— 446 _
sie es nicht mit eingepackt habe. Ein heftiger Schreck erfaßte sie.
Wer anders als Natta konnte es genommen haben, und zwar erst heute nachmittag, während sie bei der Beerdigung war, denn sie erinnerte sich, es vorher noch gesehen zu haben. Sie mußte sofort Natta aufsuchen und sie vor ihrer Abreise zur Herausgabe des entwendeten Bildes bewegen. Mit dieser Absicht ging sie hinunter, und als sie Natta vergeblich in ihrem Zimmer gesucht hatte, begab sie sich nach dem Gartensaal.
Dort stand Natta mit gerungenen Händen, fassungslos, verstört, bleich wie ein Geist, und am Boden lagen verstreute Fetzen Papier.
„Natta — das Bild — was ist — was ist geschehen?" stieß Traute entsetzt heraus, Traute am Arm fassend.
„Um Gotteswillen, Traute", jammerte Natta in furchtbarer Angst, „sic nahm es mir mit Gewalt — ich wollte es ja nicht — bei Gott! Ich wollte es nicht — ich wollte es ihm geben!"
„Wer — was — schnell, schnell, sprich deutlich!"
Natta erzählte mit angstbebeuden Worten, was geschehen war. Als Onkel Paul Brief und Bild gesehen, sagte er zu Alma — o, er sah furchtbar dabei aus — „komm, ich muß mit Dir allein reden", — sie wollte nicht mit ihm gehen, aber sie mußte — o, ich habe ihn noch nie so> gesehen — niemand hätte in diesem Augenblick gewagt, chni zu widerstehen — sie gingen in sein Zimmer — o. Traute, Traute, das giebt ein Unglück!"
Aber Trante war schon zum Zimmer hinaus. Sie hörte lautes Schreien und Weinen, und sie stürzte nach der Richtung. '
_ , In ihrem Zimmer lag Alma am Boden in Wein- und Schreikrampfen, ihre Mutter, Frau Stroppa und einige Dienstboten waren um sie bemüht. Ihr Gatte fehlte.
„Wo ist Herr Lehmigke?" fragte Traute atemlos Onkel Tom, der ihr rn der Thür begegnete.
„Mein Gott, weiß ich's? Es scheint, es hat einen Krach gegeben zwischen den Beiden" - er wies mit dem Daumen über die Schulter nach Alma — „es lag wohl schon lange in der Luft nun ist auch da das Wetter losgebrochen und hat em bischen eingeschlagen. Ja, ja, so was kommt w den besten Ehen vor — heiraten ist gut, aber nicht heiraten ist besser." ~
Traute hörte schon lange nicht mehr aus ihn. „Wo boten ^bhmrgke?" fragte sie den nächststehenden Dienst-
„Ach, Fräulein, der ist fortgegangen."
„Fortgegangen? Hinaus?"
„Ja, er setzte seinen Hut auf und nahm feinen Stock UNd — und —"
„Was, und?"
„Herjeses, Fräulein, er sah so aus, ich weiß gar nicht wie, und ehe er vorging, sah ich ihn nebenan in der Kammer lemen Gewehrschrank ausmachen und etwas in die Tasche stecken, ich glaube, es war eine Pistole, wahrhastigen Gott, Fraulein, eine Pistole! Ach, ich zittre so, mein Gott, mein Gott, was wird das werden!"
m^kK^Besinnen stürzte Traute zum Hause hinaus.
11 n‘3 Hagelkörner schlugen ihr in das Gesicht, der Sturm raubte ihr säst den Atem, Blitze zuckten um sre herab und schienen rechts und links neben ihr m den Boden zu fahren, während der Donner krachenden, knatternden Geschützsalven glich.
~ Sie kämpfte sich vorwärts, sie lief mit Aufbietung all ihrer Kräfte, so schnell sie lausen konnte. Sie wußte, «Ägehen hatte, sie kannte den nächsten Weg cr&t,tjmgnröe genau, lieber ihr bogen sich die Pappeln an der Fahrstraße im Sturm, Aeste brachen und splitterten herab, und um den Weg zu kürzen, stürzte sie mit keuchendem Atem quer über das Stoppelfeld, das der Sturm peitschte. Sie sprang über Gräben, sie stolperte und fiel in Ackerfurchen, ste raffte sich auf, nur vorwärts, vorwärts!
Üblich versagten ihre Kräfte, sie fiel und schlug mit dem Gesicht Hart auf den Boden. Aechzend blieb sie liegen, wahrend der Regen auf sie niederströmte und der Sturm ste wie em wildes Tier packte und anbrüllte.
, Sterben? Hat der Himmel keinen Blitz für sie? Nein l.chk ist keine Zeit zum Sterben, weiter, weiter! Sie rafft sich auf ünd taumelt weiter. Wer jetzt geht es nur langsam vorwärts.
