenigstens so lange nicht, als ich da bin, um ihre gottlosen Anschläge zu durchkreuzen. Wenn Ihr mich dazu zwingt, werde ich vor ihn treten und ihm Eure Namen nennen, so wahr mir die heilige Jungfrau helfe! Wenn Ihr handelt, handle ich auch. Bleibt Ihr ruhig, so werde ich schweigen. Kann ich ihn schützen ohne Euch preiszugeben, so soll es gewiß geschehen, wenn nicht, so rede ich. Das sage ich Euch r—. ich Guenn Rodellec^ so wahr ich hier stehe!"
„Und rch, Herve Rodellec, —" brauste ihr Vater aus, durch ihren offenen Widerstand gereizt, und ballte drohend die gewaltige Faust, als ihn ein lauter, unheimlicher Schrer erstarren ließ. Die drei Männer bekreuzten sich, und Rodellec hob zitternd die Laterne empor, bei deren fahlem Schein. Nannics Gesicht oben aus der Mauer in gersterhafter Beleuchtung sichtbar ward. Er lag auf den dicken Epheustämmen ausgestreckt, doch war seine Gestalt ganz verborgen, der Kops und die stützenden Arme im Schatten.
„Seht!" rief er, und deutete nach der gegenüberliegenden Mauer, „wie es winkt, winkt, winkt, mit der arnien, blassen Hand!"
Ein dürrer Zweig, der sich leise im Abendwinde bewegte, schlug auf den Granit. In dem ungewissen Dämmerschein und bei der tiefen Stille der Nacht konnten Augen, die der Aberglaube verdunkelte, leicht sehen, was von ihnen verlangt wurde. —
„Ich sehe einen spanischen Matrosen mit blutiger Brust —i ein weißes, blasses Gesicht taucht aus den Wogen auf — und eine bleiche Frauenhand hebt sich drohend empor", rief das Kind aus der Mauer mit singender Stimme.
Wie betäubt starrten sie hinüber, bekreuzten sich angstvoll und begannen abgerissene Gebete zu murmeln. Guenn nickte Nannte dankbar zu.
Rodellec stieß ein erzwungenes Lachen aus. „Das ist seine gewöhnliche Narretei", versuchte er sich und den anderen einzureden.
„Es winkt Dir mit einer knochigen Hand!" warnte die Stimme von der Mauer. „Der spanische Matrose sieht nach Loic, das Gesicht in den Wogen nach Dir — nach Dir." Abermals entstand eine lange, peinliche Pause.
„Da Du alles weißt", begann Rodellec endlich mit geheucheltem Gleichmut, „so sag' uns doch- wo Hamvr, der Maler steckt?"
„Der segelt mit Meurice draußen in der Bucht", er*


