1903. — Nr. 131.
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Freitag den 4. September.^^ cis
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Ter Tag verstrich, wie solche Tage zu verstreichen pflegen. Etta war nicht die Frau, konventtonelle Kopfschmerzen vorzuschützen und sich zu verstecken; sie erschien zum Frühstück und führte während der Mahlzeit kühn das Gespräch.
„Sie hat Geist", dachte Karl Steinmetz hinter seinen ruhigen blauen Augen. Er bewunderte diesen Mut und half ihr daher, indem er mit unerschüttetlichjer guter Laune den Ball der Konversation hin und her warf.
Sie waren vollständig eingeschlossen, und keinerlei Nachricht aus der Außenwelt drang zu der kleinen Gesellschaft hinein, die hinter ihren eigenen steinernen Mauern belagert war. Nelly, furchtlos in ihrer Unschuld, hatte die Absicht, mit ihren Schneeschuhen hinauszugehen, wurde jedoch von Steinmetz mit versteckten Warnungen davon abgehalten.
Während des Vormittags ivar ein jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, doch zum zweiten'Frühstück trafen sie zusammen. Etta war jetzt beinahe trotzig; sie war so nahe daran, Paul zu lieben, daß ein wilder Haß in ihrer Brust anfguoll, so oft er ihr Entgegenkommen mit gelassener Zurückhaltung abwies.
Niemand hatte eine Ahnung, — vielleicht sie selbst nicht, — daß das Oeffnen der Seitentür von ihrer Laune abhing.
Am Nachmittag saßen Etta und Nelly gewöhnlich, in dem kleinen Boudoir, das die Aussicht über die Klippen hatte. In der letzten Zeit war ihr Verkehr etwas gespannt geworden; übrigens hatten sie nie viel miteinander gemein, obwohl die Verhältnisse sie im Leben zusammengeführt hatten.
Als es dunkel wurde, ging Steinmetz aus, denn er hatte mit dem Starosten eine Zusammenkunft verabredet.
_ PEl saß gegen fünf Uhr in seinem Zimmer und tat, als arbeite er,, als Steinmetz eilig eintrat.
Neuigkeit", sagte er kurz. „Kommen Sie mit."
Paul erhob sich und folgte ihm diwch die doppelte Tur iit der dicken Mauer.
. .große Zimmer des Intendanten war nur von emer auf dem Tische stehenden Lampe erleuchtet. Ein großer, grüner Schirm warf alles Licht auf die Platte und lreß das übrige Zimmer im Halbdunkel
In einer entfernten Ecke staiid in abwartender Halt- uiig ein Mann. Paul, der ihn im Dämmerlicht zu er- kenneii uchte kamer verdächtig und zugleich bekannt vor.
Plötzlich trat der Mann rasch auf ihn zu.
„Pawel, Pawel", sagte er mit tiefer, hohler Stimme.
„Freilich, ich konnte nicht erwarten, daß Du mich erkennen wurdest." -
Er schlang die Arme um ihn und umarmte ihn nach russischer Sitte. Dann Hielt er ihn auf Armeslänge von sich.'
„Stephan!" rief Paul. „Nein, ich habe Dich nicht erkannt."
Stephan Lanowitsch hielt ihn noch immer auf Armes- lange von sich und betrachtete ihn ptüfend mit seinen großen, schwachen, blauen Angen.
„Alt geworden, alt geworden", murmelte er vor sich hin. „Mein armer Pawel! Ich hörte in Kiew, — Du weißt, wie wir Ausgestoßenen solche Dinge zu hören bekommen, — daß Du in Not wärest, und darum kam ich her."
Der iiwHintergrunde stehende Intendant zog die- Augenbrauen in die Höhe.
„Es gibt nur zwei Menschen in der Welt, die die Bauern von Twer im Zaume halten können, und das sind imr beide", fuhr Lanowitsch fort. „Ich kam also her, Pawel, ich werde Dir helfen, ich werde Mr beistehen. Zusammen werden wir diese Einpörung gewiß unterdrücken/« „ Paul nickte und ließ sich ein zweitesmal umarmen. Er wußte langst, daß Gras Stephan Lanowitsch von Äiors eiiier der Vielen war, die Gutes mit geschlossenen Augen tun wollen; für den Augenblick hatte er äbsolut keine Verwendung für den ivohlmeinenden Träumer.
„Ich fürchte, die Sache ist zu weit gediehen", sagte er. „Wir können sie nur mit Gewalt unterdrücken, und das möchte ich nicht. Unsere einzige Hoffnung ist, daß dre Flammen von selbst ausbrennen. Die Schreier müssen mit der Zeit heiser werden."
Lanowitsch schüttelte den Kopf.
„Sie schreien seit den Tagen des Ananias und sind noch nicht heiser. Ach, Patvel, ich fürchte, in der Welt wrrd nie Friede werden, bis die Schwätzer heiser sind/«
„Wie bist Du hergekommen?" fragte Paul.
„Mit einem Bündel.auf dem Rücken, — als Hausierer. Ich machte mich mit dem Stärosten bekannt, und er vermittelte beit Verkehr mit unserem guten Karl." P „Hast Du vielleicht im Dorf etwas erfahren?" fragte
„Nein, sie sind argwöhnisch, wollen nicht reden. Aber ich verstehe die armen Narren, Pawel. Ein kleines Steinchen würde die Strömung ihrer Ueberzeugungen ändern. Sag' ihnen, wer der Moskauer Doktor ist, — das ist Deine einzige Rettung."
Steinmetz brummte zustimmend und schritt müde dem Fenster zu. Es war dies ein altes, vergebliches Argument von ihm.
„Tann kann ich auch keine» Tag länger hier bleibens KPaul. „Glaubst Tu, daß Petersburg einen Fürsten m wird, der unter seinen Bauern arbeitet?"
Lanowitsch schüttelte mit einem leichten, duldsamen Lächeln den weißen Kopf; er liebte diese armen.