Endlich da! — Ein gellender Aufschrei entfährt ihr.
Sie hat die Höhe eines Sandhügels erreicht/ dck Unten unter der einsamen Fichte, da steht ein Mann und etwas Dunkles liegt am Boden, und der Mann hat etwas in der Hand — was th'ut er?
Es ist Paul Lehmigke. Vor ihm am Boden, in seinem Blute liegt Löschnitz, und eben ladet er die Pistole wieder und richtet sie gegen die eigene Schläfe. Er will losdrücken, da krampft sich eine Hand wie eine Kralle in seinen Arm' und eine zweite schlägt ihm die Waffe aus den Fingern. Ern Schuß kracht und fährt in den Fichtenstamm.
m Entgeistert starren sich zwei Menschen an. Mit einem. Ruck schüttelte sich Lehmigke bett unliebsamen Störer ab.
„Sind Sie wahnsinnig? Was wollen Sie — hier haben Ste nichts zu suchen!" schreit er zornig auf. Er will sich nach der Pistole bücken.
Aber Traute ist schneller als er. Schon hat sie die Waffe tti der Hand und schleudert sie weit weg. Er will chr nachstürzen, aber sie wirst sich ihm in den Weg, sie krallte sich ait feine Brust und hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an ihn.
„Soll ich ins Zuchthaus?" schreit er wieder, mit aller Macht feinet; Lungen den Sturm übertäubend, „entehrt, geschändet von dem da —" er wies auf den leblosen Körper — „und auch noch seinetwegen als Mörder ins Zuchthaus?"
~ „Ja, ja — besser Zuchthaus als Selbstmord!" slehte Traute, die ihn nicht los ließ.
„Warum? Nein, nein — besser tot als ehrlos —"
„Nein, nein", schrie Traute auf, „alles, alles — nur das nicht! Erbarmen Sie sich! — haben Sie Mitleid!" „Mitleid? Mit wem?"
„Mit mir! Ich ertrage es nicht!"
„Mit — Ihnen!"
«Ja, ja, mit mir! Tann töten Sie mich wenigstens erst!"
„Sie — warum?"
„Weil — weil — o mein Gott —" sie schlang in besinnungsloser Verzweiflung beide Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn.
„Traute, Traute — was heißt das? Warum sind Sie hier, an diesem Ort des Schreckens, warum wollen Sie mit mir sterben?"
t „O — fragen Sie nicht", schluchzte Traute auf, „ich darf nicht reden, ich muß ja schweigen!" Sie war halb von Sinnen, sie wußte kaum, daß sie sich immer fester an ihn klammerte.
lieber den Verzweifelten katn plötzliche die Ruhe. Schweigend hielt er das zitternde Weib an seinem Herzen.
Die Gewalt des Orkans war gebrochen, grollend zog sich das Wetter in die Ferne. Seufzend strich der Wind über die verwüstete Ebene und der Regen rieselte unaufhaltsam, gleich einem unversieglichen Thräuenstrom des Himmels.
„Jetzt weiß ich alles. Traute. Gott sei uns gnädig."!
„Und Sie werden nicht mehr daran denken, zu sterben?" fragte Traute, indem sie das bleiche, thränenüberströmts Gesicht zu ihm hob, in das der Wind die nassen Haarsträhnen peitschte.
Er sah sie mit einem unaussprechlichen Blick voll Liebe und Trauer an. Und dieser Blick haftete sehnsüchtig an ihren Lippen, an ihrem lieblichen Mund.
„Nein, jetzt gilt es, dem Leben die Stirn zu bietem Jetzt kann ich das Leben weiter tragen, wenn auch als ent Unseliger." Er zog sie ivieder an sein Herz und streichelte anft ihren nassen Scheitel. „Gieb mir Kraft, mein Liebling, tandhast wie ein Mann das zu tragen, was kommen muß — gieb mir Mut!"
Da hob Traute das leuchtende Auge zu ihm aus: „Ich liebe Dich und ich werde Dich lieben, mag kommen, was will — ob getrennt für immer — ob Kerker und Tod uns auseinanderreihen — ich liebe Dich — nur Dich!"
„O Gott, Gott — ist es denn möglich ? — Ist es möglich? — Wer ich darf Deine süßen Lippen nicht küssen — nicht, o lange die Sünde und die Schuld zwischen uns stehn — ich darf Deinen lieben Mund nicht entweihen mit einem sündigen Kuß — hier, an dieser Stelle, — wo —"
Mit einem Schauder wandte er sich nach seinem Opfer und mit einem Aufschrei fiel Traute auf ihre Kniee, neben den leblosen Körper.
„Tot? Ist er tot?"


