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Des Mends oder in den stillen Mittagsstunden durch­zuckte es sie mit stechendem Schmerz. Böje und immer wieder Wie! Wohl tausendmal hatte sre in diesen Monaten aus der Schwelle ihres Ärmlichen Stübchens in der Haupt­stadt gestanden und ihren Blick durch den stillen Raum schweifen lassen. Es war ihr, als spräche alles flüsternd zu ihr: Das Sausen des Windes, das durch die Fenster­scheiben drang, das Rascheln der Tapete an der Wand, Böses kurze Atemzüge eine Sprache so voller Schmerz, voll Entbehrung und süßen Liebesleids. Wie hatte sie doch nur dies Zimmer verlassen können!

Nun ging sie hier umher, in Küche und Keller be­schäftigt, die Kinder tummelten sich voll frischer Lebenslust im Garten und auf dem Felde, sie selber rief dem Vater ein ermunterndes Wort zu, nickte zu den Mädchen hinüber, alles mit freundlicher Miene. War das recht? Als ob ihr nicht das Geringste fehle! Als ob es nicht Tag und Nacht in ihr brenne! Dieses Schweigen, das Böses Namen umgab, diese Entfernung von allem, worin fie bisher ge­lebt hatte, diese warmen, gemütlichen Abende aus der ersten Zeit ihrer Ehe, diese harten Mißklänge, die später ihr Glück übertönt hatten, diese qualvollen Selbstank'lagen, die sie sich über jedes lieblose Wort machte, das sie zu ihm gesagt hatte, und dann seine lange Krankheit, sein stilles Leiden, sein schweigsames Aufgeben der Lebenshoffnung das Ganze überkam sie mit einer Gewalt des Schmerzes, die sie oft fast zu Boden beugte.

(Fortsetzung folgt.)

Berühmte Schifffahrtskanäle.

Von Arnold Rohde.

Nachdruck verboten.

In allen Kulturländern hat man den Schifffahrts­kanälen während der letzten Jahre erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt, und es hat sich allgemein gezeigt, daß eine Steigerung des Bahnverkehrs eine Erweiterung und Ver­besserung des Kanalnetzes erforderlich macht. Vielleicht aber könnte es doch jemandem befremdlich erscheinen, daß man noch jetzt die Anlage großer Kanäle für die Binnen­schifffahrt plant, wo die Eisenbahnen mit großer Geschwindig­keit Massengüter zu niedrigen Tarifsätzen befördern und außerdem vor den Wasserstraßen den Vorzug aufweisen, daß sie weit weniger als diese von Einflüssen des Klimas und der Witterung abhängig sind. Aber die Kanäle haben jetzt mehr als zuvor die Aufgabe zu erfüllen, den Handel des Inlandes mit dem der Meere zu verbinden, und wenn auch die Bahnen heute gleichfalls in sehr vollkommener Weise diese Verbindung bewirken, so sind sie doch den Massenbeförderungen von Rohstoffen nicht gewachsen. Mag auch der Frost des Winters für einige Zeit zur Einstellung des Kanalverkehrs zwingen, der Vorzug, daß die Schiff­fahrtstraßen so außerordentlich viel größere Massen an Gütern zu befördern vermögen, fällt doch so sehr ins Ge­wicht, daß ihnen die Eisenbahnen vermutlich niemals den Rang ablaufen werden. Außerdem bietet der Kanal zweifellos beit Vorteil, daß er lange nicht so hohe Selbst­kosten für die Frachtbeförderung beansprucht, wie die Eisen­bahn. Kanal und Eisenbahn sind Konkurrenten; aber allem Anschein nach wird keiner dieser Konkurrenten den Gegner aus dem Felde schlagen. Sie sind beide vielmehr ge­zwungen, die Arbeitslast zu teilen und einem Zwecke zu dienen dem Weltverkehr.

Bei dem großen Interesse, welches man heute all­gemein und ganz besonders im Handel, den Kanälen zu­wendet, dürfte es gerechtfertigt erscheinen, eine Reihe der berühmtesten Kanäle und ihre Bedeutung ins rechte Licht zu rücken, sowie auch der Entwickelung der Kanalschifffahrt seit den frühesten Zeiten einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Mas den Kanalbau betrifft, so müssen wir die Chinesen an erster Stelle nennen; ihr Kanalwesen hatte sich schon in glänzender Waise entwickelt, als die europäischen Kultur­staaten noch gar nicht an den Bau von Kanälen dachten. Tie heutigen Großstaaten begannen mit den Kanalbauten überhaupt erst in der neuen Zeit, während sich die Holländer und die Republiken Norditaliens im Kanalbau schon im Mittelalter hervorgethan hatten. Frankreich, welches von allen europäischen Staaten das umfangreichste und vor­trefflichste Kanalnetz besitzt, begann erst unter Ludwig XIV. mit dem Bau des Kanals von Languedoc (1666); dann folgte gegen Mitte des 18. Jahrhunderts Großbritannien,

das die Sache mit großer Energie betrieb', jedoch in der Anlage der Kanäle mannigfache Fehler beging, von welchen ich weiter unten noch sprechen werde. Deutsche land i st hinter seinen Nachbarstaaten noch weit zurück, selbst hinter dem kleinen Belgien; doch gehören die deutschen Kanalanlagen zu den technisch vollkommensten.

Zu der Zeit, als Holland sein prächtiges Kanalsystem' beendet hatte, und auch Frankreich seine Binnenschifffahrt bereits eröffnet hatte, hatte England noch keinen einzigen Kanal.

Zwar waren in England schon von den Römern Kanäle gebaut worden, und einer derselbe u, der Foss Dyke in Lincolnshire, ist noch schiffbar, aber ein eigentliches Ver-i kehrsmittel ist derselbe nicht. Ein solches wurde erst durch das Unternehmen des Herzogs von Bridgewater geschaffen, welcher die Initiative zu dem Bau des nach ihm be­nannten Kanals gab. (Chambers' Journal 28. Dez. 01.) Im Jahre 1767 wurde Manchester mit Liverpool durch einen Kanal verbunden, welcher den Jrwell auf einem hohen Aquädukt kreuzte. Das schnelle Wachstum der Kohlen- und Eisenindustrie hatte nunmehr eine rapide Ausdehnung des Handelsnetzes zur Folge und bald waren 3000 englische Meilen Kanallänge eröffnet.

Thörichterweise waren die ersten englischen Kanäle nicht mit massiven Ufermauern versehen. Tie Ufer sind ab ge­böscht, sodaß zu schmale Fahrbahnen entstanden. Dadurch kommt es, daß z. B. die Maximallast von London nach Liverpool via Shrvpshire Union Canal nur 25 Tonnen be­trägt, wogegen eine weitere Last von fünf Tonnen ge­tragen werden könnte, wenn der Kanal in gutem Zustand wäre. Ein weiteres, großes Hindernis ist der Mangel an Verbindungen der Kanäle untereinander, infolge der Ver­schiedenheit in der Höhe ihrer Wasserspiegel. Kaum zwei Kanäle in England und Wales stimmen in dieser Hinsicht überein.

Tie Gesamtlänge der Kanüle in England beträgt 3050 engl. Meilen, in Schottland 154 und in Irland 609 engl. Meilen. Tie meisten englischen Kanäle sind viel zu schmal, während die irischen erheblich breiter sind.

Ter Schiffskanal von Manchester ist eines der groß?- artigsten Werke moderner Jngenieurkunst. Derselbe ist im ganzen 351/2 engl. Meilen lang und seine Gesamtkosten be­trugen 300 Millionen Mark. Er geht von Eastham am linken Ufer des Mersey aus und endigt an der Trafford Bridge in Manchester. Bei Barton befindet sich ein Treh- aquädukt, längs dessen das Wasser des Bridgewater-Kanals geführt wird, ein hydraulisches Schiffshebewerk stellt big Verbindung zwischen beiden Kanälen her.

Verbesserungen, welche kürzlich hinsichtlich! der Schiff­barkeit des Flusses Weaver ausgeführt wurden und einen Kostenaufwand von 1400 000 Mk. nötig machten, haben jenen Fluß zu einem der schönsten Wasserwege Englands gemacht, dem wichtigsten nächst dem Manchester-Kanal. Zwei iteue, bei Northwich für 500 000 Mk. errichtete Drehbrücken sind die ersten «d urch Elektrizität betriebenen Brücken dieser Art in England. Als Resultat dieser Verbesserungen können Schiffe von 400 Tonnen den Fluß direkt von Liver­pool nach Manchester befahren. Es ist erwähnenswert, daß die Schifffahrt aus« dem Weaver stets erfolgreich mit den Eisenbahnen in dem Transport schwerer Güter kon­kurriert hat.

In Frankreich giebt es schon 6000 Kilometer Kan-al- längc. Viele der Kanäle sind abgabenfrei und die Bau-, Meliorations- und Unterhaltungskosten werden vom Staate gezahlt.. Durch ein Gesetz von 1879 wird gleiche Tiefe aller Haupt-Wasserstraßen der Republik vorgeschrieben, so daß diese durch Schiffe von 300 Tonnen und einem Tief­gang von 6 Fuß befahren werden können. In auffallen­dem Gegensatz zu der Enge der englischen Wasserstraßen zeichnen sich °die belgischen Kanäle, namentlich« der Ostende und Brügge verbindende Kanal, durch ihre große Breite aus. Amsterdam und Rotterdam werden von zahlreichen Kanälen durchschnitten. Ter bekannte Amsterdamer Schiff- fahrtskanal erforderte zehn Fahre Bauzeit, bei einem Kostenaufwand von 52 000 000 Mk. Tie Länge dieses Kanals beträgt 26i/2 Kilometer. Da Seeschiffe mit großem Tonnen­gehalt mit Bequemlichkeit den Kanal befahren können, so bildet derselbe eine prächtige Verbindung der Stadt mit der Nordsee. Ter Bau des Kanals durch den Isthmus von Korinth nahm, obgleich dieser Wasserweg nur 6,5 Kilo- meter lang ist, mehr als zehn Jahre in Anspruch und